Cem Özdemir muss erst einmal das Rednerpult höherstellen, die Vorrednerin Lena Schwelling, grüne Landesvorsitzende, ist einen guten Kopf kleiner. Auch die politische Perspektive für den schwäbischen Grünen-Politiker hat sich verändert, seit der 56-Jährige vor zehn Monaten Minister in der Ampel-Bundesregierung wurde. Ausgerechnet der Geschäftsbereich Ernährung und Landwirtschaft ging an den Verkehrsexperten und Vegetarier Özdemir – durchgekämpft bei den Bundesgrünen mit dem Schwergewicht des einzig grünen Ministerpräsidenten der Republik, Winfried Kretschmann, seines väterlichen Förderers.

Anträge zur Energiesicherheit und Zukunft des ländlichen Raums

So kommt Özdemir am Samstag als Parteipromi und erster baden-württembergischer Bundesminister der Grünen überhaupt zum Landesparteitag, der bei den Grünen Landesdelegiertenkonferenz heißt, nach Donaueschingen. Erstmals seit 2019 treffen sich die Grünen hier wieder in Präsenz. Sie stellen sich programmatisch für die Zukunft im Land auf, Leitanträge zur Energiesicherheit und die Zukunft des ländlichen Raums sollen verabschiedet werde. Die Pandemie scheint Vergangenheit, vielleicht ein Dutzend Masken verliert sich unter den rund 400 Teilnehmern in den Donauhallen. Die Freude beim Parteivolk ist groß, aber die Welt hat sich verändert, und das macht noch deutlicher, wie sehr sich auch die Grünen über die Jahre verändert haben.

Delegierte der Grünen von Baden-Württemberg sitzen während ihrem Landesparteitag in der Donauhalle.
Delegierte der Grünen von Baden-Württemberg sitzen während ihrem Landesparteitag in der Donauhalle. | Bild: Philipp von Ditfurth/dpa
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Die Partei mit Wurzeln in Pazifismus- und Antiatomkraftbewegung regiert im Land seit elf Jahren und nun wieder im Bund mit. In der Bundesregierung sind die Grünen die treibende Kraft für die Ausweitung von Waffenlieferungen an die Ukraine, und Özdemir, der gelb-blaue Ukraine-Solidaritätssocken trägt, verteidigt das mit Leidenschaft. „Ich bin stolz darauf, dass unsere Wähler unseren Weg mitgehen“, ruft Özdemir, und kein Buhruf trübt den lautstarken Applaus. Sind das überhaupt noch die Grünen? „Auf jeden Fall“, sagt entschieden Landtags-Fraktionschef Andreas Schwarz, „das sind die Grünen, die Regierungsverantwortung wahrnehmen.“

Kretschmann und Özdemir nehmen Habeck in Schutz

Die Abrechnung mit dem Bund und die Beschwörung von Mut, Solidarität und Zusammenhalt in Krisenzeiten übernimmt dann in Donaueschingen Winfried Kretschmann, der in seiner Rede vor den Delegierten SPD und Union die Mitverantwortung für die Energiekrise infolge des Ukraine-Kriegs zuschreibt. „Jetzt fallen uns die strategischen Fehlentscheidungen der letzten Bundesregierungen auf die Füße, sie haben uns von russischem Gas abhängig gemacht“, sagt Kretschmann.

Winfried Kretschmann steht während dem Landesparteitag seiner Partei auf der Bühne und spricht.
Winfried Kretschmann steht während dem Landesparteitag seiner Partei auf der Bühne und spricht. | Bild: Philipp von Ditfurth/dpa

Der Regierungschef nimmt, wie auch Özdemir, unter größtem Applaus explizit den grünen Energie- und Wirtschaftsminister Robert Habeck gegen die harsche Kritik der vergangenen Tage in Schutz. Der habe in nur sieben Monaten dafür gesorgt, dass die Gasspeicher auch ohne russisches Gas zu 90 Prozent gefüllt seien. „Es ist keine Schande, dass bei einem solchen Höllenjob einmal etwas schiefgeht. Da würde ich mir schon ein bisschen Demut wünschen von SPD und CDU, die uns mit ihrer Energiepolitik überhaupt erst in diese Lage gebracht haben“, so Kretschmann.

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Dass es in Baden-Württemberg, wo er selbst seit elf Jahren regiert, noch nicht so richtig vorangekommen ist mit der Energiewende, kaschiert Kretschmann in seiner Rede hinter den ambitionierten Beschlüssen der vergangenen Monate: Task Force für Windkraftausbau, Nachbesserung des Klimaschutzgesetzes, Solardachpflicht für Neubauten, Wasserstoffstrategie. „Die Lage erfordert aber noch deutlich mehr, wir wollen die Solardachpflicht für alle geeigneten Gebäude im Land“, so Kretschmann. Ein Ziel, gegen das sich der CDU-Koalitionspartner sträubt.

Grüne planen Stärkung des ländlichen Raum

Die Landespartei nimmt indes bereits die Kommunalwahlen 2024 in den Blick. Die Wahl des Veranstaltungsorts Donaueschingen ist dabei. Die Grünen, lange nur in den Großstädten im Südwesten stark, wollen sich mit der Stärkung des ländlichen Raums in der Fläche stärker festsetzen und dabei vor allem dem Koalitionspartner CDU Konkurrenz machen. Was die Versöhnung von Landwirtschaft und Naturschutz betrifft, ist das für die Grünen allerdings kein „gemähtes Wiesle“ im Land, wie der erbitterte Konflikt rund um das Volksbegehren „Rettet die Biene“ zeigte. Dass die grün geführte Landesregierung nun am Freitag den „Strategiedialog Landwirtschaft“ gestartet hat, der alle Seiten an einen Tisch bringen und den Sektor zukunftsfähig machen soll, kommt der Partei dabei sehr entgegen.

Ställe sollen tiergerechter umgebaut werden

Und auch ein Bundesagrarminister ist enorm wichtig, um hier neue Brücken zu schlagen. Am Vortag des Parteitags noch war Cam Özdemir mit der Bundesbauministerin auf einem Hof in Ehingen-Dettenhausen, um in Augenschein zu nehmen, wie Baugesetze so geändert werden können, dass Landwirte ihre Ställe tiergerechter umbauen können, ohne draufzuzahlen. Özdemirs Pragmatismus kommt an bei der landwirtschaftlichen Klientel, die Tatsache, dass ausgerechnet ein Grüner, Vegetarier und Muslim daran arbeitet, dass die Schweinehaltung im Land besser aufgestellt ist, verschafft ihm Respekt. Özdemir gibt in Donaueschingen preis, woran er sich orientiert: „Die Blaupause dafür, wie ich Politik im Bund machen möchte, ist, wie es Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg macht. Alle an einen Tisch holen, hart streiten, und am Ende ziehen alle an einem Strang.“

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Das klingt vertraut, zumal in schwäbischer Mundart. Die Debatte über die Kretschmann-Nachfolge 2026 wird derzeit im Land nicht geführt. Aber sie ist nur vertagt. Özdemir war trotz seines Bekenntnisses zur Bundespolitik immer überaus beliebt bei den Südwest-Grünen, daran hat sich nichts geändert. Und Perspektiven können wechseln.