Stellen Sie sich einen Tag in der Zukunft vor: Sie wohnen in Friedrichshafen und wollen nach Konstanz zur Arbeit. Früher haben Sie den Katamaran, das Auto oder die Bahn genommen. Doch heute entscheiden Sie sich einfach für das Flugtaxi.

Schneller als alle anderen unterwegs

Nach dem Start steigen Sie auf etwa 600 Meter Höhe. Anschließend fliegen Sie mit rund 100 Kilometern pro Stunde über den Bodensee. Links sehen Sie den Gipfel des Säntis, rechts die Burg in Meersburg. Während des Flugs beantworten Sie Mails oder lesen die Nachrichten. Nach etwa 15 Minuten landen Sie in Konstanz.

Nach 15 Minuten erreicht das Flugtaxi Konstanz.
Nach 15 Minuten erreicht das Flugtaxi Konstanz. | Bild: Lukas Ondreka/ Illustration: Isabelle Graef

Zu dem Zeitpunkt sind alle anderen Pendler noch im Auto, in der Bahn oder auf dem Katamaran. Dem Piloten brauchen sie kein Trinkgeld zu geben. Denn das Flugtaxi fliegt bereits autonom.

Schnelles Wissen

Flugtaxis in China – warum nicht auch am Bodensee?

Im chinesischen Taizhou transportieren Flugtaxis bereits Menschen, in Zukunft könnten die Flugobjekte auch am Bodensee herumfliegen. Dieses Szenario mag abgehoben klingen, wäre aber eine Möglichkeit, Reisezeiten zu verringern. Der Bodensee kann aufgrund seiner Größe manchmal ein Verkehrshindernis sein: Wer beispielsweise von Friedrichshafen nach Konstanz will, braucht je nach Verkehrsmittel mindestens 50 Minuten.

Bild 2: Flugtaxi am Bodensee
Bild: Gerhard Plessing

Diese Strecken ließen sich mit einem Flugtaxi deutlich schneller bewältigen als mit Bahn, Auto oder Fähre:

 

Sollten Flugobjekte im Einsatz sein, die sogar 200 statt den angegebenen 100 km/h fliegen können, würden sich die Reisezeiten noch mal deutlich verringern.

Wo würden Lufttaxis landen?

Für Flugtaxis gibt es in Großstädten wie Singapur bereits spezielle Landeplätze:

Ein Landeplatz für Flugtaxis in Singapur.
Ein Landeplatz für Flugtaxis in Singapur. | Bild: Volocopter GmbH

Nach deutscher Rechtslage wäre es denkbar, dass Flugtaxis auf Gebäudedächern landen. Dafür gelten in puncto Genehmigung und Bau ähnliche Rahmenbedingungen wie bei Hubschrauberlandeplätzen. Es wäre also möglich, dass ein Flugtaxi auf dem Dach des Bodensee-Centers in Friedrichshafen startet und auf dem Dach des Telekom-Turms in Konstanz landet.

Der Telekom-Turm in Konstanz. Darüber schwebt ein fiktionales Flugtaxi.
Der Telekom-Turm in Konstanz. Darüber schwebt ein fiktionales Flugtaxi. | Bild: Cian Hartung/Illustration: Isabelle Graef

Neben Gebäudedächern bieten sich vor allem Flughäfen an. Während sich die Verantwortlichen der Flughäfen Zürich, Basel und Altenrhein noch keine Gedanken über Flugtaxis machen, ist man beim Bodensee-Airport in Friedrichshafen bereits weiter.

Flughafen Friedrichshafen: Rechnen mit Nachfrage

Wie Pressesprecher Bernd Behrend sagt, habe die Geschäftsführung des Flughafens zu dem Thema Flugtaxis bereits Gespräche mit Start-ups und Forschungsgruppen geführt. „Der Flughafen Friedrichshafen kann damit das Einzugsgebiet in Richtung Ostschweiz, Österreich oder des südlichen Bodenseeufers erweitern.“

Bernd Behrend, Pressesprecher des Bodensee-Airports Friedrichshafen.
Bernd Behrend, Pressesprecher des Bodensee-Airports Friedrichshafen. | Bild: Benjamin Schmidt

Als weiteren Grund für das Interesse nennt Behrend die mangelnde ICE-Anbindung. „Friedrichshafen wird in absehbarer Zeit keine ICE-Verbindung erhalten.“

Bild 6: Flugtaxi am Bodensee
Bild: Gerhard Plessing/Illustation: Isabelle Graef

Momentan gebe es allerdings noch gesetzliche Rahmenbedingungen in Sachen Flugsicherung zu klären, sagt Behrend. „Es bringt ja nichts, wenn in Friedrichshafen die Infrastruktur steht, aber auf der Strecke oder am Zielort noch nichts abschließend geregelt ist“, so der Pressesprecher.

