Am Tag nach der Bluttat von Heidelberg, bei der ein 18-Jähriger in einem Hörsaal der Universität eine 23-Jährige erschossen und drei weitere junge Menschen verletzt hat, bevor er sich selbst das Leben nahm, gibt es auf wichtigsten Fragen noch keine Antworten. Woher hatte der Täter die Waffen? Was war das Motiv für die Bluttat? Und wie sicher sind Hochschulen und Bildungseinrichtungen im Land, wie kann man junge Menschen vor solchen Angriffen schützen?

Vater alarmiert die Polizei

Am Tag danach kommen mehr Details ans Licht. Innenminister Thomas Strobl (CDU) fasst am Dienstag in Stuttgart vor Journalisten das Lagebild zusammen. Demnach ist es 12.32 Uhr am Montagmittag, als im Polizeirevier Heidelberg-Mitte das Telefon klingelt. Der Anrufer warnt die Polizei, sein Sohn habe ihm gerade eine Whatsapp-Nachricht geschickt: Dass jetzt Menschen bezahlen müssten. Und dass der Sohn nicht auf einem Friedhof begraben werden wolle. Sondern sich eine Seebestattung wünsche. Der Vater nimmt die Nachricht bitter ernst. Doch da ist die Katastrophe schon geschehen.

Nur wenige Minuten zuvor hatte der 18-jährige Student der Biowissenschaften an der Universität Heidelberg einen Hörsaal auf dem Campus am Botanischen Garten betreten, bewaffnet mit einer Schrotflinte und einem Repetiergewehr, im Rucksack rund 100 Schuss Munition. Rund 30 junge Menschen saßen im biowissenschaftlichen Tutorium, als der Täter den Raum betrat und ohne Vorwarnung begann, um sich zu schießen.

Täter richtet sich selbst

Um 12.24 Uhr gehen gleichzeitig sieben Notrufe bei der Polizei ein, nur sechs Minuten später sind drei Streifenwagen vor Ort, Beamten mit Amokschutzausrüstung stürmen in das Gebäude. Um 12.43h sind die Beamten am Tatort im Hörsaal, suchen den Täter, suchen mutmaßliche Mittäter. Kurz darauf finden sie im Außenbereich des Geländes den Täter tot vor. Er war allein, hat sich, davon geht die Polizei aus, selbst erschossen.

Die furchtbare Bilanz der monströsen Tat: Eine 23-jährige Studentin, durch einen Kopfschuss schwer verletzt, stirbt am Nachmittag im Krankenhaus. Drei weitere Studierende werden verletzt, Dutzende sind traumatisiert und stehen unter Schock. Am Unigelände herrscht Ausnahmezustand, Straßensperren, Hubschrauber in der Luft, über 400 Einsatzkräfte sind vor Ort. Und der Schock und das Entsetzen kennen keine Grenzen.

Gerüchte und Verdächtigungen im Netz

Parallel laufen die Social-Media-Kanäle heiß mit Mutmaßungen, Gerüchten, Schuldzuweisungen. Bilder von vermeintlichen Tätern werden gepostet, Klarnamen genannt. Einer, ein Schauspieler, wird vielfach bedroht, wie er kurz darauf in einem Video verzweifelt klarstellt, er schaltet die Polizei ein.

Das Social-Media-Team des Polizeipräsidiums Mannheim versucht vehement, auf allen Kanälen gegen Mutmaßungen vorzugehen, postet Fakten, Richtigstellungen, Hilfsangebote, Telefonnummern der Seelsorge und eine Hotline für Angehörige. Es gibt laut Polizei keine Hinweise auf eine politisch oder religiös motivierte Tat. Doch die Internet-Giftküche ist nicht beherrschbar.

32-köpfige Ermittlunsgruppe „Botanik“

Am Abend geben Polizei und Staatsanwaltschaft eine Pressekonferenz vor Ort. Innenminister, Wissenschaftsministerin, Hochschulrektor und Oberbürgermeister der Stadt sitzen auf dem Podium. Im Hintergrund läuft die polizeiliche Ermittlungsarbeit auf Hochtouren. Die 32-köpfige Sonderkommission „Botanik“ unter der Federführung der Staatsanwaltschaft Heidelberg hat bereits die Wohnung des Täters in Mannheim und die seiner Eltern durchsucht, die Auswertung von digitalen Spuren läuft.

Innenminister Thomas Strobl (CDU) äußert sich am Dienstag vor Journalisten zum Stand der Ermittlungen.
Innenminister Thomas Strobl (CDU) äußert sich am Dienstag vor Journalisten zum Stand der Ermittlungen. | Bild: Bernd Weißbrod/dpa

„Jetzt stehen drei Dinge im Vordergrund: die Herkunft der Waffen, das Motiv und die Betreuung der Zeugen und Angehörigen“, sagt der Innenminister am Dienstag in Stuttgart. Klar ist nur: Der 18-Jährige Täter, polizeilich bislang ein unbeschriebenes Blatt, hatte die beiden Waffen erst kurz vor der Tat selbst gekauft – im Ausland. Ob per Internet oder persönlich, bei wem und in welchem Land – darüber schweigt die Polizei, da strafrechtliche Folgen im Raum stehen.

Dass der Täter in psychologischer Behandlung gewesen sei, wie ein Journalist den Innenminister fragt, will Strobl nicht bestätigen. „Ich habe davon gehört“, sagt er und verweist vage auf die Ermittlungen. „Alles wird derzeit ausgewertet“, sagt der Innenminister. Auch ob der Angriff gezielt war, der Täter seine Opfer persönlich kannte, ist nicht bekannt. Der Täter sei in einer anderen „Lernkohorte“ gewesen als die Gruppe, auf die er im Hörsaal traf.

Psychologische Hilfe angeboten

Zudem rückt neben den Ermittlungen vor allem die psychologische Betreuung der Angehörigen und der Augenzeugen ins Zentrum. Der Opferschutzbeauftragte des Landes ist eingeschaltet, Psychologen stehen parat. Für die Gruppe der Augenzeugen soll es eine spezielle Betreuung geben. „Sie sind nicht allein, es gibt professionelle Hilfe, nehmen Sie die an“, forderte Strobl auf.

Auf die Frage, ob der Schutz von Schulen oder Hochschulen ausreichend sei, hat der Innenminister keine Antwort. Aber dass nur wenige Minuten zwischen dem Notruf und dem Eintreffen der Polizei vergingen, führt er darauf zurück, dass seit dem Amoklauf von Winnenden die Kriseninterventionspläne speziell für Bildungseinrichtungen stetig optimiert worden seien. „Gewalttaten sind immer schlimm. Aber in Bildungseinrichtungen ist das noch einmal anders“, sagt Strobl.