Der Mann hat etwas zu sagen. Sechs Minuten lang spricht Roland Wehrle über eine Sache, die für viele die schönste Nebensache der Welt, für andere sogar die Hauptsache ist. Sechs Minuten holt der Präsident des Verbands Schwäbisch Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) aus. Er poltert, wägt ab – und gelangt schließlich zur entscheidenden Aussage: „Die Fasnacht kann man nicht absagen. Irgendetwas wird stattfinden.“

Wo vor allem kleine und junge Zünfte die Segel streichen und damit auf der sicheren Seite sind, wollen Wehrle und die 68 Zünfte in der VSAN die Entscheidung offen halten. Fasnacht findet statt, Punktum.

„Die Fasnacht hat noch alle Kriege überstanden,“ sagt Roland Wehrle. Der Präsident der schwäbisch-alemannischen Narrenzünfte wehrt sich gegen eine vorschnelle Absage.
„Die Fasnacht hat noch alle Kriege überstanden,“ sagt Roland Wehrle. Der Präsident der schwäbisch-alemannischen Narrenzünfte wehrt sich gegen eine vorschnelle Absage. | Bild: Patrick Seeger/dpa

Der Morgenstraich fiel 2020 bereits aus

Kurzer Rückblick: In der vergangenen närrischen Saison verbreitete sich das Coronavirus bereits, es wurde aber noch nicht als bedrohlich empfunden. Fasnacht 2020 fand statt wie gewohnt, mit Treffen wie dem großen Narrentag in Überlingen am 22. Januar. Der Rosenmontag am 24. Februar wurde noch begangen, der Basler Morgenstraich am 3. März fiel bereits aus. Das war der Auftakt für die fast völlige Lähmung des öffentlichen Lebens im Frühjahr.

Im Mai dann keimte der Gedanke erstmals: Wird Fasnacht im kommenden Jahr denn möglich sein? Nach der zaghaften Lockerung der Corona-Maßnahmen quälten sich die Verantwortlichen erstmals mit derlei Überlegungen. Sie berichten durch die Bank: Ein Straßenumzug ist schnell organisiert. Bei der Saalfasnacht dagegen geht es um langfristige Buchungen, um Engagements, um Stornierungen und Zimmer für Gäste. Es geht um Geld und Verbindlichkeiten. Wenn Absagen, dann jetzt, sonst wird es teuer.

Wo es feucht und fröhlich zugeht

Aus heutiger Sicht schwer vorstellbar: Eng stehen Narren und Zuschauer beieinander. Das Bild zeigt den Umzug beim Narrentag in Überlingen 2020.
Aus heutiger Sicht schwer vorstellbar: Eng stehen Narren und Zuschauer beieinander. Das Bild zeigt den Umzug beim Narrentag in Überlingen 2020. | Bild: Hilser, Stefan

Die Diskussion ins Rollen brachte der Sozialminister des Landes. Eine Woche vor Pfingsten sagte Manfred Lucha: „Wir müssen verzichten auf enge Milieus, auf Gedränge, auf alles, wo es feucht und fröhlich zugeht, also auf Oktober-, Volks- und andere Festen. Und zwar über den Herbst hinaus.“ Weihnachtsmärkte und schließlich die Fasnacht bezog der Grünen-Politiker mit ein.

Der Seegockel wird nicht krähen

Erste Absagen liegen bereits vor. Für die Narrenzunft Seegockel in Friedrichshafen fallen die närrischen Tage ins Wasser, das ist Beschlusslage seit Ende Juli. Dem folgte die Narrenzunft Kluftern, die im kommenden Jahr sogar den Fünfziger hätten feiern können. Hätte, denn die Party wird auf 2022 verschoben.

Zunftmeister Andreas Lamm erklärt: „Die Verantwortung gilt nicht nur unseren Mitgliedern, sondern auch unseren Besuchern und ihren Familien.“ Dem schlossen sich dann auch Immenstaad und Ailingen an (alle Bodenseekreis). Man wolle nicht zum Hotspot einer neuerlichen Infektionswelle werden, heißt es in Ailingen.

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Fasnacht ist ein Kulturgut wie Weihnachten

Roland Wehrle kann mit diesen schnellen Absagen nicht viel anfangen. Er ist enttäuscht. Fasnacht ist für ihn wie Weihnachten oder Neujahr. Sie findet statt als Datum und als kulturelle Markierung des Jahres – als Teil des Osterfestkreises. „Fasnacht ist ein Kulturgut, sie wird in jedem Jahr stattfinden“, sagt er im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Fasnacht trägt inzwischen das Gütesiegel als immaterielles Kulturgut der Menschheit. Auch das gelte es zu berücksichtigen.

Die Schwäbisch-Alemannischen Narrenzünfte (VSAN) werden die Entscheidung für sich treffen. Ihr Mitglied Aulendorf hätte im kommenden Jahr ein großes Narrentreffen ausrichten sollen (30./31. Januar 2021). Die Aulendorfer sagten vor einigen Tagen ab. Die Gastgeber rechneten mit mehr als 15.000 Besuchern, die Vorbereitung wäre immens gewesen. In der oberschwäbischen Stadt fürchtete man das Risiko und die Stornierungskosten.