Aber taugen Flugtaxis zum Massentransport?

Ob Flugtaxis wirklich Verkehrsprobleme lösen werden – da ist Florian Holzapfel, Professor für Flugsystemdynamik an der TU München skeptisch. „Flugtaxis werden niemals zum Massentransport taugen“, sagt er. Und wie klimafreundlich die Flugobjekte seien, hänge letztlich auch davon ab, woher der Strom für die Elektrobatterien komme.

Florian Holzapfel, Professor für Flugsystemdynamik an der TU München.
Florian Holzapfel, Professor für Flugsystemdynamik an der TU München. | Bild: Florian Holzapfel

„Um mit der Energiebilanz eines E-Autos mitzuhalten, braucht man insgesamt große Strecken“, sagt er. „Das senkrechte Starten und Landen verbraucht überproportional viel Energie.“ Dazu könne das Verkehrsmittel nur auf wenigen Strecken einen Vorteil bieten. „Wenn ich beispielsweise aus der Stadt mit der Bahn herausfahren kann, brauche ich kein Flugtaxi.“

Was würde ein Flug kosten?

Bei dieser Frage geben sich viele Hersteller noch zugeknöpft: Das Flugtaxi-Unternehmen Volocopter aus Bruchsal bei Karlsruhe kalkuliert zu Anfang des Linienbetriebs mit Preisen von 150 bis 200 Euro pro Flug. Aber werden sich bei den Preisen nur Reiche Flüge leisten können?

Testflug eines Flugtaxis Video: Volocopter GmbH

Nein, meint Pressesprecherin Helena Treeck. „Wenn das Flugtaxi in Massen produziert wird, wird es günstiger. Sobald wir autonom fliegen können, soll sich jeder ein Flugtaxi leisten können, der sich auch ein normales Taxi leisten kann.“ Was das aber genau für den Preis bedeutet, dazu macht Volocopter bislang keine Angaben.

Auch beim Konkurrenten, dem bayerischen Flugtaxi-Unternehmen, scheint ein Flug nicht günstiger zu werden. „Das Ziel von Lilium ist es, dass Ticketpreise vergleichbar sind mit einem ICE-Ticket der ersten Klasse“, erklärt ein Lilium-Pressesprecher.

Das amerikanische Start-up Joby ist dagegen konkreter: 1,50 Euro sollen Passagiere pro Kilometer ab 2024 zahlen. Für die Strecke Konstanz-Friedrichshafen würde das bedeuten: etwa 35 Euro.

Wie realistisch ist es, dass Flugtaxis in unserer Region fliegen?

Dass Lufttaxis des Unternehmens Volocopter in der Bodenseeregion unterwegs sein werden, hält Pressesprecherin Helena Treeck für unwahrscheinlich. Das Unternehmen habe seinen Fokus vorerst auf Großstädte gelegt. Daher sollen die Flugtaxis des badischen Herstellers vorerst nur in Großstädten wie Singapur, Paris oder Dubai starten.

Ein Flugtaxi des Herstellers Volocopter.
Ein Flugtaxi des Herstellers Volocopter. | Bild: Volocopter GmbH

Anders ist es beim bayerischen Hersteller Lilium. „Es gibt einen Markt für uns vor allem dort, wo Bedarf für Hochgeschwindigkeitsmobilität besteht, aber keine ICE-Strecke“, sagt ein Sprecher, „das kann auch in der Region rund um den Bodensee sein.“

Ein Flugtaxi des bayerischen Unternehmens Lilium.
Ein Flugtaxi des bayerischen Unternehmens Lilium. | Bild: Lilium GmbH

Bisher habe der Hersteller Start- und Landeplätze unter anderem in den Städten Stuttgart, München oder Nürnberg geplant. „Aber vom Flughafen Stuttgart aus könnte es in Flugtaxis mit fünf oder sieben Sitzen auch Richtung Bodensee gehen, das ist durchaus möglich“, so der Sprecher. „Da kann die Bodenseeregion ein zukünftiger Zielmarkt werden.“

Unterwegs in die Zukunft

Dieser Artikel ist Teil des Projekts „Unterwegs in die Zukunft“. Die Volontäre des SÜDKURIER haben sich gefragt, welche Probleme es bei der Mobilität in der Region gibt und wie diese gelöst werden können. Hier finden Sie alle Geschichten des Projekts.

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