Die Herren in der deutschen Bischofskonferenz hat es kalt erwischt, als der mehrseitige Brief aus Rom eintraf. Die Instruktion aus dem katholischen Hauptquartier war den 27 Bischöfen und ihren Weihbischöfen neu. Man werde den Text erst einmal sorgfältig studieren, sagte ein Sprecher kleinlaut. Das Papier „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinden im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“ hat es in sich. Es geht darum, wer eine Kirchengemeinde leitet, wer was darf und was nicht, kurz: Wer hat das Sagen?

Hochwürden? Das war einmal

Die Order ist eindeutig: Die Gemeinden werden von der Person des Priesters aus betrachtet. Er soll leiten, handeln, predigen. Und bitte keine Teams. Jene Frauen und Männer, die als gewöhnliche Mitarbeiter in der Gemeinde wirken, werden ins zweite und dritte Glied gewiesen. Von der Gemeindereferentin mit Charisma bis zum Leiter des Bibelkurses – sie werden ausgebremst zugunsten eines altehrwürdig überhöhten Priestertums. Dieses Bild von Hochwürden stammt aus vorkonziliarer Zeit, als tatsächlich unsichtbare Mauern zwischen dem Volk und dem Geweihten standen.

Geschlossene Gesellschaft: Papst Franziskus feiert in einer Kapelle im Vatikan eine Messe mit anderen katholischen Würdenträgern. In den ersten zehn Reihen stehen ausschließlich Kleriker.
Geschlossene Gesellschaft: Papst Franziskus feiert in einer Kapelle im Vatikan eine Messe mit anderen katholischen Würdenträgern. In den ersten zehn Reihen stehen ausschließlich Kleriker. | Bild: Giuseppe Lami

Der Sockel mit dem über allem schwebenden Kultdiener ist längst gesackt. Wenn christliche Gemeinden eine Zukunft haben, dann gemeinsam. In den Ländern Mitteleuropas ist das selbstverständlich. Die meisten Pfarrer sind dankbar für ihre Laien und deren Kompetenzen. Als Ehrenamtliche oder weltliche Theologen bringen sie ihre Expertise ein, sie betreuen Kinder, wirken als Tischmütter, sorgen als Organisten für die Musik. Eine Pastoralreferentin ist Seelsorgerin, sie geht in Krankenhäuser und Gefängnisse. Die Trennung von Laie und Kleriker ist bemüht.

Der Kontakt zur Basis ging verloren

Umso mehr erstaunt das Dokument aus Rom. Es stammt aus einer Welt, die den Kontakt zur Basis auch deshalb verloren hat, weil sie ihn nicht sucht. Die nationalen Bischofskonferenzen waren vorab nicht konsultiert worden, geschweige denn die Pfarreien vor Ort, um die es doch geht. Die Instruktion ist auf dem Mist einer Behörde gewachsen, die nur aus Klerikern besteht.

Franz-Josef Bode, Bischof des Bistums Osnabrück, gehört zu den schärfsten Kritikern des vatikanischen Schreibens. Für ihn bedeutet die Instruktion ein „Schlag ins Gesicht der Laien“.
Franz-Josef Bode, Bischof des Bistums Osnabrück, gehört zu den schärfsten Kritikern des vatikanischen Schreibens. Für ihn bedeutet die Instruktion ein „Schlag ins Gesicht der Laien“. | Bild: Friso Gentsch

Priestermangel gilt in Rom als Fremdwort. Man hält es für eine deutsche Erfindung, was sich aus dem luxuriösen Stellenschlüssel am Petersdom erklärt. Noch die kleinsten Dienste werden in den päpstlichen Kapellen von Diakonen und immer Männern versehen. Weltweit sieht die liturgische Realität anders aus: In vielen Ländern fehlt es an Berufungen für diese Aufgabe. Das gilt nicht nur von Deutschland, sondern auch für die USA oder für Frankreich.

Selbst Polen, das bisher Seelsorger in den Westen senden konnte, ruft Geistliche zurück. Die Instruktion ignoriert diese Tatsachen aus einer alten Frucht heraus, das Volk könnte etwa Befugnisse und Aura der Kleriker schmälern.

Priesterweihen sind selten geworden

In einigen Zahlen wird der Verfall eines Ideals deutlich: 2020 werden in Deutschland 55 Männern zu Priestern geweiht. Für das Erzbistum Freiburg sind es drei, in Diözesen wie Aachen oder Hildesheim keiner. Selbst wenn man geweihte Gottesdiener für jede Leitungsfunktion wollte, scheiterte es an der Wirklichkeit. Priesterweihen sind selten geworden.

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger wird die Instruktion in weiten Teilen nicht umsetzen.
Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger wird die Instruktion in weiten Teilen nicht umsetzen. | Bild: Patrick Seeger

Ein Pfarrer für jedes Dorf – dieses so einleuchtende Muster ist Geschichte. Diese 1053 überschaubaren katholischen Gemeinden stehen nur noch auf dem Papier. An jeder badischen Dorfkirche ist die ehemalige Vollversorgung ablesbar.

Nicht alle Wege müssen nach Rom führen

In Freiburg sucht man längst eigene Wege, nicht alle werden nach Rom führen. Von großen pastoralen Einheiten ist die Rede. Diese Großraumpfarreien werden keine perfekten Gebilde sein, aber doch ein Versuch, um schwindende Kräfte zu bündeln. Stephan Burger hält diesen Kurs. Er schert sich nicht um neo-klerikale Ängste in Rom. Seine Handschrift wird erkennbar: Der Erzbischof ahnt, dass eine breite Mehrheit hinter ihm steht. Die Zeiten, in denen Rom in jede Sakristei spickt und jedes Pfarrbüro ausleuchtet, dürften vorbei sein.