„Es ist beängstigend. Wenn man das sieht, scheint ein Bürgerkrieg nicht mehr weit zu sein“, sagt Tatjana Kienle mit sorgenvollem Blick. Die junge Mutter wartet mit ihrer zweijährigen Tochter auf dem Arm seit einer Stunde in der Kälte vor einem der 14 Zugänge zur Ravensburger Altstadt.

Sechs berittene Polizisten auf ihren Pferden versperren den Weg zu ihrer Wohnung. Hinter ihr marschieren Tausende Corona-Demonstranten ohne Maske und Abstand und brüllen Schlachtrufe und Parolen. „Wir haben Möbel gekauft und einen Sprinter gemietet, den wir bezahlen müssen. Hätten die mal lieber einen Martinsumzug gemacht“, sagt Kienle sichtlich verärgert.

Berittene Polizisten am Rand der Ravensburger Altstadt.
Berittene Polizisten am Rand der Ravensburger Altstadt. | Bild: René Laglstorfer

Nachdem der SÜDKURIER bei einem Polizisten nachfragt, warum die Mutter – wo sich doch das Demo-Geschehen außerhalb der leergefegten Altstadt abspielt, nicht zu ihrer Wohnung gelassen wird, weichen die Polizei-Pferde zur Seite und der Sprinter kann mit den Möbeln passieren.

Ein Polizist spricht von einem „Kommunikationsmissverständnis“ – eine symptomatische Szene für die aufgeheizte Atmosphäre an diesem Montagabend in Ravensburg, die von gegenseitigem Misstrauen bestimmt war und am Ende auch zu Ausschreitungen, Verletzten und vorübergehenden Festnahmen führte.

Zur Abschreckung viel Licht

Es war um 17.30 Uhr, als die Polizei per Lautsprecher-Durchsage mitteilte, dass „bis 23 Uhr An- und Versammlungen sowie Umzüge in der Ravensburger Innenstadt verboten sind“. Das hinderte einige Corona-“Spaziergänger“ nicht daran, sich dennoch in der Altstadt zu treffen, besonders am Marienplatz, wo zahlreiche Mannschaftswagen der Polizei parkten und mehrere Flutlichtscheinwerfer des Technischen Hilfswerks (THW) den Platz zur Abschreckung taghell ausleuchteten.

Das Technische Hilfswerk leuchtet den Marienplatz taghell aus.
Das Technische Hilfswerk leuchtet den Marienplatz taghell aus. | Bild: Rene Laglstorfer

Als Zeichen für ihr Unverständnis angesichts der Behauptungen einiger Corona-Leugner schaltete die Stadt Ravensburg ihre Adventsbeleuchtung und die Lichter am Weihnachtsbaum auf dem Marienplatz ab.

Beamte – auch vom besonders geschulten „Anti-Konflikt-Team“ – sprachen herumstehende „Spaziergänger“ und Grüppchen freundlich an und wiesen sie auf das geltende Versammlungsverbot hin, das die Stadt Tage zuvor erlassen hatte, um angesichts der fünften Corona-Welle unangemeldete Massenansammlungen ohne Maske und Abstand wie vor einer Woche zu verhindern.

„Es lebe die Diktatur“

Dennoch schwoll der Zustrom zum Marienplatz immer weiter an, woraufhin gegen 18.10 Uhr Polizeiketten und Einsatzwagen die Zugänge zum zentralen Marienplatz abriegelten. Ein Mann, der dennoch dorthin gelangen wollte, sagte: „Es lebe die Diktatur.“ Ein Polizist entgegnete: „Ihr hättet ja auch einfach eine Demo anmelden können.“

Dass es möglich ist, gesetzes- und regelkonform gegen Corona-Maßnahmen zu demonstrieren, hatte die angemeldete und genehmigte Demo am Samstag in Überlingen gezeigt, bei der sich die 2000 Teilnehmer überwiegend an die Masken- und Abstandspflicht gehalten haben.