Karneval und Fasnacht ziehen an einem Strang

Wehrle akzeptiert. Er sagt: „Alles, was wir heute besprechen, kann in zwei Wochen schon Makulatur sein.“ Aber er will die Entscheidung möglichst spät fällen. Ende September werden die Würfel bei der Schwäbisch-Alemannischen fallen.

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Dabei kommt es zu einem ungewöhnlichen Schulterschluss: Die 68 Zünfte suchen den Schulterschluss mit den Karnevalisten im Rheinland. Bei der entscheidenden Sitzung im Herbst wolle man verhindern, dass jeder ein eigenes Süppchen kocht.

Vielmehr werde man eine gemeinsame Linie suchen, die das Rheinland mit dem Hochrhein und Schwarzwald-Baar verbindet. „Zwischen Karneval und Fastnacht ist eine ungeahnte Solidarität gewachsen,“ sagt Werner Mezger, Chefberater der VSAN. Der Professor für Volkskunde verweist auf Gemeinsamkeiten, auch wenn diese gar nicht so bewusst seien.

Fasnacht ist kein Friseurtermin

Verhaltener Optimismus herrscht auch bei der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee, mit 120 Mitgliedszünften einer der größten Dachverbände im Südwesten. Deren Chef Rainer Hespeler warnt vor Hast. Die hurtigen Absagen im Bodenseekreis nennt Hespeler ohne Umschweife „Blödsinn“.

Die Fünfte Jahreszeit sei ein Kulturgut. Man könne sie ignorieren, aber doch nicht streichen so wie man einen Friseurtermin absagt. Dahinter stecke ein tiefes Missverständnis dessen, was Fasnacht bedeutet – und was sie beispielsweise von Halloween unterscheidet.

Rainer Hespeler.
Rainer Hespeler. | Bild: Zoch, Thomas

Die Narrenvereinigung peilt bisher zwei Narrentage an – einen in Hoppetenzell (bei Stockach), einen in Owingen (bei Überlingen). Beide stehen noch im Kalender, doch liegt der Radiergummi daneben. Mitte September will der Verband entscheiden und nicht früher.

Die Ordnung muss weichen

Auf der Startseite der Narrenvereinigung heißt es: „In der fröhlichen Ausgelassenheit der Fasnacht scheinen die Ordnungen des Alltags außer Kraft gesetzt.“ Dies wird in den kommenden Monaten definitiv nicht der Fall sein. Mindestens die Unordnung die das Virus Covid-19 in jedes Leben bringt, kann niemand außer Kraft setzen. „Wir haben keine Gewissheiten,“ sagt Hespeler.

Auch in Überlingen, einer Stadt mit altem und reichhaltigem Brauchtum, will man nichts überstürzen. Dort plant man die Fasnacht für 2021, als ob nix wäre. Endgültig wollen Hänsele und Löwen im Herbst entscheiden. Narrenvater Thomas Pross gibt aber zu bedenken: „Brauchtum kann man nicht einfach absagen.“

Narrenvater Thomas Pross, Überlingen: „Brauchtum kann man nicht einfach absagen.“
Narrenvater Thomas Pross, Überlingen: „Brauchtum kann man nicht einfach absagen.“ | Bild: Kleinstück, Holger

Der Golfkrieg wurde zum Lehrstück

Und da ist noch etwas, das allen Verantwortlichen durch den Kopf geht, wenn sie 50 Jahre und älter sind: Der erste Golfkrieg, der im Januar 1991 begann. Die Bundeswehr war mit einem kleinen Kontingent beteiligt, und früh wurde die Frage aufgeworfen: Dürfen wir Fasnacht feiern, wenn in einem Krieg Menschen ums Leben kommen?

Der Druck aus Politik und vielen Medien schaukelte sich hoch, die Vereine gaben dem moralischen Druck nach. Sie sagten reihenweise ihr offizielles Programm ab – als ob damit jemand geholfen wäre. Eine Überschrift im SÜDKURIER lautete damals: „Wenn die Narren Trauer tragen.“

Heute ist klar: In die Moral-Falle werden die Zunftmeister nicht mehr tappen. 1991 gaben ihre Vorgänger schnell klein bei. Sie wichen dem Druck. „Das darf uns nicht mehr passieren,“ sagt Wehrle heute klar. Und Thomas Pross, Überlingen, meint: „Irgendwo ist immer Krieg.“

Narren neigen zum Widerspruch

Was passiert, wenn Umzüge und Bälle von Seiten der Vereine abgesagt würden? Dann würde es fasnachtliches Treiben im kleinen Rahmen und ohne offiziellen Schutzschild geben. Roland Wehrle sagt, ohne zu zucken: „Ich garantierte eines: Es wird auch dann immer Leute auf der Straße geben.“ Er erinnert daran, dass gewisse Narren zur Widerborstigkeit neigten und nicht daran denken, sich an die Signale der Obrigkeit zu halten. „Die Fasnacht hat noch alle Kriege überstanden,“ meint er.

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