Mehr als zwei Millionen Menschen haben seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges ihre ukrainische Heimat verlassen. Sie fliehen vor der Gewalt und Zerstörung in ihren Städten und Dörfern und versuchen, sich im Ausland in Sicherheit zu bringen. Einige ukrainische Flüchtlinge sind auch in der Region zwischen Bodensee, Hochrhein und Schwarzwald bereits angekommen – und weitere Hilfesuchende werden erwartet.

Allein in Radolfzell sollen in den kommenden Tagen rund 100 Menschen aus der Ukraine ankommen. Freiwillige waren am Donnerstag mit zwei Bussen eines Radolfzeller Busunternehmens in Richtung polnisch-ukrainischer Grenze aufgebrochen, um Hilfsgüter ins Krisengebiet zu transportieren und auf dem Rückweg Flüchtlinge mitzunehmen. SÜDKURIER-Reporter Marcel Jud ist mit an Bord und berichtet hier regelmäßig von der Mission des Hilfskonvois.

Erste Ukrainer im Kreis Konstanz angekommen – Flüchtlinge sind von Hilfsbereitschaft gerührt

In nahezu allen Gemeinden in Singen und dem Hegau sind die ersten Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind, empfangen worden. „Wir versuchen alles, dass sie hier bei uns erst einmal zur Ruhe kommen“, berichtet Hilzingens Bürgermeister Holger Mayer. Dafür hatten Privatpersonen ihre Hilfe angeboten und die Schutzsuchenden bei sich aufgenommen. Ähnlich sieht es in Rielasingen-Worblingen, Singen, Engen und Gottmadingen aus.

Die Flüchtlinge im Badischen Hof, von denen hier die meisten zu sehen sind, freuen sich über die große Hilfsbereitschaft der Stockacher.
Die Flüchtlinge im Badischen Hof, von denen hier die meisten zu sehen sind, freuen sich über die große Hilfsbereitschaft der Stockacher. | Bild: Ramona Löffler

Einer privaten Initiative ist es auch zu verdanken, dass 20 ukrainische Flüchtlinge im Badischen Hof in Stockach untergekommen sind. Die Familien aus Odessa und Kiew leben derzeit in dem leerstehenden Hotel und sind dankbar und gerührt, dass sie nach ihrer dramatischen Flucht so herzlich in Stockach aufgenommen wurden.

Auch die Stadt Konstanz rückt zusammen, um Geflüchteten aus der Ukraine zu helfen. Privatvermieter hätten bereits Ferienwohnungen zur Verfügung gestellt und auch einige Hoteliers bieten einzelne Zimmer an, berichtet Bürgermeister und Krisenstabsleiter Andreas Osner. Außerdem gebe es ein Projekt, bei dem sich Bürger melden können, wenn sie Wohnraum zur Verfügung stellen wollen.

Privatpersonen bieten im Bodenseekreis ihre Hilfe für Geflüchtete an

Wie viele Ukrainer bereits im Bodenseekreis angekommen sind, lässt sich vorerst nur schätzen. Sicher ist aber: Es werden noch deutlich mehr Menschen erwartet. Auch hier ist die Solidarität mit den Hilfesuchenden groß. Es werden Privatunterkünfte und Ferienwohnungen angeboten, in denen die Geflüchteten unterkommen können. „Die Hilfsbereitschaft ist enorm, das hilft uns ungemein“, sagt Friedrichshafens Stadtsprecherin Monika Blank. Die Gemeinde Immenstaad plant zudem, die alte und zurzeit leerstehende Grundschule für eine Unterbringung Geflüchteter herzurichten.

Rainer Zanker und seine Lebensgefährtin Mariya Babina (von rechts) haben Natasha und ihre Tochter Nastya (vorne mit Hund Cooper), die ...
Rainer Zanker und seine Lebensgefährtin Mariya Babina (von rechts) haben Natasha und ihre Tochter Nastya (vorne mit Hund Cooper), die aus Kiew geflohen sind, bei sich aufgenommen. Mariya Babinas Tochter Alisa hilft beim Übersetzen. | Bild: Helmar Grupp

Ganz direkte Hilfe haben auch Rainer Zanker und seine Lebensgefährtin Mariya Babina aus Markdorf angeboten und Natasha und ihre elfjährige Tochter Nastya mit Kater Ozzy und Golden Retriever Cooper bei sich aufgenommen. Natasha ist überglücklich, dass sie und ihre Tochter nun in Sicherheit sind und schildert dramatische Erlebnisse in ihrer umkämpften Heimat.

Schwarzwälder setzen alle Hebel in Bewegung, um zu helfen

Bereits in der vergangenen Woche haben Bürger aus Bräunlingen und den Ortsteilen einen Hilfskonvoi ins ukrainisch-polnische Grenzgebiet geschickt. Zurück kamen die drei Busse mit 37 Geflüchteten an Bord, die zunächst mit einer kleinen Stärkung versorgt und dann medizinisch betreut wurden. Außerdem richteten Freiwillige im Gasthaus Linde eine Flüchtlings-Unterkunft ein.

In Sumpfohren angekommen gab es erstmals ein Frühstück für die aus ihrem Heimatland vertriebenen.
In Sumpfohren angekommen gab es erstmals ein Frühstück für die aus ihrem Heimatland vertriebenen. | Bild: Andrea Wieland

In Triberg hat eine Familie Eltern und Freunde aus der Ukraine bei sich aufgenommen. Olena Bondarenko und Töchterchen Antonina freuen sich, dass die Eltern Natascha und Oleksandr Skuturuii und ihre Freunde Vitalij und Katerina Golovin die Flucht nach Deutschland geschafft haben.

Maria Noce hat bereits die Dachgeschosswohnung des Hospizes Via Luce in VS-Schwenningen für Ukraine-Flüchtlinge vorbereitet.
Maria Noce hat bereits die Dachgeschosswohnung des Hospizes Via Luce in VS-Schwenningen für Ukraine-Flüchtlinge vorbereitet. | Bild: Hospiz Via Luce

Alle Hebel in Bewegung setzen auch die Bürger von Villingen-Schwenningen. Maria Noce hat schon eine Dachgeschosswohnung im Hospiz Via Luce frei geräumt, die Betten sind liebevoll bezogen: Dort sollen Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine untergebracht werden. Im Netz wird sie für ihr Engagement als Heldin gefeiert, obwohl sie das eigentlich gar nicht sein will.

Die Suche nach Wohnraum für Geflüchtete läuft am Hochrhein auf Hochtouren

Wie in der ganzen Region werden auch am Hochrhein zahlreiche Flüchtlinge aus der Ukraine erwartet. In Rheinfelden rechnet Oberbürgermeister Klaus Eberhardt mit 200 bis 300 Menschen – und bereitet deren Ankunft vor, so gut es geht. Ein Aufruf an die Bevölkerung, Wohnraum zur Verfügung zu stellen, habe Resonanz gezeigt. Er gehe davon aus, dass man sich auf eine längerfristige Unterbringung einstellen werde.

Auch in Stühlingen werden bereits Wohnungen für Geflüchtete gesucht. Eine Transportfirma, die auch ukrainische Beschäftigte hat, versucht nun, Wohnraum für die Familien ihrer Mitarbeiter zu organisieren.