Das Badnerlied kennt jeder, auch wenn er nicht alle Strophen auswendig hersagen kann. Auf 721 Strophen bringt es der mächtige Ethno-Gesang, wenn man alle Versionen zusammenzählt. Nicht alle sind genial.

Schon die Melodie tritt mehr nach Raketenstart als nach Rebland: Nach einem Quart-Aufschwung wird ein Dur-Akkord schrittweise nach unten gesungen. Das ist ein blendender Einfall, den der Komponist des Liedes da in die ersten Takte packt.

Der populäre Choral ist von unten gewachsen. Es kennt keinen offiziellen Auftraggeber, keine Uraufführung. Zu Zeiten des Großherzogtums, dessen Wappen bis heute an vielen Häusern prangt, wurde etwas anderes gespielt: die Fürstenhymne. Diese war streng monarchisch und staatsbrav.

Sie ist längst vergessen. Die Geschichte hat sie untergepflügt, als das alte Großherzogtum 1918 unterging und kurzerhand die „Republik Baden“ ausgerufen wurde. Ohne Fürst keine Fürstenhymne.

Volkstümlich und stolz

Das Badnerlied ist da aus anderem Holz geschnitzt. Es ist volkstümlich im buchstäblichen Sinn; im Text, dessen viele Dichter unbekannt sind, geht es um Landschaft und Menschen, um die Schönheit der Erde und herausragende Städte.

Es heißt dort: „Der Bauer und der Edelmann, das stolze Militär, die schau‘n einander freundlich an“ – die Stände sollen sich versöhnen. Der Landesherr wird nur indirekt erwähnt („in Karlsruhe ist die Residenz“).

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Ein Werbeprospekt wird entfaltet, der schöne Schwarzwald darf ebenso wenig fehlen wie die „schönen Mädchen“ und natürlich das weinselige Freiburg. Auch die frühe Industrie hält bereits Einzug in den Reimen.

„Die Fabrik“ in Mannheim wird ausdrücklich erwähnt wird, gemeint ist die frühe BASF, die in der eigentlich pfälzischen Stadt produzierte. Von allem etwas und niemand zu leid – das ist der Tenor der Verse im Geist eines selbstbewussten Bürgertums.

Teile aus dem Sachsenlied

Der oder die Dichter sind unbekannt. Sie mischten die Schlagworte ihrer Zeit, schrieben ab und änderten es so, das alles auf das junge Ländchen zwischen südlicher Pfalz und altem Bistum Konstanz passt. Ein Stammesgesang ist keine Doktorarbeit, also kopierten die Sangesbrüder nach Kräften. Teile stammen aus dem umgedichteten Sachsenlied.

Und die Strophe über “Alt-Heidelberg, du feine…“ floss aus der Feder von Joseph Viktor von Scheffel, immerhin einem echten Badener mit starken Bezügen zu Donaueschingen und Radolfzell und Blumberg, wo er in eine Wirtstocher verliebt war. Das Lokal, in dem er saß und über das hübsche Mädchen sinnierte, gibt es bis heute. Es heißt „Scheffellinde.“

Was hält uns zusammen?

In Scheffels Zeit entstehen die ersten und bis heute meistgeschmetterten Reime. Spätere Strophen sind teils grottenschlecht und unterschwellig aggressiv. Es sind die Jahre um die Reichsgründung. Der Text dient der Vergewisserung. Die Bürger fragten sich: Was sind wir neuen Groß-Badener, was hält uns denn zusammen?

Diese Fragen werden dichterisch beantwortet. Nach 1871 geht das Großherzogtum faktisch im Deutschen Reich auf, und das nicht nur freiwillig. Wie verhält sich das Kleine zum Großen nach der Reichsgründung? Spielen Freiburg oder Hagnau noch eine Rolle in dem fremden groß-preußischen Staatswesen, das sich durch seine Siege mächtige Gegner geschaffen hatte?

Soweit der Text. Die Melodie kam deutlich später hinzu. Sie wurde von dem Herbolzheimer Kapellmeister Emil Dörle (1886 bis 1964) komponiert. Dörle war auf Marschmusik spezialisiert und schuf 54 Märsche. Sein bekanntester heißt „Hoch Badnerland“. Aus dessen zweitem Teil, dem sogenannten Trio, stammt die Melodie des Badnerliedes. Da ist ihm wirklich etwas gelungen.

Die Geschichte vom armen Grafen

Und Württemberg? Es kann als zweiter und wiewohl größerer Landesteil keine vergleichbare Melodie auffahren. Hätte es eine solche in der kulturellen Schatzkammer, so würde sie in den Schulen gelehrt. Das ist definitiv nicht der Fall. Freilich, in alten Schulbüchern steht das das Gedicht „Der reichste Fürst“, das Justinus Kerner im 19. Jahrhundert schuf.

Die Begebenheit, die er da schildert, ist kaum geeignet, das Gefühl der Württemberger zu fangen. Die Pointe vom armen württembergischen Grafen, der nicht Gold und Soldaten besitzt, dafür die Liebe seiner Untertanen, ist berührend. Aber kaum stadionfähig.

Schwaben ist ein kulturelles Gebilde

Die Württemberger hat das nie gestört. Ebenso wenig die Schwaben, die mit den Württembergern teils identisch sind, aber eben nur zum Teil. Schwaben ist ein kulturelles Gebilde ohne scharfe Grenzen, es leitet sich vom gemeinsamen Dialekt ab; Württemberg ist eine politische Größe.

Während in Baden munter Verse geschmiedet wurden und die Hymne auf hunderte von Strophen anwuchs, gründeten die Stammesbrüder zwischen Neckar und Alb Autofabriken und Brauereien. Man kann auch sagen: Es wurde in Stuttgart kein Bedarf an einer Hymne gesehen. Die Leute hatten offenbar anderes zu tun, dichten galt damals noch als Zeitverschwendung.

Warum es noch Schwabenwitze gibt

Diese Beobachtung trifft nicht nur auf die ersehnte „Nation-building“ durch eigene Schlachtengesänge zu. Bei den Witzen – ebenfalls ein Fall populärer Prosa – sieht es kaum anders aus: Es gibt viele Schwabenwitze, darunter gute und miese. Aber kaum Witze auf Badener.

Nicht, dass die Badner viel heller wären. Es ist nur so, dass sich keine Handvoll Schwaben die Mühe macht, Witze auf Schwarzwälder oder Ortenauer zu dichten und in Umlauf zu bringen. Sie haben einfach viel anderes zu tun. Zum Beispiel Häusle bauen oder Windräder verhindern.

Doch, es gibt eine klitzekleine, liebenswerte Ausnahme. Mit größter Inbrunst wird von Einheimischen das Lied „Auf der Schwäb‘schen Eisenbahn“ gesungen. Es ist eine Anti-Hymne. Als Held des Liedes tritt ein Bäuerlein ans Licht, das seine Ziege an einen Zug anbindet und sich später wundert, dass sein Tier die Fahrt nicht überlebt.

Die Erzählung ist gänzlich unheroisch, humorvoll und selbstironisch. Schwaben lachen über sich selbst. Das schaffen selbst die Hymnen der alten Kaiserreiche nicht.