Gegen 18.20 Uhr teilte die Polizei in Ravensburg per Durchsage mit, dass Anwesende nun gefilmt würden und mit Bußgeldern von bis zu 500 Euro rechnen müssen. Laut Allgemeinverfügung der Stadt sind gemäß dem Infektionsschutzgesetz in Extremfällen sogar Strafen von bis zu 25.000 Euro möglich. „Einige Personen wurden bereits identifiziert. Ich fordere Sie nochmals auf, entfernen Sie sich aus der Innenstadt“, schallte es aus den Lautsprechern.

Geschehen verlagert sich

Der in Ravensburg lebende Südafrikaner Ryan J. kam mit einem beeinträchtigten Kind im Rollstuhl auf den Marienplatz und wollte bleiben. Er befürchtet negative Folgen der Impfung, wovon er auch den SÜDKURIER-Reporter zu überzeugen versuchte. Nach freundlichen Abschiedswünschen verließ auch er den von massiven Polizeikräften wie eine Festung abgeriegelten Platz. Das Geschehen hatte sich vor die Tore der Altstadt verlagert.

Die Zugänge zur Altstadt sind gesperrt.
Die Zugänge zur Altstadt sind gesperrt. | Bild: René Laglstorfer

Über Spazierwege entlang der Stadtmauer marschierten zuerst hunderte, dann tausende Teilnehmer in Richtung Grüner Turm – meist ohne Maske und Abstand auf engstem Raum. Dort bog der Zug, ungehindert von Polizei und Ordnungskräften, in die Wilhelmstraße ein, machte kehrt und zog über die Kreuzung am Frauentor in Richtung Schussenstraße ein und weiter zum Bahnhof.

Verkehrs-Achsen lahm gelegt

Ein kleines Grüppchen an Rädelsführern (einer davon auf einem Fahrrad), die sich oft uneinig über den weiteren Weg waren, lenkten die Menschenmassen – laut Polizei 2000 Personen, laut anderen Beobachtern etwa 3000 – absichtlich in den mehrspurigen Gegenverkehr.

Mehrere Autofahrer wurden überrascht, einer musste stark abbremsen, um niemanden zu überfahren. Damit blockierten die „Spaziergänger“ vierspurige Hauptverkehrsadern, die mitten durch Ravensburg führen. Der Fahrer eines Linienbusses verursachte aufgrund der Verkehrsbehinderungen beim Wenden einen Unfall mit Sachschaden.

Bis zu 2000 Menschen sind laut Polizei unterwegs.
Bis zu 2000 Menschen sind laut Polizei unterwegs. | Bild: René Laglstorfer

Während ein große Zahl an Polizisten den Marienplatz und die Zufahrtswege zur Altstadt abriegelten, war bis auf einige wenige Verkehrspolizisten auf Motorrädern lange kein Polizeiaufgebot zu sehen, das den Demo-Zug begleitet oder ansatzweise gelenkt hätte. Viele „Spaziergänger“ trugen Kerzen und Grablichter bei sich und skandierten „Friede, Freiheit, Demokratie“.

Wie im Messenger-Dienst Telegram zuvor geraten worden war, trugen die Teilnehmer keine Plakate mit sich, um nicht als Demonstranten erkannt zu werden. Als der Demonstrationszug das Verlagsgebäude von Schwäbisch Media umrundete, brüllten hunderte Kehlen immer wieder „Lügenpresse“.

„Schämt euch!“

Vereinzelt blickten Menschen erschrocken aus ihren Fenstern, welche enormen Menschenmassen sich hier in Windeseile zusammengerottet hatten. Es kam aber auch zu Unterstützungsgesten von hupenden Autofahrern und Anwohnern am Straßenrand. Einzelne „Spaziergänger“ beschimpften Polizisten und Journalisten: „Schämt euch! (…) Wir tun das doch für euch und eure Kinder“, schrie eine Frau vor der Reiterstaffel äußerst aggressiv aus voller Kehle, bis ihre Stimme brach.

