Wenn ein Amt einen langen Namen hat, dann kann das nur eines bedeuten: Es hat mit sehr schwierigen und verworrenen Sachverhalten zu tun. Thomas Will leitet eine solche Behörde – die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen mit Sitz in Ludwigsburg. Vor einigen Tagen erhielt der 60-Jährige die Ernennungsurkunde für diese finale Aufgabe.

Langwierige Nachforschungen

Final deshalb, weil der Oberstaatsanwalt Will etwas zu Ende führen kann, was vor mehr als 60 Jahren begann: die systematische Verfolgung von Verbrechen aus der Zeit des Dritten Reiches. 1958 erst wurde die Zentrale Stelle gegründet, sie ermittelt auf dem Gebiet der Bundesrepublik und darüber hinaus. Akten und Belege werden also auch in den Staaten eingesehen, in denen große KZ errichtet waren wie Polen.

Er prägte das Bild der Ludwigsburger Behörde: Kurt Schrimm, der Vor-Vorgänger von Thomas Will.
Er prägte das Bild der Ludwigsburger Behörde: Kurt Schrimm, der Vor-Vorgänger von Thomas Will.

Thomas Will kennt die Arbeit bestens. Seit 17 Jahren arbeitet er in der Ludwigsburger Dienststelle, bevor er deren Leitung übernahm. Im Gespräch mit dem SÜDKURIER rechnet er vor: Die Männer, die in ein KZ als Wachmann oder Buchhalter abkommandiert waren, mussten bei Kriegsende mindestens 18 Jahre alt sein. Dann sind sie heute 93 Jahre und älter. „Es sind immer weniger Personen, die aus dieser Alterskohorte noch am Leben sind“, berichtet der Jurist.

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Die Ermittlungen gegen sie gleichen einem Wettlauf gegen die Zeit, zumal die ehemaligen Helfer der Todeslager gebrechlich sind und ärztliche Atteste vorlegen, um unliebsame Nachforschungen zu bremsen. Dabei kommt ihnen häufig ein unterschwelliges öffentliches Echo zu Hilfe: „Lasst doch die alten Männer in Ruhe“, heißt es dann.

Mord verjährt nicht – auch nicht Jahrzehnte später

Thomas Will und seine 20 Mitarbeiter in Ludwigsburg lassen sich davon nicht beirren. Er stellt fest: „Die gesetzliche Vorgabe ist klar: Mord verjährt nicht.“ Das gilt auch für die inzwischen alten Herren, die sich als junge Männer straffällig gemacht haben. Eine Anklage wegen Mordes kann auch einen Greis treffen. Viele Jahre nach dem Weltkrieg konnten sich die Täter auf die Verjährung von Tötungsdelikten berufen. Das wurde 1979 endgültig geändert: Die damalige sozialliberale Koalition hob diese Regelung auf. Seitdem verfallen Mord und Totschlag nicht mehr. Sie können auch Jahrzehnte später gesühnt werden.

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Die Zentrale Stelle steht seit ihrer Gründung unter kritischen Beobachtung. Der damalige Bürgermeister von Ludwigsburg, Anton Saur, beschwerte sich über den Standort. Dadurch werde ausgerechnet seine Gemeinde immer mit Verbrechen in Verbindung gebracht und schlecht gemacht, meinte er. Andere Kritiker gehen tiefer: Zu spät habe man mit der Aufarbeitung begonnen, hieß es 1958. Zu spät, zu halbherzig. Tatsächlich zeigten die meisten Staatsjuristen nach der Kapitulation 1945 kaum Interesse am Aufarbeiten von NS-Unrecht.

All diese Argumente sprechen gleichzeitig für Ludwigsburg: Es ist die wichtigste deutsche Stelle zur gerichtlichen Verfolgung von NS-Unrecht. Ende der 60er Jahre arbeitete die Sonderbehörde auf Hochtouren. 121 Menschen saßen damals in Ludwigsburg, zeitweise wurde in 600 Fällen gleichzeitig ermittelt.

Noch laufen Verfahren: Doch es bleiben nur die kleinen Fische übrig

Und im Jahr 2020? Thomas Will und seine Mitarbeiter ermitteln aktuell gegen zwei ehemalige Wachmänner des KZ Mauthausen (Österreich), gegen zwei aus dem Bereich des KZ Neuengamme (bei Hamburg) und gegen acht SS-Mitglieder, die in Sachsenhausen (Brandenburg) eingesetzt waren. Dazu kommt ein Verfahren aus dem Bereich des ehemaligen KZ Stutthof (bei Danzig). Immer handelt es sich um SS-Leute, die untere Ränge bekleideten als Wachleute, Sanitäter oder Fahrer. Das verleiht den späten Verfahren einen bitteren Beigeschmack: Die Untersuchungen gelten den „kleinen Fischen“, während deren ehemalige Kommandanten teils glimpflich davonkamen.

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Der Oberstaatsanwalt sieht die meiste Arbeit als getan an. Er sagt: „Ende des Jahrzehnts dürften die letzten Täter etwa 100 Jahre alt sein. Dann wird die Zentralstelle die Arbeit wohl einstellen, dann werden die letzten noch lebenden Täter 100 Jahre alt und der Zeitpunkt der Beendigung der Arbeit der Zentralen Stelle wird eng damit verknüpft sein.“ Bis dahin hat er freie Hand, er sagt: „Von außen gab es nie auch nur den Versuch einer Einflussnahme.“

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