Die Meldung schlägt ein wie eine Bombe. Bereits am frühen Montagmorgen, kurz nach dem die Schweizer Boulevardzeitung „Blick“ von einem neuen „Wundermittel gegen Corona„ berichtet hatte, hätten erste Kunden telefonisch ihre Echinaforce-Tabletten reserviert, berichtet eine Apothekerin aus dem Oberthurgau. Schon am frühen Nachmittag seien ihre Vorräte aufgebraucht gewesen.

Gleiches erfährt man in der Bahnhof Apotheke in Aarau. Viele Kundinnen verlangten nach dem Präparat, die Tablettenform war schnell ausverkauft. In Basel wurde ein Kunde schon um neun Uhr morgens von seinem Apotheker wieder nach Hause geschickt: „Alles ausverkauft, sie sind schon der fünfzigste Kunde, der danach fragt.“

Eine Studie und viel Wirbel

Was ist passiert? Am 9. September hat das renommierte „Virology Journal“ den Studienbericht über eine in-vitro-Studie mit Echinacea purpurea, dem Roten Sonnenhut, veröffentlicht. Durchgeführt hatte die Studie das Labor Spiez. Dabei wurde im Zellversuch eine Wirksamkeit gegen Coronaviren beobachtet.

Die Thurgauer Herstellerfirma A. Vogel AG wurde von der riesigen Aufmerksamkeit überrascht und erklärte , dass sie aus rechtlichen Gründen keine Studienresultate der Arzneimittelforschung kommentieren dürfe. „Inwiefern sich die Ergebnisse des Zellversuchs auf den Menschen übertragen lassen, wissen wir heute noch nicht. Hier müssen weitere wissenschaftliche Untersuchungen für zusätzliche Beurteilungsgrundlagen sorgen“, schreibt das Thurgauer Unternehmen mit Sitz in Roggwil, rund zwei Kilometer vom Arboner Seeufer entfernt.

Noch ist die Wirkung im Körper rein hypothetisch

Schon länger forscht Werner Albrich von der Klinik für Infektiologie am Kantonsspital St.Gallen am Wirkstoff aus der Echinacea-Pflanze. Von einem Wundermittel zu sprechen, sei nicht angebracht. „Aber es gibt mit dieser Studie einen Hinweis, dass Echina­force als Prophylaxe wirken könnte“, sagt der Infektiologe.

Der Rote Sonnehut in einem Garten.
Der Rote Sonnehut in einem Garten. | Bild: Doris Burger

Genauer gesagt: Die neue Studie des Labor Spiez zeigt, dass der Wirkstoff Coronaviren im Reagenzglas hemmt. Zum zweiten gibt es aus früheren Studien klinische Hinweise, dass Erkältungen reduziert werden, wenn man Echinaforce vorbeugend einnimmt. Wenn man Echinaforce verwendet, um Erkältungen zu verhindern, dann hat man eine gewisse Chance, dass es auch gegen Covid-19 wirkt. „Aber das sind im Moment noch Hypothesen“, sagt Albrich.

Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zur neuen Echinaforce-­Studie.

Was zeigt die Studie des Labors Spiez?

Im Reagenzglas, also in vitro, wurden Versuche mit menschlichem Gewebe aus Zellen der oberen Atemwege gemacht. Echinaforce inaktivierte die vier untersuchten Coronaviren im Gewebe. Das am meisten verbreitete Erkältungsvirus HCoV-229E, Mers-CoV, Sars-CoV1 sowie das neue Sars-CoV2 wurden abgetötet. Das bestätigt frühere wissenschaftliche Studien, die nachgewiesen haben, dass der Wirkstoff des Roten Sonnenhuts einen antiviralen ­Effekt hat.

Welcher Effekt von Echinacea ist wissenschaftlich belegt?

Die Echinacea-Präparate werden verschiedene Wirkungen nachgesagt: Sie sollen vorbeugend und heilend wirken. Sie wirken zumindest im Reagenzglas direkt gegen Viren, hemmen die Virus-Vermehrung und töten sie direkt ab. Frühere Echinaforce-Studien zeigen, dass der Wirkstoff auch entzündungshemmend wirken und gleichzeitig das Immunsystem fördern kann.

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Ein weiterer Effekt soll sein, dass Echinacea die Anheftung von Bakterien an die menschlichen Atemwegszellen blockiert. Virus-Infekte bahnen oft bakterielle Infekte. Das heißt, der Virus-Infekt schädigt die Atemwegszellen und fördert dadurch das Eindringen der Bakterien in die Zellen. Dadurch kann ein bakterieller Superinfekt entstehen. Echinacea soll sowohl den Virus- als auch den Bakterieninfekt verhindern.

