Im Mammutprozess um die Freiburger Gruppenvergewaltigung sorgen die Zeugenaussagen für immer größere Unklarheit. Am achten Prozesstag in dem Fall tun sich Widersprüche auf, Zeugen sagen etwas anderes aus als bei der Polizei. Die Wahrheitsfindung in dem Fall droht für das Gericht zu einer echten Herausforderung zu werden.

Was hat sich in jener Oktobernacht bei der Disco Hans-Bunte-Areal im Freiburger Industriegebiet zugetragen? Franziska W. machte vergangene Woche ihre Aussage vor Gericht. Das mutmaßliche Opfer hat Erinnerungslücken, sie stand unter dem Einfluss von Ecstasy, in ihrem Blut wurden Spuren eines Betäubungsmittels gefunden. Doch die Version, die Zeuge Noah S. vor Gericht schildert, ist deutlich ambivalenter. Immer wieder hakt Richter Stefan Bürgelin nach: Der junge Mann habe vieles ausgesagt, jetzt „bestreitet er alles“.

Bild: Patrick Seeger

Der 19-Jährige erzählt erneut: Er hat im Club gehört, dass draußen eine liege, die „Lust“ habe. Er sei zunächst aus Neugier mitgegangen. Draußen fielen Scheinwerferstrahlen vom Eingangsbereich ins Gebüsch: „Man konnte schon etwas erkennen.“ Er sah einen großen Mann, der Geschlechtsverkehr mit einer Frau hat. Er hörte Stöhnen und Schreie. Bei der Polizei sprach er von Hilferufen, sagte, er habe eine Frau gehört, die offensichtlich „in Panik“ war. – Dennoch schritt er nicht ein, sondern ging wieder zurück in den Club, sagt er.

Gegenüber dem Richter will er keine Hilferufe gehört haben. Stattdessen habe Franziska W. „so was“ wie, dann doch ganz sicher „gib‘s mir“ gerufen. Nach „Verlangen“ habe es aber nicht geklungen, gesteht er ein, eher „panisch und ängstlich“. Trotzdem behauptet Noah S., er habe an ein Paar gedacht, dass „etwas Verrücktes ausprobieren wollte“. Weiter Gedanken gemacht habe er sich nach seiner Beobachtung nicht.

Im Club soll er später aber von einer „Schlampe“ gesprochen haben, wie aus den Akten der Vernehmung hervorgeht. Gegen Noah S. läuft noch ein Ermittlungsverfahren. Trotzdem will er vor Gericht aussagen. DNA-Spuren werde man „tausendprozentig“ von ihm nicht finden, betont er: „Was will ich von einer, auf der grade schon einer drauf war.“ Schließlich hätte er sich etwas einfangen können, fügt er hinzu.

Einige der Angeklagten im Freiburger Prozess um die Gruppenvergewaltigung verstecken ihre Gesichter hinter Aktenordnern.
Einige der Angeklagten im Freiburger Prozess um die Gruppenvergewaltigung verstecken ihre Gesichter hinter Aktenordnern. | Bild: Patrick Seeger

Gleichzeitig gesteht er eine Falschaussage bei der Polizei ein: „Ich wollte meinen Kollegen schützen“, sagt er nun: Es geht um einen der Angeklagten, Yahia H., einem Freund von ihm. „Ich hätte das nie von ihm erwartet.“ Der versicherte Noah S. offenbar, dass er mit der Sache nichts zu tun gehabt habe.

Der 19-jährige Zeuge spricht davon, dass „mehrere auf ihr drauf gewesen“ seien. Dass sie es „einerseits nicht wollte, andererseits schon“. Noah S. gerät zunehmend ins Schwimmen. Mehr habe er „nicht mitbekommen“, versucht er den Fragen auszuweichen. Ob sein Freund beteiligt war oder nicht, kann er nicht sagen, hat nun aber offenbar Zweifel: „Ich habe ihm nicht zugetraut, dass er so etwas macht.“

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Ein Freund von Muhamad M., einem der Angeklagten, berichtet von einer aufgelösten jungen Frau. Er war dabei, als sie das mutmaßliche Opfer auf einem nahegelegenen Parkplatz fanden: „Sie war richtig traurig, sie hat geweint“, sagt er über den Moment, als er die damals 18-Jährige gemeinsam mit deren Freundin Corinna fand. Muhamad soll ihm erzählt haben, wie er der jungen Frau beim Anziehen und aus dem Gebüsch geholfen habe. Muhamad sei „richtig sauer“ gewesen darüber, was mit ihr geschehen war, betont der Freund.

Es ist eine Freundin von Corinna, die die Situation auf dem Parkplatz wieder anders schildert. Sie habe „erste Hilfe leisten wollen“, sei aber von zwei Männern in rüdem Ton weggeschickt worden. Franziska W. habe geweint, am ganzen Körper gezittert, sei schließlich zusammengesunken. Was geschehen war, hatte die Zeugin erst Tage später erfahren. „Dass es Vergewaltigung war“.