Hohn, Sarkasmus und Verballhornung – über die Südwest-CDU und Susanne Eisenmann, CDU-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl am 14. März, ergießt sich seit dem Wochenende in den sozialen Medien beißender Spott.

Die Spitzenkandidatin reagiert mit demonstrativer Gelassenheit, verortet die Quelle des Unbills in den Reihen des politischen Gegners und freut sich zumindest nach außen hin über die Aufmerksamkeit für die plakativen CDU-Botschaften.

Innerhalb der Partei brodelt es

In den eigenen Reihen aber brodelt es. In Teilen der Jungen Union wurde intern darüber diskutiert, die Plakatierung zu boykottieren. Doch sechs Wochen vor der Landtagswahl findet sich am Montag in Stuttgart weder Mandatsträger noch Parteigröße, die sich mit Kritik öffentlich zitieren lassen.

„CDU wählen, weil wir Verbrecher von heute mit der Ausrüstung von morgen jagen“, heißt es auf einem Wahlplakat der CDU. Werbeexperten sagen: Autofahrer lesen beim Vorbeifahren nur die ersten vier bis fünf Wörter. Hängen bleibt dann: „Wir Verbrecher von heute.“ Bild: dpa
„CDU wählen, weil wir Verbrecher von heute mit der Ausrüstung von morgen jagen“, heißt es auf einem Wahlplakat der CDU. Werbeexperten sagen: Autofahrer lesen beim Vorbeifahren nur die ersten vier bis fünf Wörter. Hängen bleibt dann: „Wir Verbrecher von heute.“ Bild: dpa | Bild: Marijan Murat

Die Frage, wer für die Auswahl der von der Berliner Agentur Römer Wildberger entwickelten Motive letztlich verantwortlich ist, wird im Hintergrund in verschiedenen Lagern freilich gegensätzlich beantwortet. Die Plakate seien „mit allen Ebenen und Gremien abgestimmt, Kritik gab es keine“ heißt es hier, es sei letztlich eine „Entscheidung der Spitzenkandidatin“ gewesen, heißt es da.

Auf Twitter machen sich viele über das Plakat lustig

Vor allem das Großplakat mit dem Satz „CDU wählen, weil wir Verbrecher von heute mit der Ausrüstung von morgen jagen“ erregt die Gemüter. Postwendend wurden wenig schmeichelhafte Bearbeitungen veröffentlicht, meist verkürzt auf „CDU – wir Verbrecher von heute“.

Das könnte Sie auch interessieren

Und der Hashtag #wirverbrecher liefert auf Twitter mittlerweile zahlreiche Treffer. Nicht weniger Kritik löst das Plakat aus mit Eisenmanns Konterfei und der Frage: „Wollen wir nicht alle beschützt werden?“.

Angesichts der von Eisenmann zuletzt vorangetriebenen Öffnung von Kitas und Grundschulen trotz Corona fühlten sich viele Online-Kommentatoren veräppelt. „Ist das ernst gemeint? Ist das ein Fake?“ waren denn auch die meistgestellten Fragen im Netz dazu.

Das sagt Spitzenkandidatin Eisenmann selbst dazu

Eine Reaktion kam aber nicht vom nominell für die Wahlkampagne zuständigen Generalsekretär Manuel Hagel, sondern von der Spitzenkandidatin selbst. „Dass eine Botschaft auf Plakaten im Netz bewusst missverstanden wird, sehen wir gelassen“, teilt Eisenmann mit. „Ich freue mich, dass über mehrere unserer Plakatmotive intensiv diskutiert wird.“

Schließlich gehe es darum, die Botschaften der CDU bekannt zu machen – im Fall des verballhornten „Verbrecher“-Plakates die Innere Sicherheit, „eine Kernkompetenz der CDU, ein Thema, das viele Menschen umtreibt“, so Eisenmann.

Ein Zurückziehen der fraglichen Motive sei nicht infrage gekommen. Von der Landesgeschäftsstelle gab es dagegen lediglich die dürre Mitteilung, es habe keine kritischen Rückmeldungen aus der Partei gegeben, und im Übrigen sehe man die Angelegenheit gelassen.

Noch nicht viele Reaktionen aus den Reihen der Polizei

In den Reihen der baden-württembergischen Polizei hatte man die plakatierte Ankündigung der CDU, auf Verbrecherjagd gehen zu wollen, noch gar nicht so recht wahrgenommen.

„Das ist gar kein Thema“, sagt Ralf Kusterer, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. „Aber der Wunsch, mit moderner Technik auf Verbrecherjagd zu gehen, ist in Ordnung, der ist deckungsgleich mit dem Wunsch der Polizei“, sagt Kusterer. „Nur ob die 40 Millionen Euro dafür ausreichen, die die CDU für ihr Technik- und Zukunftsprogramm ins Wahlprogramm geschrieben hat, das ist noch dahingestellt.“

So bewertet ein Politikforscher die Aktion

Spott im Internet ist die eine Seite. Aber wie wichtig sind die Plakate überhaupt für den Wähler? „In Corona-Zeiten, wo Veranstaltungen und der direkte Kontakt zum Wähler ausfallen, muss man über Plakate mehr Aufmerksamkeit generieren“, sagt Ulrich Eith, Politikforscher an der Universität Freiburg.

Er hat zumindest handwerkliche Bedenken, was die fraglichen CDU-Plakate betrifft. „Wenn es so einfach ist, die Botschaft sprachlich auseinanderzunehmen, wirft das einige Fragezeichen auf“, sagt Eith.

„Wird ein gewisses Maß an Spott und Ironie überschritten, fühlen sich einige CDU-Anhänger in der Defensive, das ist ihnen peinlich. Da fällt es schwer, Selbstbewusstsein zu zeigen“, analysiert Eith. „Wenn Plakate zu leicht ins Ironische verdreht werden können und Schadenfreude laut wird, spätestens dann sind sie nicht mehr imagefördernd.“