Die staatliche US-Behörde für Komplementär- und Alternativmedizin erklärt, dass Echinacea-Präperate tatsächlich präventiv wirken könnten, was Erkältungskrankheiten betrifft. Für Erfolge in anderen Anwendungsgebieten fehlten jedoch Belege. Die renommierte Cochrane-Organisation, die unabhängig für evidenzbasierte Medizin eintritt, spricht Echinacea sogar die vorbeugende Wirkung ab. Die generelle Wirksamkeit ist wissenschaftlich also hoch umstritten.

Was nützt der Wirkstoff Echinacea gegen Covid-19?

Die Studie zeigt, dass Echinacea im Zellkulturmodell eine vorbeugende Wirkung hat. Sinn macht die prophylaktische Behandlung gegen das Coronavirus gemäß den Studienautoren, weil der Wirkstoff ein breites Wirkungsspektrum gegen Atemwegsviren habe, die entweder schwere Lungenerkrankungen oder Erkältungen verursachen.

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Die Studienautoren schreiben, dass gerade Beschäftigte im Gesundheitswesen, die schwere Infektionen behandeln, davon profitieren könnten, weil so die Übertragung und Morbidität hoch pathogener Coronaviren in der Allgemeinbevölkerung verringert werde.

Aufgrund ihrer allgemeinen Wirkungsweise könnten neuartige zoonotische Coronaviren, wie bei Sars-CoV2, auch empfindlich auf das Arzneimittel Echina­force reagieren und möglicherweise eine zugängliche und kostengünstige prophylaktische Behandlung für andere, neu auftretende Coronavirus-Infektionen bieten.

Wirkt Echinacea auch bei einer Covid-19-Erkrankung?

Die Wirkung von Echinaforce bei Sars-CoV2 wurde nur in vitro belegt, nicht im Körper. In der Petrischale hat eine bestimmte hohe Konzentration des Wirkstoffs zum 100-prozentigen Abtöten der Coronaviren geführt. Es stellt sich nun die Frage, ob die für eine anti-virale Wirkung nötigen Konzentrationen auch im menschlichen Körper erreicht werden können.

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Die Forscher haben deshalb auch untersucht, was passiert, wenn die Viren schon in den Zellen sind. „Dann hat der Wirkstoff aber praktisch nichts mehr gebracht“, sagt Werner Albrich. Ein Effekt war nur mit sehr hohen Dosen erreichbar, und das nur in geringem Ausmass. Man weiß deswegen nicht, ob Echinaforce in den handelsüblichen Dosierungen eine Wirkung auf die Heilung von Covid-19 hat.

Wie wird der Wirkstoff Echina­force gewonnen?

Echinaforce wird aus dem Roten Sonnenhut gewonnen. Aus dessen Frischpflanzen-Extrakt und Alkohol werden die Echinaforce-Produkte für den Handel hergestellt.

Lässt sich der Wirkstoff ohne Ende herstellen?

Der Wirkstoff für das Präparat stammt vom Roten Sonnenhut und ist somit, wie jede Pflanze, nicht unumschränkt anbau- und lagerbar. Es gibt, wie bei allen pflanzlichen Produkten, also natürliche Grenzen bei der Herstellung. Allerdings gibt es auch andere Hersteller, die Sonnenhut-Präparate herstellen, allerdings nicht in der genau gleichen Zusammensetzung wie das nun im Labor getestete Echinaforce von A. Vogel.

Wer steckt hinter der Studie?

Die Studie wurde am Labor Spiez durchgeführt, dem staatlichen Institut der Schweiz für den Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Bedrohungen. Es gehört zum Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) und ist das einzige Labor der Schweiz, das auch mit hochgefährlichen Erregern arbeiten darf.

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In der nationalen Covid-Arbeitsgruppe ist das Labor Spiez bei Fragen zur Diagnostik und zu den Schutzmasken involviert. An der Echinaforce-Studie waren neben Virologinnen und Virologen des Labors Spiez auch zwei Mitarbeiter der A. Vogel AG sowie der Infektiologe Werner Albrich vom Kantonsspital St.Gallen beteiligt.

In einer Stellungnahme hat das Labor Spiez festgehalten, dass die vom Labor belegte Wirksamkeit einer Substanz in vitro kein Beweis für die Wirksamkeit der Substanz in vivo, also im Körper, sei. Um dazu Aussagen machen zu können, wären klinische Studien erforderlich.

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