Der Klimawandel schien bisher weit weg. In der Sahelzone, auf den Malediven, in Bangladesch. Jetzt kommen aus dem eigenen Land Bilder wie aus einem Kriegsgebiet. Meterhohe Fluten reißen ganze Häuser mit. Menschen klettern auf Dächer und warten auf Hilfe. Erde rutscht ab, Straßenzüge werden unterhöhlt, im Katastrophengebiet tun sich Abgründe auf. Das Ausmaß des Schadens, vor allem aber die Zahl der Toten übertrifft alles, was man sich bisher in Deutschland vorstellen konnte.

Die Nation wird einige Zeit brauchen, um diesen Schock zu verkraften. Vorerst hat es Vorrang, Hilfe zu organisieren, Trümmer wegzuräumen und den Betroffenen beizustehen. Danach aber wird die Ursachenforschung folgen. Die Mehrheit der Wissenschaftler hält es inzwischen für erwiesen, dass die Häufung solcher Katastrophen auf den CO2-Austoß moderner Industriegesellschaften zurückzuführen ist. Jeder Politiker muss sich künftig fragen lassen, welche Konsequenzen er aus diesen Erkenntnissen zieht. Klimaschutz, das sieht in Gemeinden wie Erftstadt jeder, ist Menschenschutz.

Der Wahlkampf wird neu aufgerollt

Somit wirbelt das Hochwasser einen Wahlkampf durcheinander, der in den Augen vieler fast schon gelaufen schien. Alte Tricks ziehen jedenfalls nicht mehr. Gerhard Schröder zog 2002, als die Häuser an der Oder unter Wasser standen, die Gummistiefel an und inszenierte sich als Krisenmanager, der in der Not an- und zupackt. Das sicherte ihm damals die Wiederwahl. Heute wirken solche Gesten daneben. Zwar macht sich auch Armin Laschet auf ins Unglücksgebiet, aber er kommt nicht als Wahlkämpfer, sondern als Ministerpräsident seines schwer getroffenen Bundeslandes. Das ist legitim – Malu Dreyer macht es in Rheinland-Pfalz genauso.

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Politisch gesehen, warten auf Laschet wie auch auf alle anderen Wahlkämpfer andere Fragen. Tun Bund, Länder und Kommunen genug für den Hochwasserschutz? Sind sie auf die Wetterlagen, die der Klimawandel mit sich bringt, ausreichend eingestellt? Und vor allem: Was tun Parteien und Kandidaten, um die Ursachen solcher Katastrophen zu bekämpfen?

Man muss kein Anhänger der Grünen sein, um zu erkennen, dass die Frage vor allem den CDU-Kandidaten in Bedrängnis bringt. Laschet redet zwar von Klimaschutz, doch das Wahlprogramm seiner Partei bleibt in diesem Punkt vage. In seinem eigenen Bundesland kämpfte er mit Nachdruck für den Klimakiller Braunkohle, weil er um die Arbeitsplätze im Revier fürchtete. Die Grünen haben es da leichter, weil sie solche Rücksichten weniger zu nehmen brauchen und das Hochwasser eines ihrer Kernthemen ganz nach oben auf die Tagesordnung spült.

Auch Nichtstun kostet Geld

Trotzdem ist noch nicht ausgemacht, ob die Katastrophenbilder aus der Eifel die Gewichte im Endspurt des Wahlkampfs noch verschieben können. So wie Corona ist Klimaschutz eine Frage von Abwägung und Prioritäten. Worauf es hinausläuft, wenn die Politik Ernst macht, zeigte vor wenigen Tagen das Konzept der Europäischen Kommission: Tanken wird teurer, Heizen wird teurer, Reisen wird teurer.

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Im nächsten Jahrzehnten sollen Autos mit Diesel- oder Benzinmotor von den Straßen verschwinden – und mit ihnen viele Jobs in der Fahrzeugindustrie. Der Aufschrei aus Wirtschaft und Bevölkerung hätte schriller nicht sein können, auch wenn er plötzlich deplatziert wirkt. Denn die zerstörten Städte und Gemeinden im Westen Deutschlands stellen klar, dass auch Nichtstun Geld und Wohlstand kostet – und, ja, auch Menschenleben.

Bitte keine Symbolpolitik

Nach dieser Katastrophe kann die Klimadebatte daher nicht mehr entlang der alten Schützengräben geführt werden. Der Versuch, das Problem kleinzureden oder als Schwärmerei schulschwänzender Jugendlicher abzutun, hat sich erledigt. Ebenso wenig bringt die Symbolpolitik der vergangenen Jahre. Es mag in den Ohren junger Wähler beeindruckend klingen, wenn eine Stadt wie Konstanz den Klimanotstand ausruft. Beim Energieverbrauch jedoch bleibt alles beim Alten. Für die Zukunft braucht es ehrlichere und realistischere Konzepte, nur dann kann die Energiewende in der Mitte der Gesellschaft ankommen. Selbst dem rechten Rand der CDU und den Marktradikalen der FDP ist inzwischen klar, dass die Wähler keine Ausflüchte sehen wollen, sondern Angebote. Allein die AfD bleibt dabei und sagt, Gewitter und Hochwasser habe es immer schon gegeben. Wer derzeit seinen Keller auspumpt, will so etwas nicht hören.

Es ist eindeutig, dass Klimaereignisse wie diese immer häufiger vorkommen und immer stärker ausfallen: Die Experten sagen es schon seit Jahren. Jetzt hat es Deutschland getroffen und die Republik ringt um Fassung. Im Ziel sind sich alle Parteien einig, nicht aber im Weg dorthin. Der Streit darüber dürfte die Schlussphase des Wahlkampfs bestimmen. Gut so, er ist überfällig.