Eine Ausschreitung vor dem Riesenrad auf Klein-Venedig in Konstanz, auf der sich eine Polizistin leicht verletzte. Und ein Anschlag mit Farbbeuteln sowie Eiern auf das Elternhaus von Ex-Chef der Identitären Bewegung in Konstanz, Dominik B. Das ist die Bilanz der Antifa (Antifaschistische Aktion) vom vergangenen Querdenker-Wochenende. Diese Häufung innerhalb kurzer Zeit, gepaart mit Brutalität, ist für Konstanzer Verhältnisse neu. Eine Kennerin der Szene spricht mit dem SÜDKURIER über die Linksextremistische Szene. Sie möchte unerkannt bleiben. Die Frau fürchtet Anfeindungen im Netz und auf der Straße.

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Sie schätzt, dass es in der Region Konstanz und Bodensee Mitglieder im mittleren zweistelligen Bereich gibt. Die wenigsten von ihnen seien wirklich gewaltbereite Extremisten, die auch vor tätlichen Angriffen auf Polizisten nicht zurückschrecken.

„Am letzten Sonntag war es auch so, dass nur ein paar wenige Personen wirklich die Schwelle überschritten haben und sich mit der Polizei körperlich anlegten. Diese Leute kommen oft schon mit der Motivation her um Radau zu machen. Das ist nicht neu. Die meisten standen dahinter und haben verbal unterstützt“, erzählt sie. Ihre Beobachtungen decken sich mit der Wahrnehmung des SÜDKURIER, der auch vor Ort war, als die Situation zu kippen drohte.

Bild: Küster, Sebastian

Generell stamme nur ein kleiner Teil der Mitglieder, die am Wochenende aktiv waren, tatsächlich aus der Region. „Sie sind sehr reiselustig. Sie informieren sich sehr gut und tauschen sich über das Internet auf Plattformen aus. Sie wissen genau, wann zum Beispiel Alice Weidel (AfD) wo auftritt. Dann kommen viele angereist und man schließt sich zusammen.“

„Das Vorgehen der Antifa am Wochenende war eher untypisch“

Laut Uwe Vincon, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Konstanz, zeichnet sich die Antifa-Szene regelmäßig dadurch aus, dass sie gut vernetzt ist und sich gegenseitig bei Aktionen unterstützt. Im Vergleich zu Großstädten verhalte sich die Gruppierung in Konstanz aber weniger auffällig. „Das Vorgehen der Antifa am vergangenen Wochenende war eher untypisch und dürfte auf die Teilnahme von gewaltbereiten Störern außerhalb von Konstanz zurückzuführen sein“, so Vincon.

In Südbaden verortet der Verfassungsschutz Gruppen im niedrigen einstelligen Bereich, die zur linksextremistischen Szene gehören sollen. Wie viele Mitglieder diesen Gruppen zugeordnet werden, ist fraglich. Im Kreis Konstanz und im Bodenseekreis soll es keine Schwerpunkte linksextremistischer Aktivitäten geben, wohl aber im Schwarzwald. Neben Freiburg sei auch Villingen-Schwenningen auffällig. In der folgenden Grafik sind linksextremistische Straftaten auf Kreisebene zusammengefasst. Ob und wie viele davon der Antifa zugeschrieben werden können, ist nicht klar.

Bild: Müller, Cornelia

Dass die Gewaltbereitschaft innerhalb der linken Szene größer wird und Anschläge teils zunehmend brutaler werden, stellt der Verfassungsschutz jedoch eindeutig fest. „Gerade bei Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner „von rechts“ richtet sich die Gewalt immer öfter nicht nur gegen Sachen, sondern auch gegen Personen und oftmals auch gegen Polizeibeamte“, so der Pressesprecher des Verfassungsschutzes, Julian Illi.

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Die Kennerin der Szene, mit der der SÜDKURIER sprach, sieht das ähnlich. Obwohl es auch proaktive Aktionen und Demonstrationen gebe, tauche die Antifa vermehrt dann auf, wenn der Gegner mobilisiert. Sie agiere wenig, reagiere eher auf das Verhalten anderer: „Hat der Dritte Weg zum Beispiel einen Infostand, ist die Antifa auch da. Man will dagegenhalten und laut sein.“ Diese Einstellung bewies auch das vergangene Wochenende, als die Querdenker zu Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen aufriefen. Die Antifa meldete Gegendemonstrationen an.

„Je stärker rechts wird, desto stärker wird es auch von links.“

Ob die Gewaltbereitschaft in der Region in nächster Zeit zunehmen wird, könne auch für die Frau, die unerkannt bleiben will, nur schwer einschätzen. „Es kommt sehr stark darauf an, wie sich die Lage allgemein in Deutschland entwickelt. Je stärker rechts wird, desto stärker wird es auch von links.“

Der Verfassungsschutz verzeichnete in den vergangenen Jahren zumindest einen Anstieg linksextremistischer Straftaten. 2018 waren es noch 334 Fälle im Land. In einem Jahr stieg die Zahl um 152, also auf 486 Straftaten. Auch die linksextremistischen Gewalttaten spiegeln diesen Trend wider. 2018 sprechen Sicherheitsbehörden von 60 Fällen. Zwölf Monate später sind es fast doppelt so viele, nämlich 112.

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