Freitagabend, kurz vor 20 Uhr. Die Stuttgarter Innenstadt ist belebt wie in Vor-Corona-Zeiten. Mannschaftsfahrzeuge der Polizei sind an mehreren Ecken in der Innenstadt gut sichtbar positioniert. Polizeibeamte lassen sich in Grüppchen durch die Menge treiben. Die Reiterstaffel der Polizei zeigt Präsenz im Schlossgarten.

Rund um die große Treppe, die neben dem Kunstmuseum vom kleinen Schlossplatz auf das pulsierende Herz Stuttgarts herunterführt, ziehen Polizeibeamte auf. Von oben her räumen sie die Treppe, auf der sich Dutzende von Menschen niedergelassen haben und den Premiumblick auf Schlossplatz, Anlagen und Neues Schloss genießen. Das Krisen- und Konfliktteam der Polizei erklärt die Räumung.

Die bei Feiernden beliebte Freitreppe am Schlossplatz wird an Wochenendabenden gesperrt – dagegen gibt es Proteste.
Die bei Feiernden beliebte Freitreppe am Schlossplatz wird an Wochenendabenden gesperrt – dagegen gibt es Proteste. | Bild: Andreas Rosar

Es gibt ein paar Diskussionen, doch dann ist die Treppe frei. Oben und unten werden Absperrungen installiert. Einer der schönsten Verweilorte in der Stadt ist an den Wochenendnächsten für das Publikum gesperrt, seit sich vor drei Wochen hier unschöne Szenen zwischen Randalierern und Polizei abspielten. Eine harmlose Aufforderung, Abstände einzuhalten, eskalierte. Beleidigungen, Flaschenwürfe, Strafanzeigen. Erinnerungen an die Krawallnacht kamen hoch. „Kein Vergleich“, sagt Polizeisprecher Stefan Keilbach. Aber dennoch: die Bilder der Krawallnacht sind noch frisch.

Ein paar hundert Meter entfernt von der Treppe hatte am Eckensee vor einem Jahr die Stuttgarter Krawallnacht vom 20./21. Juni 2020 nach einer aus dem Ruder gelaufenen Drogenkontrolle durch die Polizei ihren Ausgang genommen.

Die Bilder aus Stuttgart gingen durch die Republik und erschütterten das Bild der lebensfrohen und friedlichen Schwaben-Metropole. Ein Mob von bis zu 500 meist jungen Männern war in Gruppen durch die Stadt gezogen, hatte Geschäfte geplündert, eine Spur der Zerstörung in der Innenstadt hinterlassen und sich eine stundenlange Schlacht mit der Polizei geliefert, die zunächst von den Ereignissen völlig überfordert war. Polizeibeamte wurden angegriffen und verletzt, Streifenwagen demoliert. Die hässlichen Bilder erschütterten das Sicherheitsgefühl der Bürger in der Stadt und der Gewerbetreibenden zutiefst.

Neues Innenstadt-Konzept

Seitdem hat sich vieles getan in der Stadt, nicht nur am Eckensee. Bereits 130 Täter wurden ermittelt, Dutzende verurteilt. Es gibt Wiedergutmachungskonferenzen zwischen Tätern der Krawallnacht, Polizisten, die damals im Einsatz waren, und Handels- und Gewerbetreibenden. Mediatoren der Stadt leiten sie, die Ergebnisse fließen in konkrete Projekte. Es gibt eine Sicherheitspartnerschaft zwischen Stadt und Land, dabei arbeiten Polizei, mobile Sozial- und Jugendarbeit und kommunale Ordnungsbehörden Hand in Hand.

Dauerhaft sind rund 250 Polizeikräfte mehr an den Wochenendnächten im Einsatz, für die Polizei ein dauerhafter Kraftakt. Es gibt einen Aktionsrat, einen Zusammenschluss der Stadtverwaltung und verschiedenen Trägern der Jugendarbeit, der unmittelbar nach dem Krawallnacht im Rahmen des vom damaligen Oberbürgermeister Fritz Kuhn angeordneten Projekts „Sichere Innenstadt 2020“ entstanden ist. Das Netzwerk soll eine jugendgerechte Innenstadt mitgestalten und organisiert zum Jahrestag der Krawallnacht an diesem Samstag einen Aktionstag im Bereich Eckensee, an dem Jugendliche ihre Bedürfnisse vorbringen können.

