David Hilzendegen und Jörg-Peter Rau

Wie sehr geht Corona derzeit im Landkreis um? Wie hoch ist das Risiko, sich in einer Menschenmenge mit Covid-19 anzustecken? Rollt eine neue Welle an, oder kann man wirklich von einem Ende der Pandemielage ausgehen? Auf all diese Fragen haben die Landkreise über ihre Gesundheitsämter seit Anfang 2020 so gut wie möglich versucht Antworten zu geben. Nach fast drei Jahren mit Corona wird die Informationslage aber dünner. Die Landkreise am Bodensee, Hochrhein, im Schwarzwald und im Linzgau haben die Veröffentlichung von Corona-Zahlen ganz oder weitgehend gestoppt.

Auch der SÜDKURIER wird künftig nicht mehr täglich lokale und regionale Corona-Werte veröffentlichen. Der Corona-Ticker mit allen wichtigen Nachrichten rund um die Pandemie aus Region, Land, Bund und Welt läuft dagegen weiter. Denn aus der Welt ist das Virus ja keineswegs.

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Experte: Auf jeden offiziell Erkrankten kommen zehn, die es auch haben

Denn die Corona-Zahlen, wie sie im Moment noch das Landesgesundheitsamt zusammenträgt, sind nach Ansicht von Experten ziemlich wertlos geworden. Inzidenzen haben kaum mehr Aussagekraft, weil viele Infektionen nicht mehr registriert werden. Die Dunkelziffer dürfte riesig sein. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie in der München Klinik Schwabing, schätzt sie auf „mindestens Faktor zehn“. Das bedeutet, wenn wir in der Statistik 100 Infizierte stehen hätten, wären in Wirklichkeit 1000 Menschen infiziert.

Nur PCR-Tests gehen in die Statistik ein – und die lässt kaum mehr jemand machen

Damit habe die Sieben-Tage-Inzidenz „ihre Seismographen-Funktion weitgehend eingebüßt“, sagt der Experte. Viele Infizierte würden sich mit einem Antigen-Schnelltest begnügen und für einen laborbestätigten PCR-Test nicht mehr zum Hausarzt gehen. Dadurch tauchen sie in keiner Statistik mehr auf. Auch die Zahl der Genesenen lässt sich nicht mehr seriös berechnen, weil es ja keinerlei Klarheit gibt, wie viele Menschen überhaupt erkrankt waren.

Folgenlos: Corona-Schnelltests, die wie hier zu sehen im Jahr 2021 sogar als Grundlage für offizielle Zertifikate dienten, werden ...
Folgenlos: Corona-Schnelltests, die wie hier zu sehen im Jahr 2021 sogar als Grundlage für offizielle Zertifikate dienten, werden nirgendwo mehr erfasst. | Bild: Marcel Jud

Genau darauf reagieren nun die Landratsämter. Die Kreisbehörden in Waldshut und Konstanz aktualisieren ihre Statistiken noch einmal pro Woche. Das Landratsamt des Bodenseekreises hat sein Dashboard – die Überblicksseite zu Corona im Internet – auf dem Stand von Ende Juli eingefroren. Beim Schwarzwald-Baar-Kreis heißt es dazu klipp und klar: Weil es keine Quarantäne bei Corona mehr gibt, „hat das Gesundheitsamt keine Grundlage mehr, um die Anzahl der Genesenen zu berechnen“. Und: Das Gesundheitsamt bekomme ja nur die PCR-Test-Ergebnisse. Fazit: „Die vorliegenden Zahlen sind für die Entwicklung der Pandemie nicht ausreichend aussagekräftig.“

Ausgangssperre bei einer Inzidenz über 50? Das ist schon lange passé

Und es gibt noch einen weiteren Punkt: Waren zu Beginn der Corona-Pandemie Grenzwerte wie eine Sieben-Tage-Inzidenz von 35 oder 50 für weitreichende Eingriffe ins private und öffentliche Leben maßgeblich, haben Corona-Zahlen inzwischen keine direkte Auswirkung mehr: Es gibt keine Maßnahmen mehr, keinen Katalog, der ab einem bestimmten Schwellenwert in Kraft tritt. Bis auf die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr ist von Corona-Einschränkungen für die meisten Bürgerinnen und Bürger nicht mehr viel zu spüren.

Im Stadtbus, hier in Konstanz, muss weiterhin Maske getragen werden. Verlässliche Statistik-Zahlen würden es der dafür zuständigen ...
Im Stadtbus, hier in Konstanz, muss weiterhin Maske getragen werden. Verlässliche Statistik-Zahlen würden es der dafür zuständigen Landesregierung erleichtern, über eine Ende der Maskenpflicht zu entscheiden. | Bild: Stadtwerke Konstanz

Ob allerdings die Corona-Pandemie ihrem Ende entgegengeht, bleibt fachlich und politisch umstritten. So diskutieren die Bundesländer die Maskenpflicht in Bus und Bahn auch unter diesem Vorzeichen, und die aktuelle Debatte im Nachbarland Bayern zeigt beispielhaft das Problem mit der unklaren Datenlage: Während der dortige Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) den Wegfall der Maskenpflicht laut der Deutschen Presse-Agentur damit begründete, dass die Inzidenz Bayern vergleichsweise niedrig sei, kritisiert die oppositionelle SPD, die Inzidenzen hätten „null Aussagekraft“.