Kann er es nicht? Ist er überfordert, der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Platz? Seit fast zwei Jahren steht der baden-württembergische Gesundheits- und Sozialminister Manfred Lucha, genannt „Manne“, bayerische Mundart, grünes Direktmandat in Ravensburg, gleichermaßen im Fokus und in der Kritik. Seit Beginn der Pandemie, die das kleine Sozialministerium aus einer Nische des politischen Betriebs ins Scheinwerferlicht katapultierte, muss Lucha nicht nur mit dem Druck und der Verantwortung leben, sondern auch damit, es niemandem recht machen zu können.

An Körpergewicht verloren – aber nicht deshalb

Tage, die viel zu früh beginnen und viel zu spät enden, Entscheidungen, die gravierende Folgen haben und oft nachgebessert werden müssen, sind Dauerzustand geworden. Dass Lucha in den vergangenen Monaten sichtlich an Körpergewicht verloren hat, die Wangen schmal wurden, der Blick nervös, verstärkte zuletzt den Eindruck, der Mann sei am Limit. Im Landtag wurde sein Rücktritt gefordert, mehrfach zumindest aber seine sofortige Entmachtung in Sachen Corona-Management. „Chaos, Chaos, Chaos“, urteilte der SPD-Fraktionschef Andreas Stoch Anfang Dezember über Luchas Arbeit.

Manfred Lucha (Bündnis 90/Die Grünen, r), Sozialminister von Baden-Württemberg, und Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), ...
Manfred Lucha (Bündnis 90/Die Grünen, r), Sozialminister von Baden-Württemberg, und Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, unterhalten sich nach einer Regierungs-Pressekonferenz im Bürger- und Medienzentrum des Landtags von Baden-Württemberg. | Bild: Marijan Murat, dpa

Was macht das mit dem Menschen hinter dem Amt? Schläft man da noch gut? „Nicht jede Nacht, aber ich habe auch schon substanziell schlechter geschlafen. Natürlich passiert es, dass ich aufschrecke und eine Aufgabe im Kopf habe“, sagt Manfred Lucha kurz vor Jahreswechsel bei einem Gespräch im Stuttgarter Landtag. „Aber ich bin ein Mensch, der eine Mitte hat. Ich komme damit klar.“ Die Resilienzstrategien, die er zeit seines Berufslebens anderen predige, wende er an sich selbst an. Für den Gewichtsverlust ist bewusstere Ernährung verantwortlich, ein Crosstrainer steht im Büro, effizient, weil die freien Stunden knapp geworden sind. Eine stärkere Physis stärkt auch die Psyche.

Dass die Impfterminvergabe schief lief, tut ihm leid

Was hat er sich vorzuwerfen? In den schlimmen ersten Wochen zu Beginn der Pandemie, räumt Lucha ein, habe wenig wirklich funktioniert. Kein Impfstoff, keine Masken, keine Tests, zu wenig Wissen über das Virus, immer neue Nachjustierungen. Dass das mit der Terminvergabe am Anfang der Impfkampagne so schieflief, tut ihm heute noch leid.

„Wir haben eben das System: Einer ist schuld. Der Gerhard Polt hat den Watschenmann erfunden – und das ist auch so. Das müssen Sie als Gesundheitsminister auf sich nehmen. Allen 15 Kolleginnen und Kollegen in den Bundesländern geht es genauso“, sagt Lucha. Die Vorwürfe seien überall dieselben gewesen: Chaos, keine Planbarkeit, Inkompetenz. „Das ist schon ein heißer Stuhl, eine Kollegin musste ganz gehen, eine fiel wegen Krankheit aus, eine ist in den Fraktionsvorsitz gewechselt“, sagt er.

Lucha aber ist noch da. Grünen-Wahlsieger Winfried Kretschmann berief den alten Weggefährten im Mai 2021 erneut ins Amt. Aber das Krisenmanagement müsse zwingend besser werden, hieß es damals auf grüner Seite. Der Spitzenbeamte und altgediente grüne Macher Uwe Lahl wurde dem nahenden Ruhestand entzogen und als Amtschef vom Verkehrs- ins Sozialministerium beordert. Seitdem, so der vielfache Eindruck, läuft es deutlich besser.

Gelobt wird nur Krisenmanager Lahl

Der CDU-Fraktionschef lobt im Landtag explizit den Krisenmanager Lahl. Lucha erwähnt er nicht. „Es gibt immer kleine Spaltpilzchen, das ist das Politikgeschäft. Wenn man das nicht aushält, darf man diese Arbeit nicht machen“, sagt Lucha dazu. „Du brauchst einen Kompass, musst team-, beratungs- und durchsetzungsfähig sein. Das bin ich. Und du musst dich immer vor deine Leute stellen.“

Der Lorbeerkranz, den andere für Lahl flechten, stört ihn nicht, die beiden verstehen sich blind, heißt es im Haus. „Alles was läuft, läuft unter meiner Federführung. Uwe Lahl ist der Amtschef und der ideale Prokurist, weil er denselben Blick auf die Dinge hat wie ich. Wenn die Krisenmanager-Qualitäten meines Amtschefs auch gesehen werden, ist das doch sehr o. k., Hauptsache, es läuft.“ Im Ministerium braucht es das auch angesichts des andauernden Ausnahmezustands. Lucha selbst ist jenseits der Besprechungsmarathons viel im Land unterwegs, oft ohne Presseöffentlichkeit. Impfzentren, Krankenhäuser, Intensivstationen, Pflegeheime. Hier holt er sich das Feedback, das für ihn zählt.

Manfred Lucha impft Gabi Stirm bei einer 48-Stunden-Impf-Aktion in Stuttgart.
Manfred Lucha impft Gabi Stirm bei einer 48-Stunden-Impf-Aktion in Stuttgart. | Bild: Thomas Kienzle, AFP

Also alles richtig gemacht? „Das gibt es gar nicht“, sagt Lucha, „wer das sagt, hat schon etwas falsch gemacht, nämlich diese Aussage. Aber jede Entscheidung ist in jeder Situation sehr vielfältig abgewogen worden. Ich treffe keine leichtfertigen Entscheidungen, berate alles ausführlich mit meinem Beraterkreis. Aber in der Gewichtung und Bewertung von Einflussfaktoren würde ich manche Entscheidung heute anders treffen, Das stimmt.“ Luchas Erkenntnis: „Wir brauchen die Kraft zur Korrektur und müssen immer damit rechnen, dass das, was wir heute beschließen, innerhalb von 48 Stunden überholt sein kann. Aber ich möchte auch sagen: Im Rahmen dessen, was in der Krise möglich war, haben wir auch im Vergleich mit anderen Bundesländern eine respektable Bilanz, die man vorzeigen kann.“

Lucha ist ja nicht nur irgendein Name – er bedeutet Kampf

Einen anderen Job oder gar den Ruhestand hat er sich in all den Monaten jedenfalls nie gewünscht, sagt er. „Den Job mache ich mit Leib und Seele. Ich bin Überzeugungstäter. Ich möchte diese Krise bewältigen. Ich möchte meine Vision vom Gesundheitswesen, von der Pflege umsetzen. Und ich habe klare Vorstellungen von einer guten solidarischen Gesellschaft.“ Manfred Lucha macht weiter, natürlich. Lucha ist ja nicht nur irgendein Name. Es ist das spanische Wort für Kampf. La lucha continua, die Anstrengung geht weiter.