Szene aus der Krawallnacht: Menschen stehen vor einem geplünderten Geschäft in der Innenstadt.
Szene aus der Krawallnacht: Menschen stehen vor einem geplünderten Geschäft in der Innenstadt. | Bild: Julian Rettig

Am Eckensee und in den Anlagen zwischen Oper, Landtag und Neuem Schloss strahlt jetzt nachts eine Beleuchtungsanlage die vormals dunklen Ecken aus. Alkoholkonsum ist auf dem Areal verboten. Warntafeln weisen auf Videoüberwachung hin, die Treppen zum Neuen Schloss dürfen nicht mehr belagert werden. Die Polizei zeigt Präsenz – und dennoch ist das Areal nicht tot, sondern nach wie vor belebter Treffpunkt. Bänke und Rasenflächen sind besetzt. Aber nicht mehr ausschließlich durch Gruppen junger Männer, das Publikum ist heterogener geworden. Bedrohlich wirkt es hier nicht mehr. Nur die Müllberge sind geblieben.

Dass das nicht auf Dauer so bleiben kann mit der Sperrung der Treppe, weiß auch die Polizei. Aber vorerst soll denen, die auf Konflikt aus sind mit der Polizei, diese Bühne entzogen werden, sagt Polizeisprecher Keilbach. Denn an die Treppe hat sich manches verlagert her vom Eckensee. Seit das Ausgehen wieder erlaubt ist, tummeln sich in den Nächten rund um das Treppenareal oft Tausende junger Menschen auf engem Raum.

Randalierer aus der Schweiz

Und manche reisen von weit her an, nicht nur zum Feiern. „Sobald es wärmer wird, füllt sich die Stadt. Da haben wir dann an den Abenden 3000, 4000 Menschen auf dem Schlossplatz“, sagt Markus Eisenbraun, stellvertretender Stuttgarter Polizeipräsident. „98 Prozent sind friedlich. Aber darunter sind eben auch die, die kommen, weil sie hoffen, dass hier ‚was geht‘.“

Sie kommen nicht nur aus dem Ballungsraum Stuttgart, weiß die Polizei, sondern auch mal aus der Schweiz. Eisenbraun steht maßgeblich mit für die neue Taktik der Stuttgarter Polizei, diese „Agitatoren und Rädelsführer“ frühzeitig zu identifizieren und zu verhindern, dass sie die Stimmung in der Menge anheizen und es zu Eskalationen kommt. Einige sind polizeibekannt, es sind Intensivtäter darunter, die mit mehrwöchigen Aufenthaltsverboten belegt werden. In diesem Zusammenhang ist auch die Sperrung der Treppe zu verstehen.

Corona hat Sozialverhalten verändert

Was die Stuttgarter Polizei aber auch registriert: Das Geschehen hat sich verlagert. Der Feuersee im Stuttgarter Westen, der Marienplatz im Süden – sie alle waren in den vergangenen Wochen nächtliche Treffpunkte größerer Menschenansammlungen. Anwohner riefen die Polizei. „Wir haben dann nachts um halb drei begonnen, die Plätze leer zu quatschen, also die Feiernden anzusprechen auf die Lautstärke“, sagt Eisenbraun.

Das Verständnis und die Bereitschaft zur Rücksichtnahme sei durchwachsen. Klar registriere die Polizei nach dem Corona-Lockdown, dass das Sozialverhalten nachgelassen habe, sagt Eisenbraun. „Da sind alle Beteiligten aufgefordert, die rote Linie aufzuzeigen. Keine Gewalt, keine Vermüllung, Rücksicht auf andere nehmen. Aber das kann die Polizei alleine nicht richten.“