Herr Hagel, wie geht gute Führung?

Ich glaube, diese Frage versuchen Führungskräfte seit Jahrhunderten zu beantworten, ohne eine Standardantwort gefunden zu haben. Ich bin davon überzeugt, dass Führung dann gut ist, wenn sie vor allem authentisch ist. Führung braucht integrative Kraft, die verbindet und nicht trennt. Nur so entsteht ein echtes Miteinander. Gute Führung ist, wenn man nach innen zusammenführt und nach außen zusammen führt.

Gute Führung bildet ein Team, in dem man gerne mitarbeiten will. Das versuche ich in meiner Rolle als Fraktionsvorsitzender. Die CDU-Fraktion besteht aus 42 Köpfen – das heißt 42 eigene Wahrnehmungen, eigene Lebenswirklichkeiten, eigene Wünsche und eigene Gedanken. Daraus schaffen wir ein gemeinsames Ganzes. Und natürlich müssen auch Entscheidungen getroffen werden. Aber jede Entscheidung findet – denke ich – Akzeptanz, wenn ihr eine nachvollziehbare Begründung zugrunde liegt, wenn sie klar und auch verbindlich ist.

Bei Wahlniederlagen platzen Lebensentwürfe und Karrierehoffnungen. Wie bindet man Enttäuschte, Frustrierte und Neider ein?

In der Politik und in einer Fraktion ist es nicht anders, als wenn anderswo Menschen zusammentreffen. Diese Unterschiedlichkeit zu moderieren, ihr Richtung und Struktur zu geben, ist die Aufgabe einer Führungskraft. Nicht autoritativ und mit dem großen Hammer – sondern gewinnend, konstruktiv und mit Angeboten, aber immer klar und verbindlich. Wenn man Verantwortung für Menschen übernehmen will, muss man auch Lust darauf haben, den Einzelnen im Blick zu haben. Das versuche ich. Was mich sehr freut ist, dass es uns in diesem ersten halben Jahr gelungen ist, aus der CDU-Landtagsfraktion ein echtes Team zu formen.

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Sie gelten aber selbst auch nicht als lagerfrei, sondern werden zum Strobl-Lager gezählt – er hat Sie einst zum Generalsekretär gemacht.

Ich meine, dass diese alten Lagermuster überwunden sind. In der CDU Baden-Württemberg ist außerdem niemand Generalsekretär einer Person, sondern immer der Partei. So habe ich dieses Amt auch geführt. Politik und Führung braucht aber auch Loyalität. Daran glaube ich fest.

Wann ist es an der Zeit, ein anderes, als höher bewertetes Gut über Loyalität zu stellen? Angela Merkel brach einst ihre Loyalität zu Helmut Kohl, der sie zur Ministerin gemacht hatte. Am Ende war sie erst Parteichefin, dann Kanzlerin.

Loyalität braucht eigenes Denken, geistige Unabhängigkeit und immer ein ehrliches, offenes Wort der Person gegenüber, zu der man loyal sein möchte.

Manuel Hagel (CDU) im Gespräch mit SÜDKURIER-Korrespondentin Ulrike Bäuerlein in Stuttgart.
Manuel Hagel (CDU) im Gespräch mit SÜDKURIER-Korrespondentin Ulrike Bäuerlein in Stuttgart. | Bild: Ulrike Bäuerlein

Welche Parallelen sehen Sie jetzt im Bund zur Situation der Südwest-CDU im März?

Die Tage nach der Bundestagswahl haben gezeigt: Der Intrigantenstadel hat ausgedient. Das Hauen und Stechen, der Streit um Ämter, das führt zu nichts. Das haben wir als CDU Baden-Württemberg gelernt. 39, 27, 24 Prozent – das waren die CDU-Ergebnisse der letzten Landtagswahlen. Das ist keine Gottesstrafe, sondern ein Trend. Uns selbst ehrlich zu machen, daraus zu lernen und besser zu werden, war ein Versprechen nach der letzten Landtagswahl. Was wir besser machen, ist der wertschätzende Umgang miteinander. Wenn wir Deutschland führen wollen, müssen wir immer auch zeigen, dass wir uns selbst führen können.

Was haben Sie anders gemacht im Land?

Wir in Baden-Württemberg haben klar gesagt, dass uns das Ergebnis nicht zufrieden stellt. Aber wir haben es mit Haltung angenommen und den Grünen ein Angebot für eine Koalition gemacht. Wir waren von Anfang an verschwiegen. Diskretion ist unheimlich wichtig bei solch vertraulichen Gesprächen. Wir waren klar und verlässlich. Und wir waren vor allen Dingen ein Team mit klarer Führung, Richtung und Struktur. Das galt und gilt für Partei und Fraktion. Ich hätte mir gewünscht, dass die Union im Bund diesem Beispiel folgt.

Was muss bei der CDU Deutschland jetzt passieren?

Das Ticket „männlich, katholisch, Nordrhein-Westfalen“ war in der CDU Deutschlands überbucht und es ist überbucht. Die unterschiedlichen Regionen, Lebensentwürfe, Biographien, Alter und Geschlechter müssen besser abgebildet werden. Wenn man mich fragt, was man von uns in Baden-Württemberg nach der Niederlage abschauen kann, dann ist es Geschlossenheit, Vertrauen ineinander, Verlässlichkeit und ein konzeptioneller und personeller Aufbruch, der die Erfahrung Älterer und die Kreativität und Lust Jüngerer nicht gegeneinander ausspielt, sondern daraus etwas Gemeinsames schafft. Die CDU-Landtagsfraktion kann hier als Modell für die Union im Bund dienen.

Und wer soll es machen?

Zuerst muss die Idee kommen, wohin wir mit der Partei wollen. Und dann geht es um das Personal. Wer in unserer Union Verantwortung übernehmen will, muss jetzt zeigen, dass er integrieren kann, verlässlich, kreativ und innovativ ist und mit einer mitreißenden Idee unsere Volkspartei in die Zukunft führen kann.