Impfungen in der Schwangerschaft waren bereits vor der Corona-Pandemie ein umstrittenes Thema. Doch spätestens seit der Verfügbarkeit von Covid-Vakzinen wird noch heftiger darüber diskutiert. Denn es ist eine heikle Frage: Sollen sich Schwangere und Stillende wirklich gegen Covid-19 impfen lassen? Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat sich mit der Beratung zu dieser Frage mehrere Monate Zeit gelassen und kommt nun zu dem Schluss, die Schutzimpfung auch für werdende und frischgebackene Mütter zu empfehlen.

Wie ist die aktuelle Lage?

Die nun ausgesprochene Empfehlung zur Immunisierung von Schwangeren und Stillenden basiert laut der Kommission auf einer „systematischen Aufarbeitung von den in den letzten Wochen verfügbar gewordenen Daten“. Einerseits sei eine Schwangerschaft an sich ein unabhängiger Risikofaktor für einen schweren Verlauf einer Corona-Infektion. Andererseits kämen dazu die Daten zur Sicherheit und Effektivität der Impfungen bei Schwangeren. Man sei auf dieser Grundlage zu einer neuen Nutzen-Risiko-Bewertung gekommen. Die Impfung wird in Deutschland ausschließlich mit mRNA-Impfstoffen, also den in Deutschland zugelassenen Vakzinen von Biontech/Pfizer und Moderna, und mit zwei Dosen empfohlen.

Wie war die Situation zuvor?

Zuvor gab es noch keine eindeutige Empfehlungslage für Corona-Impfungen für Schwangere und Stillende seitens der Stiko. Das Gremium hatte die Immunisierung lediglich „Schwangeren mit Vorerkrankungen und Lebensumständen, die das Risiko einer Infektion oder einer schweren Erkrankung erhöhen“, empfohlen.

Laut Uwe Lahl, Amtschef des Stuttgarter Sozialministeriums, der sich kurz vor Bekanntwerden der Empfehlung in einem Brief an die Stiko gewandt und um eine klare Entscheidung gebeten hatte, hatte diese Haltung zunehmend zu Unsicherheiten unter Schwangeren geführt. Wohl auch deshalb, weil andere Gremien und Fachgesellschaften im In- und Ausland sich klar für Impfungen von Schwangeren ausgesprochen hätten, so Lahl in dem Brief an Stiko-Chef Thomas Mertens. Im Vorfeld hatte sich bereits im Mai beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und der Berufsverband der Frauenärzte e. V. (BVF) zusammen mit weiteren Fachgesellschaften für eine Impfung von Schwangeren ausgesprochen.

Warum gab es so lange keine Entscheidung?

Die Stiko hatte bereits zuvor für einige Entscheidungen eine lange Beratungszeit benötigt, so etwa auch bei der Empfehlung für Impfungen von Kindern. Vor der jetzigen Entscheidung hatten sich die Experten außerdem stets auf eine sehr begrenzte Datenlage bei Impfungen für Schwangere gestützt. Dafür gibt es mehrere Gründe, einer davon ist einem Papier des Science Media Centers zu entnehmen: „Schwangere sind besonders schutzbedürftig und werden aus ethischen Gründen meist von klinischen Studien in der Impfstoff-Forschung ausgeschlossen“, heißt es darin.

Ab welchem Monat ist die Impfung empfohlen?

Das Gremium empfiehlt die Impfung von Schwangeren nicht uneingeschränkt, sondern erst ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel. Der Grund: Eine Impfung könne mit Impfreaktionen einhergehen, beispielsweise Fieber. Fieber sei ein potenzieller Auslöser für eine Fehlgeburt in der Schwangerschaft. Man versuche, immunologische Veränderungen und schwere Infektionen in dieser frühen Schwangerschaftsphase grundsätzlich zu vermeiden, so das Gremium.

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Grundsätzlich spricht sich die Stiko darüber hinaus laut dem Beschlussentwurf ausdrücklich auch für die Impfung von noch nicht oder unvollständig Geimpften im gebärfähigen Alter aus. Damit bestehe bereits vor Eintritt einer Schwangerschaft ein sehr guter Schutz vor der Erkrankung, meinen die Experten.

Wie hoch ist die Gefahr für Schwangere bei einer Covid-Infektion?

Kürzlich veröffentlichte Zahlen bestätigen die Aussage der Stiko, dass eine Schwangerschaft ein unabhängiger Risikofaktor für einen schweren Verlauf einer Corona-Infektion sei. So haben laut dem baden-württembergischen Sozialministerium Schwangere bei einer Infektion ein sechsmal höheres Risiko als Nicht-Schwangere, schwer zu erkranken und auf einer Intensivstation behandelt werden zu müssen. Darüber hinaus gibt es eine 26-fach erhöhte Sterblichkeit von Schwangeren mit Covid-19 im Vergleich zu Nicht-Schwangeren im gleichen Alter. Hatten sich die Frauen während der Schwangerschaft mit dem Coronavirus infiziert, so lagen deren Babys dreimal häufiger auf der Intensivstation. Ein großes Problem sei außerdem, dass sich das Infektionsgeschehen im Moment vorrangig in der jüngeren Gesellschaft abspiele, weshalb auch zunehmend Schwangere auf Intensivstationen behandelt werden müssten.

Kann das ungeborene Kind ebenfalls eine Corona-Infektion bekommen?