Auch Polizeihunde sind im Einsatz.
Auch Polizeihunde sind im Einsatz. | Bild: René Laglstorfer

Unbeteiligte Beobachter ärgerten sich vom Straßenrand über die Menschenmassen, die den Verkehr zum Erliegen brachten: „Omikron ist im Anmarsch und die ganzen Spinner rennen ohne Maske herum“, sagte Justus V. einer Polizistin ins Gesicht. Die „Spaziergänger“ würden die Stadt und eine ganze Gesellschaft in Geiselhaft nehmen, so der Student gegenüber dem SÜDKURIER. Ein Polizist mit Motorrad wurde von einem Demonstranten gestoßen.

Zehnjähriges Kind verletzt

Mittels einer Polizeikette und Durchsagen stoppten die Beamten den Zug schließlich gegen 19.25 Uhr am Frauentor. Ein Demonstrant versuchte, die Polizeikette zu durchbrechen, weshalb Beamte Pfefferspray einsetzten. Die Wolke hat dabei ein zehnjähriges Kind leicht verletzt, das vom Rettungsdienst versorgt wurde. „Ich stell‘ mir schon die Frage, warum die Agitatoren ein zehnjähriges Kind an vorderster Linie mitnehmen“, sagte der Ravensburger Polizeipräsident Uwe Stürmer dem SÜDKURIER.

Polizisten in Bereitschaft.
Polizisten in Bereitschaft. | Bild: René Laglstorfer

Nachdem sich der Zug langsam aufgelöst hatte und der Verkehr wieder passieren konnte, formierte sich gegen 20.15 Uhr eine Gruppe von etwa 500 Demonstranten in der Bachstraße der Ravensburger Altstadt. Auch dort versuchte ein „Spaziergänger“, die dortige Polizeikette zu durchbrechen. Dabei erlitt ein Polizist leichte Verletzungen.

„Keine Rücksicht auf Infektionsschutz“

Schwere Verletzungen habe es laut Polizei nicht gegeben. Sie hält sich auch bei der Angabe der Zahl der vorübergehenden Festnahmen noch bedeckt. Die Ermittler haben mehrere Strafverfahren wegen tätlichen Angriffs auf Polizeibeamte eingeleitet und werten derzeit Videoaufnahmen aus, um weitere Verstöße von „Spaziergängern“ zur Anzeige zu bringen, die in sogenannten sozialen Netzwerken wie Telegram die Massenansammlung mitten in der Pandemie feiern.

Auch die Anführer der Demo erwartet Strafanzeigen. „Ziel ist es, dass der Personenkreis, der federführend organisiert hat, identifiziert wird“, sagt der Ravensburger Polizeipräsident Uwe Stürmer im SÜDKURIER-Gespräch. Er hat den Einsatz vor Ort beobachtet, aber nicht geleitet. „Die Leute tun so, als ob ihnen die Freiheit genommen werde und gefährden dabei sich und andere. Es war ein Aufzug der Unvernünftigen, die keinerlei Rücksicht auf den Infektionsschutz nehmen“, so Stürmer.

Der Ravensburger Polizeipräsident Uwe Stürmer.
Der Ravensburger Polizeipräsident Uwe Stürmer. | Bild: Stefan Hilser

Kein Spaziergang

Seine Bilanz ist „durchwachsen“: Zwar sei es gelungen, den Marienplatz und die Altstadt von Ansammlungen freizuhalten, nicht aber die Verkehrs-Achsen rundherum. Aber warum?

„Wir mussten aufpassen, dass wir unsere Kräfte nicht verheizen und die Spreu vom Weizen trennen. Sobald ich irgendwo schwächere Kräfte habe, muss ich damit rechnen, dass das ausgenutzt wird“, erklärt Stürmer. Er sei froh, dass die Polizei die Menschenmassen von den engen Seitenstraßen und Gassen fern halten konnte. „Wer glaubt, dass das ein Spaziergang war, dem ist nicht mehr zu helfen.“