Herr Kruse, die Landesregierung hat signalisiert, die Besuchsverbote für Alten- und Pflegeheime zu lockern. Gut so?

Ja, das ist dringend notwendig! Es darf nicht sein, dass wir den Schutz vor einer Infektion und Erkrankung mit dem erhöhten Risiko einer anderen – körperlichen oder psychischen – Erkrankung erkaufen. Natürlich darf eines nicht vergessen werden: Heimbewohnerinnen und -bewohner müssen sehr gut geschützt sein. Denn wenn das Virus einmal in das Heim eingedrungen ist, dann stehen wir mitten in einer Katastrophe. Aber es gilt für mich auch das Prinzip: Wenn Schutzauflagen erfolgen, dann ist zugleich ein deutliches Mehr an Begleitangeboten dringend notwendig. Alles andere verstößt gegen die Menschenwürde.

Welche Begleitangebote haben Sie denn im Auge?

Da lassen sich einige nennen. Um mit dem Wichtigsten zu beginnen: Wir müssen gerade im Hinblick auf die Heime die Testangebote erheblich ausweiten; die Heime müssen mit einer wirklich ausreichenden Menge an Schutzkleidung ausgestattet sein. Denn so können wir auch Angehörigen eher die Gelegenheit zu Besuchen bieten. Angehörige müssten direkt zum Bewohner geführt werden; sie dürften nicht mit anderen in Kontakt kommen.

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Was können die Heime sonst tun?

Die Aktivierung der Bewohnerinnen und Bewohner ist von großer Bedeutung – und zwar mit Blick auf die verschiedenen Ebenen der Person: körperlich, geistig, emotional, sozial, spirituell. Denn nur unter dieser Voraussetzung wird eine zentrale Aufgabe erfüllt: die Selbstbestimmung, die Teilhabe, die Kompetenz, die Lebensqualität der Bewohner zu fördern und zu erhalten. Es kommt hinzu: Bewohner benötigen möglicherweise psychologische und seelsorgerische Begleitung. Ich halte sehr viel von einer Begleitung, die auf dem Wege von Telefon oder Skype erfolgt. Wir müssen erkennen: Für viele Bewohner ist eine Grenzsituation gegeben, in der sie auf fachlichen Beistand angewiesen sind.

Wer aber soll die Aktivierung leisten?

Das müssten neben den Pflegekräften Sport-, Bewegungs- und Physiotherapeuten, Psychologen, Sozialarbeiter und Seelsorger tun: je nachdem, welche Form der Aktivierung angesprochen ist. Hier könnte man durchaus auf Personen zugehen, die nicht mehr im Arbeitsleben stehen, die aber Interesse daran haben, auch im Ruhestand gezielt tätig zu werden. Die Leistungen müssten durch die Pflegeversicherung finanziert werden.

Da wird Ihnen dann möglicherweise entgegengehalten: Weitere Belastungen des Staates und der Bürger.

Lassen Sie mich hier sehr deutlich formulieren: So wie wir Wirtschaft und Industrie unterstützen, so müssen auch die zusätzlichen pflegerischen, sozialen und psychologischen Angebote in Pflegeheimen unterstützt werden. Ich kann nicht einsehen, dass man sich alleine auf ökonomische Kennzahlen konzentriert. Jede Person hat Würde und den Anspruch darauf, dass wir diese Würde zutiefst respektieren und möglichst viel für deren Verwirklichung tun. Das muss unser Leitbild sein!

Was richtet das bei alten Menschen an, wenn sie faktisch eingesperrt werden?

Die meisten Menschen – nicht nur alte Menschen – werden unter solchen Bedingungen nach und nach psychische und kognitive Auffälligkeiten zeigen: Angstzustände, Depressionen, Apathie, Suchtverhalten, Aggressionen. Kontakte sind immer wichtig, aber im hohen Alter gewinnen sie noch einmal an Bedeutung. Denn das Lebensumfeld verkleinert sich, Menschen werden zudem körperlich und seelisch-geistig verletzlicher. Wenn im hohen Alter Kontakte fehlen, dann sind die psychischen und kognitiven Risiken noch einmal höher als bei jüngeren Menschen. Auch hier ein klares Wort: Isolation alter Menschen ist nicht nur ein Verstoß gegen die Würde, sondern auch gegen die Gesundheit.

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