Mit Eberhard Schockenhoff hat die katholische Kirche einen ihrer wichtigsten Theologen verloren. Der gebürtige Stuttgarter verstarb am Samstag an den Folgen eines Unfalls. Der 67-Jährige Priester und Professor war vor einigen Monaten erst in den produktiven Ruhestand getreten. Als Emeritus hatte er sich zahlreiche Pläne für neue Buchprojekte vorgenommen.

Den Lesern des SÜDKURIER ist Eberhard Schockenhoff vertraut. Immer wieder nahm er in Interviews Stellung zu aktuellen Fragen, die er anschaulich und lebensnah beantworten konnte. Das hat auch mit seinem Fach innerhalb der Bandbreite der Theologie zu tun: Der Schwabe hatte sich auf die Moraltheologie spezialisiert. In dieser Disziplin ging es weniger um Recht oder Dogmen, sondern um das Handeln.

Was ist aus christlicher Perspektive richtig und was ist falsch? Diese Frage wandte Schockenhoff auf zahlreichen Feldern an. Bei der Stammzelldebtatte beispielsweise lehnte es der Freiburger Professor ab, embryonale Zellen zu verwenden, auch wenn sie der Wissenschaft dienen könnten. Die Unversehrtheit des Lebens hatte für ihn Vorrang.

Der Kardinal holte ihn in den Ethikrat

Fast zwei Jahrzehnte lang saß er im Nationalen Ethikrat, den der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder gegründet hatte, um solche Fragen hintergründig abzuwägen und der Politik ein Fundament zu geben. Schockenhoff wollte ursprünglich nicht in das Gremium eintreten, da er um seine Unabhängigkeit fürchtete. Erst ein dringliches Telefonat mit Kardinal Karl Lehmann überzeugte ihn davon.

Seine Positionen waren oft die Standpunkte der Minderheit. Als Priester und Professor stand er auf der Seite des Lebensschutzes, er mochte also nicht die Hand für Klonexperimente heben, auch wenn wirtschaftliche Interessen und wissenschaftliche Neugier in diese Richtung drängten.

Für Verhütung, für gleichgeschlechtliche Liebe

Seiner eigenen katholischen Kirche redet er offen ins Gewissen. Schockenhoff forderte mehrfach eine neue Sexualmoral. Er sprach sich für Verhütungsmittel aus oder für eine positive Bewertung von gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Zuletzt trat er beim Synodalen Weg in Frankfurt auf.

Gegenüber dem SÜDKURIER legte der Freiburger Theologe und Schüler von Kardinal Walter Kasper immer wieder seinen Standpunkt offen. Das letzte Gespräch mit ihm wurde kurz vor Weihnachten 2019 veröffentlicht. Darin denkt er laut über den modernen Menschen nach; er nennt ihnen einen „religiösen Vagabunden“. Am Ende des Interviews erklärt er die weihnachtliche Stimmung so: „Warum sind die Kirchen so voll an Weihnachten? Weil die Menschen etwas suchen, was sie sonst nicht finden.“

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