„Mich hat eine Sommergrippe erwischt“, sagt Alice Weidel entschuldigend, als sie mit belegter Stimme zu ihrer Rede in der Ludwig-Roos-Halle in Friedrichshafen-Ettenkirch ansetzt. Die AfD-Landesvorsitzende ist der Stargast der Auftaktveranstaltung zur landesweiten Sommerkampagne ihrer Partei. Diese findet wenige Tage vor einem für die AfD möglicherweise wegweisenden Entscheid statt.

Am Samstag will das Bundesschiedsgericht der AfD über den Parteiausschluss ihres Mitglieds Andreas Kalbitz verhandeln. Die innerparteilichen Kämpfe zwischen den nationalkonservativen Kräften unter Führung Jörg Meuthens und dem rechtsnationalen Flügel Björn Höckes haben die öffentliche Wahrnehmung der AfD in den vergangenen Monaten geprägt.

Ob und wie sich diese Kämpfe auf die Zukunft der Partei auswirken werden, scheint noch unklar. Von der Corona-Krise konnte sie jedenfalls bisher nicht im selben Maße profitieren wie ihre politischen Gegner: In der am 24. Juli veröffentlichten Umfrage von Infratest-dimap kommt die AfD bundesweit noch auf elf Prozent und wäre damit im Bundestag nach CDU/CSU, Grünen und SPD noch die viertstärkste Kraft.

Und wie steht es um die Partei in Baden-Württemberg, rund acht Monate vor der nächsten Landtagswahl?

Auf innerparteiliche Scharmützel der Bundespartei gehen Alice Weidel und die anderen als Redner geladenen Mitglieder des Landesvorstandes an diesem Abend in der Ludwig-Roos-Halle nicht ein. Dafür ist Corona umso mehr Thema. Zuerst habe die Bundesregierung die sich anbahnende Pandemie verkannt und später mit einem völlig überzogenen Lockdown reagiert, bilanziert Weidel. Und sie greift sogleich einen der roten Fäden auf, die bereits ihr Vorredner Christoph Högel, AfD-Landtagskandidat für den Wahlkreis Bodensee, gesponnen hat: Nicht Corona sei an der misslichen Wirtschaftslage in Bund und Land schuld, sondern 15 Jahre Angela Merkel und neun Jahre Winfried Kretschmann.

Trotz Sommergrippe kommt Alice Weidel zur Auftaktveranstaltung der baden-württembergischen AfD nach Friedrichshafen.
Trotz Sommergrippe kommt Alice Weidel zur Auftaktveranstaltung der baden-württembergischen AfD nach Friedrichshafen. | Bild: Marcel Jud

Alice Weidel spricht von einer „Bildungskrise“, einer „Migrationskrise“ und einer „Krise der inneren Sicherheit“ im Land. Die Krawalle in Stuttgart seien nur die Quittung für eine falsche grün-schwarze Politik der vergangenen Jahre. Jetzt brauche es einen „Aufschwung Baden-Württemberg„. Das heiße: „Raus aus der Ideologiepolitik, zurück zu den Werten, die uns stark gemacht haben.“ Bildung, Innovation, Familie, Freiheit und Unternehmergeist, darauf müsse gesetzt werden, geht aus den Reden von Weidel und ihren Parteikollegen an diesem Abend hervor.

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Stuttgarter Krawalle sorgen für Stimmung im Saal

Nach Weidel konkretisiert der baden-württembergische Bundestagsabgeordnete Martin Hess das Thema innere Sicherheit am Beispiel der Krawalle in der Stuttgarter Innenstadt von Ende Juni. Diese seien das Resultat einer verfehlten Flüchtlings- und Migrationspolitik sowie eines Linksextremismus, der zu wenig hart bekämpft werde. Nötig sei eine Null-Toleranzpolitik.

Sorgt an diesem Abend für Stimmung im Saal: Der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hess.
Sorgt an diesem Abend für Stimmung im Saal: Der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hess. | Bild: Marcel Jud

Sowohl Hess' Kommentar „Da hilft nur der harte Schlagstock“ in Bezug auf die Stuttgarter Krawalle als auch seine Forderung nach einem Antifa-Verbot heben die bisher eher verhaltene Stimmung im Saal deutlich und sorgen für tosenden, von einzelnen Gröl- und Pfeiflauten begleiteten Applaus. Es bleibt bei diesem einen Moment euphorischen Aufbäumens in der Ludwig-Roos-Halle, die coronabedingt nicht voll besetzt werden kann.

Rund drei Viertel der zur Verfügung stehenden Plätze sind belegt. Laut Polizei zählt die Auftaktveranstaltung der AfD-Sommerkampagne rund 160 Teilnehmer. Vor der Halle demonstrieren derweil rund 100 Personen gegen die Partei. Insgesamt seien beide Veranstaltungen störungsfrei verlaufen, so die Polizei weiter. Es seien „keine besonderen Vorkommnisse zu verzeichnen“ gewesen.

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