Heute steht Fisch auf dem Speiseplan. „Am Freitag kommen die Leut‘ besonders gern“, berichtet Wolfram Uhl, Geschäftsführer des Mühlehofs in Steinen (Kreis Lörrach). Die Bewohner des Seniorenzentrums dort freuen sich, wenn die Türen der Cafeteria wieder aufspringen. Monatelang waren sie verschlossen.

Seit Mittwoch wird dort wieder getafelt, geschwätzt, Karten gespielt. Was so selbstverständlich klingt, ist es nicht: Uhl und seine juristischen Unterstützer mussten bis vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ziehen, um zu ihrem Recht zu kommen.

Die Cafeteria steht für Geselligkeit

Der Vorgang im südwestlichsten Zipfel des Landes hat die ganze Republik beschäftigt. Große Magazine und Fernsehsender rufen an und kommen zum Filmen. Wolfram Uhl erklärte ihnen erst einmal, wo der Kreis Lörrach liegt. Und er erklärt den Journalisten, worum es ihm geht: Nachdem seit Anfang des Jahres alle 56 Bewohner der Anlage geimpft sind, sollen sie den wichtigsten Raum des Zentrums weiter nutzen dürfen: die Kaffeemühle, die zentrale Drehscheibe also für alle Formen der Geselligkeit – weit über die Nahrungsaufnahme hinaus. „Dort spielen wir Stadt-Land-Fluss oder machen Denksport“, sagt Uhl.

Heimleiter Wolfram Uhl schließt die Tür der Cafeteria „Kaffeemühle“ auf.
Heimleiter Wolfram Uhl schließt die Tür der Cafeteria „Kaffeemühle“ auf. | Bild: Philipp von Ditfurth

Genau das war Bewohnern und Personal verboten. Sie sollten weiterhin für sich wohnen, jeder brav isoliert in seinem Zimmer. Die Heimleitung klagte dagegen und verlor zwei Mal, erst vor dem Verwaltungsgericht in Freiburg, dann vor dem höheren Verwaltungsgerichtshof in Mannheim. Er ließ nicht locker. Der Anwalt ermunterte ihn. Also zogen sie vor das höchste deutsche Gericht.

„Die Rückgabe von einem Stück Freiheit“

Am Ende empfahlen die Richter in den roten Roben einen Vergleich. Die Liste der Akteure zeigt, wie kompliziert einfache Dinge in der Ära Corona sein können. Landratsamt und Sozialministerium waren involviert, vom Gesundheitsministerium in Berlin ganz zu schweigen. Um es kurz zu machen: Voller Sieg für den Seniorenzentrum. Am ersten Öffnungstag wurde Bärlauchsuppe ausgeschöpft. Die Bewohner gaben stolz Interviews und erzählten aus ihrem Leben.

So düster sah es monatelang aus: Die Cafeteria durfte nicht öffnen, obwohl alle Bewohner geimpft waren
So düster sah es monatelang aus: Die Cafeteria durfte nicht öffnen, obwohl alle Bewohner geimpft waren | Bild: Philipp von Ditfurth

Uhl, gebürtiger Oberschwabe, ist nicht der Typ, der jetzt die Fanfaren spielen lässt. Aber er freut sich: „Mir war klar, dass etwas Größeres hinter unserer Klage steht“, sagt er im Gespräch mit dem SÜDKURIER. „Es geht um die Rückgabe von einem Stück Freiheit.“ Monatelang, so erinnert er sich, wurde versprochen, dass es nach dem Impfen besser werde. Doch stellten sich die Behörden stur. Die Bewohner sollten weiterhin in ihrer Stube bleiben.

Juristen, die gratis arbeiten

Ein juristisches Verfahren mit dieser Spannweite ist teuer. Nicht für den Mühlehof. „Wir mussten nur 1600 Euro aufwenden“, freut sich Uhl. Er machte nämlich noch eine gute Erfahrung: Die Gutachter arbeiteten zum Teil kostenlos. Auch der beauftragte Anwalt kam ihnen finanziell weit entgegen. Nur so konnte das Zentrum den juristischen Akt stemmen.

Der Rechtsanwalt Patrick Heinemann hat die Sache des Mühlehofs vor drei Gerichten vertreten und vor drei Behörden.
Der Rechtsanwalt Patrick Heinemann hat die Sache des Mühlehofs vor drei Gerichten vertreten und vor drei Behörden. | Bild: Philipp von Ditfurth

Der Mühlehof in Steinen ist eine kommunale Anlage. Sie wurde vor knapp 30 Jahren gegründet, damit die Bürger von Steinen (10.000 Einwohner) im Alter nicht nach Lörrach ziehen müssen. Die Seniorengenossenschaft Steinen begann mit dem betreuten Wohnen (56 Zimmer), später kamen Tagespflege und Kurzzeitpflege dazu. Auch ein Pflegeheim ist inzwischen entstanden.

Im benachbarten Pflegeheim starben 14 Menschen

Der Geschäftsführer Wolfram Uhl unterstreicht, dass man nie leichtsinnig gewesen sei im Mühlehof. Es ging nie um scharfe Partys, sondern ein paar Stunden Geselligkeit. Das benachbarte Pflegeheim war von Corona massiv betroffen, 14 Menschen starben an oder mit Corona.

„Die Regeln haben wir penibel eingehalten“, sagt Uhl. Die zweite Impfung wurde am 20. Januar verabreicht, bis auf einen Senior ließen sich alle spritzen. Dann begannen die Leute selbst zu fragen, wann denn die Cafeteria wieder öffnet.

Es gibt auch den sozialen Tod

Studien unterstreichen, was sich nicht nur im Mühlehof abspielt: Einsamkeit ist so schlimm wie Schlafentzug oder Appetitlosigkeit. Es gibt auch den „sozialen Tod“. Davon spricht man, wenn Menschen die gewohnten Kontakte entzogen werden. „Einsame Menschen haben eine deutlich kürzere Lebenserwartung als Menschen, die ein funktionierendes Netzwerk haben,“ sagt Eckart Hammer, Vorsitzender des Landesseniorenrates.