Dieses Risiko ist laut dem Papier des Science Media Center vermutlich als eher gering anzusehen. Ausgeschlossen sei es allerdings nicht, wie auch einige Fälle zeigen, bei denen die Infektion über die Plazenta von der Mutter auf das Neugeborene übertragen wurde. Das zeigt beispielsweise ein Fallbericht aus Frankreich.

Was gilt für Schwangere und Stillende bei der Arbeit?

Erste Auswirkungen für ungeimpfte Schwangere in der Arbeitswelt gab es bereits vor der Stiko-Entscheidung. So dürfen knapp 3300 schwangere Lehrerinnen im Südwesten nicht mehr in Präsenz unterrichten – und das, wo im Land gerade die Schule wieder begonnen hat. „Wir dürfen schwangere Lehrkräfte pandemiebedingt nur in Einzelfällen im Präsenzunterricht einsetzen“, sagt Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne). Nun müssten Ersatzlösungen für den ausfallenden Präsenzunterricht gefunden werden.

Der Wirkstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer wird für Impfungen vorbereitet. Er soll auch Schwangere gut vor einer Corona-Infektion und vor einer Einweisung ins Krankenhaus schützen, sagen Experten.
Der Wirkstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer wird für Impfungen vorbereitet. Er soll auch Schwangere gut vor einer Corona-Infektion und vor einer Einweisung ins Krankenhaus schützen, sagen Experten. | Bild: Robert Michael/dpa

Für ungeimpfte Schwangere, die einem vermehrten oder häufig wechselnden Personenkontakt ausgesetzt sind, besteht derzeit in der Regel laut des Papiers „Beschäftigung schwangerer Frauen im Hinblick auf eine Ansteckung mit dem Coronavirus (Sars-Cov-2)“ der Fachgruppe Mutterschutz, herausgegeben von den Regierungspräsidien am 16. Juni 2021, ein erhöhtes Infektionsrisiko. Das Papier gilt in dieser Form immer noch. Darin heißt es: „Schwangere dürfen generell nur mit personenfernen Tätigkeiten und unter Einhaltung der Mindestabstände beschäftigt werden.“

Darüber hinaus darf die Tragezeit von Mund-Nasen-Schutzmasken lediglich gering sein, was bestimmte Arbeiten, beispielsweise im Verkauf im Einzelhandel, als Servicekraft in der Gastronomie oder beim Friseur, für Schwangere ausschließt. Darüber hinaus können Schwangere im Gesundheitswesen lediglich für patientenferne Tätigkeiten eingesetzt werden, eine Beschäftigung in der Kinder- oder Seniorenbetreuung ist aufgrund des Gefährdungsrisikos ausgeschlossen.

Wie werden ungeimpfte Schwangere und Stillende zukünftig im öffentlichen Raum behandelt?

Da sich die neue Corona-Verordnung nun verzögert, ist das noch nicht abschließend klar. Wie Pascal Murmann, Sprecher des Sozialministeriums, auf SÜDKURIER-Nachfrage mitteilt, soll aber ein entsprechender Absatz darin enthalten sein. So heißt es darin wohl: „Ausnahmen, etwa bei der 2-G-Regelung, wird es selbstverständlich für Personen geben, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können oder noch nicht ausreichend Zeit für eine Impfung hatten, beispielsweise Schwangere sowie Kinder und Jugendliche.“

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Auf SÜDKURIER-Nachfrage, was denn genau „noch nicht ausreichend Zeit“ bedeutet, antwortet das Sozialministerium, dass es dafür keinen genauen Richtwert gebe. „Das hängt nicht nur von der Schwangerschaft, sondern auch von anderen Faktoren wie Ferien, Krankheitstagen, Verfügbarkeit des Impfstoffs etc. ab“, sagt Murmann. „Wir gehen davon aus, dass bis zum 15. September jede und jeder in Baden-Württemberg die Möglichkeit für eine Impfung hatte – zumindest jene Personengruppe, für die die Stiko schon länger die Impfung empfiehlt.“ Nach einer gewissen Zeit hatten dann auch Schwangere grundsätzlich die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Dann werde man sicher noch einmal über eine Anpassung diskutieren.

Müssen Schwangere Ihre Corona-Tests selbst bezahlen?

Die kostenlosen Bürgertests laufen zum 10. Oktober aus. Dann müssen alle Ungeimpften ihre Corona-Tests selbst bezahlen. Ausnahmen sind hierbei Personen, die sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen können beziehungsweise für die es keine Empfehlung gibt, wie beispielsweise Kinder unter zwölf Jahren. Vor der Stiko-Empfehlung gehörten auch Schwangere dazu. Für Kinder und Jugendliche von zwölf bis 17 Jahren, für die die Impfempfehlung im August kam, soll es eine Übergangsregelung bis Ende November geben. Um den Jugendlichen ausreichend Zeit zu geben, sich über Impfangebote zu informieren und vollständigen Impfschutz zu erlangen, sollen die Tests für sie bis zum 30. November kostenfrei bleiben. Das Bundesgesundheitsministerium antwortet auf eine entsprechende SÜDKURIER-Anfrage, ob eine ähnliche Übergangsregelung nun auch für ungeimpfte Schwangere gilt, dass die Testverordnung aktuell angepasst werde. Zu Details könne man im Moment jedoch noch nicht Stellung nehmen.