Die Zahl der Neuinfektionen in der Schweiz geht durch die Decke. 8616 Neuinfektionen innerhalb eines Tages waren es bereits an diesem Mittwoch. Für ein Land mit acht Millionen Einwohnern ist das erheblich. Zum Vergleich: In Deutschland sind etwa 15.000 Neuinfektionen innerhalb eines Tages nachgewiesen worden, bei 83 Millionen Einwohnern. Die Inzidenz, die in der Schweiz nicht die Neuinfektionen innerhalb von sieben, sondern 14 Tagen angibt, liegt bei 762,6 Fällen pro 100.000 Einwohner.

Dabei sprachen Experten wie der Epidemiologe Andreas Cerny schon Anfang Oktober von einer zweiten Welle und warnten vor zu laschen Maßnahmen. Doch erst am 19. Oktober beschloss der Bund eine landesweite Maskenpflicht auch in öffentlich zugänglichen Räumen wie Supermärkten, Ämtern und Kinos.

Ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens in Bern entnimmt in einer sogenannten Drive-Through-Corona-Teststation einen Test bei einem Autofahrer.
Ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens in Bern entnimmt in einer sogenannten Drive-Through-Corona-Teststation einen Test bei einem Autofahrer. | Bild: Marcel Bieri/Keytone/dpa

Zuvor galt die Maskenpflicht nur in öffentlichen Verkehrsmitteln, nach und nach führten die Kantone sie auch für Geschäfte ein – mit der Konsequenz, dass einige Schweizer zum Einkaufen ins noch maskenfreie Nachbarkanton fuhren. Die uneinheitlichen Regeln scheinen sich nun gerächt zu haben.

Zu wenig Regeln vom Bund?

Ein Sprecher des Bundesamts für Gesundheit (BAG) sagt dem SÜDKURIER auf die Frage, weshalb die Maskenpflicht und andere Maßnahmen erst so spät bundesweit Pflicht wurden, lediglich: „In der besonderen Lage sind die Kantone für die Umsetzung der Maßnahmen zuständig.“

Ein Krankenwagen fährt in die Einfahrt eines Krankenhauses in Bern. Wegen rasant steigenden Corona-Infektionszahlen schrillen in der Schweiz die Alarmglocken.
Ein Krankenwagen fährt in die Einfahrt eines Krankenhauses in Bern. Wegen rasant steigenden Corona-Infektionszahlen schrillen in der Schweiz die Alarmglocken. | Bild: Anthony Anex/Keystone/dpa

Mehr als eine Woche später sah sich der Bund dann offenbar doch gezwungen, die Maßnahmen zu verschärfen – und zwar ohne Enddatum: Sie gelten vorerst unbefristet. „Der Schaden für die Wirtschaft wäre größer, wenn wir jetzt nichts tun“, lautet plötzlich der Tenor. Man habe keine Zeit vertan, rechtfertigt sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga gegen den Vorwurf, unnötig lange gewartet zu haben, um bundesweite Maßnahmen umzusetzen.

Dennoch bleiben die neuen Schweizer Maßnahmen lascher als die deutschen: Restaurants und Bars müssen bei den Eidgenossen nun um 23 Uhr schließen, Discos werden ganz dicht gemacht. Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen sind verboten, Freizeitaktivitäten mit mehr als 15 Menschen sind ebenfalls nicht erlaubt. Der Unterricht an Universitäten darf nur noch digital stattfinden.

Zusätzlich will der Bundesrat mit den im Vergleich zu den PCR-Tests die viel schnelleren Antigen-Tests einsetzen, um positive Fälle schneller isolieren zu können.

Ein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes zur Kontakt-Nachverfolgung sitzt im Contact-Tracer-Zentrum in Basel an einem Computer. Die Abteilung wertet Daten im Zusammenhang einer Corona-Infektion auf und informiert die Personen, mit dem der Infizierte möglicherweise in Kontakt gekommen ist.
Ein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes zur Kontakt-Nachverfolgung sitzt im Contact-Tracer-Zentrum in Basel an einem Computer. Die Abteilung wertet Daten im Zusammenhang einer Corona-Infektion auf und informiert die Personen, mit dem der Infizierte möglicherweise in Kontakt gekommen ist. | Bild: Gaetan Bally/Keystone/dpa

Hohe Auslastung der Intensivbetten

Doch möglicherweise kommt der Schritt zu spät. Denn inzwischen drohen die Intensivbetten in den Krankenhäusern knapp zu werden: Insgesamt stehen in der Schweiz nach Angaben des zuständigen koordinierten Sanitätsdienst (KDS) 23.746 „Akutspitalbetten“ zur Verfügung, 17.358 sind belegt. Intensivbetten stehen 1057 zur Verfügung, 725 sind schon jetzt belegt. Die Zahl der Covid-19-Patienten in Akutbetten ist innerhalb von zehn Tagen von 341 auf 1159 gestiegen, in den Intensivstationen von 68 auf 207 (Stand 27. Oktober).

Zwar ist eine Auslastung der Intensivbetten zu etwa zwei Dritteln normal, doch sollte die Zahl der intensivpflegebedürftigen Covid-19-Patienten weiter steigen, müssten beispielsweise Operationen verschoben werden, um Betten freizuhalten.

Die Sorge hat auch der Sanitätsdienst, wie auf der Webseite des Bundesrats zur Situation in der Intensivversorgung zu lesen ist: „Die aktuelle Entwicklung lässt befürchten, dass die Akutspitäler in wenigen Wochen an die Grenzen ihrer Kapazitäten stoßen.“ Mehr noch: „Ohne weitere Maßnahmen wird die Zahl der freien Akutbetten für die allgemeine Pflege voraussichtlich in den nächsten zehn Tagen von heute rund 30 Prozent auf unter 10 Prozent sinken.“

Eine Krankenschwester schließt im Krankenhaus in Sion einen Behälter mit einer Probe mit einem Nasenabstrich eines Patienten, der auf das neuartige Coronavirus getestet wird.
Eine Krankenschwester schließt im Krankenhaus in Sion einen Behälter mit einer Probe mit einem Nasenabstrich eines Patienten, der auf das neuartige Coronavirus getestet wird. | Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone/dpa

Noch kritischer stuft der Dienst die Situation in der Intensivversorgung in den Krankenhäusern ein: „Ohne weitere Maßnahmen ist davon auszugehen, dass bereits in etwas mehr als einer Woche sämtliche Plätze belegt sind.“ Außerdem fürchtet die KDS, dass die Situation sich noch „dadurch verschärft, dass der Altersdurchschnitt der Neu-Infizierten und damit parallel auch die Zahl der Personen, die hospitalisiert werden müssen, steigt“.

Gesundheitsminister Alain Berset versucht sich in ein paar Worten des Zuspruchs: „Wir wissen heute viel mehr über das Virus als im März und können besser darauf reagieren.“ Ob die Maßnahmen ausreichen, um die rasante Ausbreitung in der Schweiz abzufangen, muss sich zeigen.

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Dass die Schweiz nun den Schwellenwert für die Quarantänepflicht für Einreisende nach oben korrigiert, spricht Bände. Auf die Liste von Risikogebieten, die eine anschließende Quarantäne in der Schweiz verlangen, kommen nur noch Staaten und Gebiete, die eine Inzidenz haben, die „um mehr als 60 höher ist als die Inzidenz der Schweiz“. Die Schweizer Risikoliste umfasst nun nur noch Belgien, Tschechien, Andorra und Armenien, die französischen Regionen Hauts-de-France und ÎIe de France/Paris und Französisch-Polynesien.

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