Man hörte die berühmte Stecknadel auf den Boden fallen, berichteten Zeitzeugen damals. Vor 150 Jahren stimmten 533 Bischöfe aus aller Welt der Aussage zu, dass ein Papst in seinen Urteilen und Lehren unfehlbar sei. Das war am 18. Juli 1870, den Hintergrund bildete das I. Vatikanische Konzil, das sich im Petersdom versammelt hatte.

Kaum ein anderes Dogma hat die Gemüter derart bewegt wie diese Eigendefinition, die Papst Pius IX. dem Konzil vorlegte. Ein großer Teil der Bischöfe und Äbte fragte sich damals, ob hier denn alles mit rechten Dingen zugehe. Auch im höchsten katholischen Amt bleibe der Gewählte doch ein fehlbarer Mensch. Viele Bischöfe opponierten und blieben – auf Wink von oben – der Abstimmung fern. Deshalb wurden 533 Ja-Stimmen und nur zwei Nein-Stimmen gezählt; die Opposition mit etwa 70 Delegierten blieb draußen, um die Mehrheit nicht zu gefährden.

Unter dem Einfluss von Wessenberg

Die Überhöhung des päpstlichen Amtes beschäftigte viele deutsche Katholiken. Südbaden stand damals unter dem Einfluss der Ideen eines Ignaz Heinrich von Wessenberg. Den Reformkatholiken erschien auch nur der Gedanke der Unfehlbarkeit abwegig. Schnell bildeten sich Initiativen in den Ortsgemeinden. Sie bildeten eine neue Gemeinschaft, die bis heute existiert: die Altkatholiken. Der Name meint auch, dass sie sich von den bewährten Glaubenssätzen nicht lösen wollten. Nur den absoluten Rang des Papstes mochten sie nicht mittragen.

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Die größte alt-katholische Gemeinde in Südbaden sitzt in Blumberg (Schwarzwald-Baar). Andere Pfarreien gründeten sich in Bad Säckingen, Dettighofen oder Lottstetten (alle Kreis Waldshut), in Sauldorf und Furtwangen. Die auch auf dem Land verwurzelte Bewegung zeigte, wie weit sich die römische Kurie mit ihrem Vorstoß exponiert hatte, ohne auf die einzelnen Länder Rücksicht zu nehmen: Während Pius IX. an seiner „Beförderung“ arbeitete, standen die Katholiken in Baden oder Württemberg im Kulturkampf mit ihren Fürsten.

Wenig Zeit für das Konzil in Rom

Im Erzbistum wurde der Konflikt zwischen Großherzog und Erzbischof besonders hart ausgefochten: Als die Konzilsväter erstmals zusammentraten, war Freiburg ohne Erzbischof; Lothar Kübel diente lediglich als Bistumsverwalter. Da die Lage so schwierig stand, war er nicht nach Rom gefahren.

Sein Rottenburger Kollege hatte am Konzil teilgenommen, war aber zeitig abgereist: Karl Joseph von Hefele gehörte zu denen, die dem Papst und seinen Beratern widersprochen hatten und ohne Umschweife gegen die Lehre der Unfehlbarkeit plädierten. Er blieb im Amt, haderte aber zeitlebens mit der pontifikalen Anmaßung, wie er es empfand. Erst kurz vor seinem Tod versöhnte sich Hefele mit Rom. – Das Dogma der Unfehlbarkeit gilt bis heute.

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