Es begann mit vier Menschen, die am Abend des 26. Oktober 2009 am Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs ein paar Kerzen anzündeten: Zehn Jahre ist es her, als der Kampf gegen das milliardenschwere Bahnprojekt Stuttgart 21 seinen Anfang nahm. Bald waren es Hunderte , dann Tausende, zum Höhepunkt des Protests zehntausende Stuttgarter, die dagegen auf die Straße gingen. Bis heute skandieren Projektgegner, oft nur ein paar Dutzend, jeden Montagabend „oben bleiben, oben bleiben“ bei ihrem Zug durch die Stadt.

„Es ist die größte Protestbewegung in der Geschichte des Landes, sie hat die Menschen in der Stadt politisiert “, sagt Theaterregisseur Volker Lösch, prominenter S21-Gegner und einer der beiden Kundgebungsredner bei der Jubiläumsdemo Montagabend in Stuttgart, eine von mehreren Zehn-Jahre-Protest-Veranstaltungen des Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21. 2000 Menschen kamen nach Angaben der Veranstalter zu dieser 484. Montagsdemonstration.

Die Bilder gleichen sich: Im Dezember 2014 kamen Hunderte zur 250. Montags-Demo zusammen. An diesem Montag findet die 484. Montagsdemo statt.
Die Bilder gleichen sich: Im Dezember 2014 kamen Hunderte zur 250. Montags-Demo zusammen. An diesem Montag findet die 484. Montagsdemo statt. | Bild: Sebastian Kahnert

Nicht nur der Bahnhof hat seitdem sein Gesicht verändert – ein Teil ist abgerissen, die Schalterhalle wird ausgebeint, die Bahnsteige sind weit nach außen verlagert, in der Baugrube wachsen die Trägerstelen für das Dach des Tiefbahnhofs nach oben. „Der Protest hat Spuren hinterlassen und die Stadtgesellschaft grundlegend verändert“, glaubt Matthias von Hermann von den sogenannten Parkschützern, einer der treibenden Gruppen im Aktionsbündnis.

Montag für Montag ziehen S21-Gegner durch die Stuttgarter Innenstadt.
Montag für Montag ziehen S21-Gegner durch die Stuttgarter Innenstadt. | Bild: Reinhardt, Lukas

Hermann war einst dabei, als die Aktivisten biedere Stuttgarter für den korrekten zivilen Ungehorsam trainierten. Bürgern aus der Mitte der Gesellschaft, die bis dato nach dem gut schwäbischen Motto „no in nix `neikomma“ gelebt hatten – also sich ja keinen Ärger einzuhandeln -, ketteten sich plötzlich an Bäume oder ließen sich bei Sitzblockaden von der Polizei wegtragen.

Das Bild vom Protest aus dem Stuttgarter Schlossgarten, das um die Republik ging: Demonstrant Dietrich Wagner wurde am 30. September 2010, dem „Schwarzen Donnerstag“, vom Strahl eines Wasserwerfers an den Augen schwer verletzt.
Das Bild vom Protest aus dem Stuttgarter Schlossgarten, das um die Republik ging: Demonstrant Dietrich Wagner wurde am 30. September 2010, dem „Schwarzen Donnerstag“, vom Strahl eines Wasserwerfers an den Augen schwer verletzt. | Bild: Marijan Murat
Dietrich Wagner ist heute fast blind. Hier eine Aufnahme von 2016 mit dem ebenfalls bei den Protesten an schwer verletzten Daniel Kartmann (links), der ebenfalls mehrere schwere Augenoperationen hinter sich hat.
Dietrich Wagner ist heute fast blind. Hier eine Aufnahme von 2016 mit dem ebenfalls bei den Protesten an schwer verletzten Daniel Kartmann (links), der ebenfalls mehrere schwere Augenoperationen hinter sich hat. | Bild: Lino Mirgeler
Rentnerin Renate Rüter, 79, im Februar bei der 450. Montagsdemonstration.
Rentnerin Renate Rüter, 79, im Februar bei der 450. Montagsdemonstration. | Bild: Reinhardt, Lukas

„Es war, als ob man den Deckel weggenommen hätte von der Gesellschaft, der Druck kam raus, seitdem wollen die Menschen Politik selbst machen, sich einmischen und nicht mehr über sich bestimmen lassen“, sagt S21-Gegner und Stadtplaner Hannes Rockenbauch, im Stuttgarter Gemeinderat Mitglied des parteilosen linken Bündnisses SÖS. Die Basis, die damals entstanden sei, präge heute die Stadtgesellschaft.

Der Protest jedenfalls lebt weiter. „Wir bewahren das Feuer“, sagt SÖS-Fraktionschef Thomas Adler. „Wir machen nach zehn Jahren keine Retrospektive, sondern haben eine Perspektive – den Umstieg und Ausstieg.“ Wie alle aus dem Aktionsbündnis ist er fest davon überzeugt, dass der neue Tiefbahnhof nie in Betrieb gehen wird. „Das Projekt ist bereits gescheitert, das weiß jeder“, sagt auch Eisenhart von Loeper, der juristische Kopf des Bündnisses.

Unterdessen wird in der Baugrube die Kontur des neuen Tiefbahnhofs sichtbar. Hier eine der Stelen, die später das Dach tragen sollen.
Unterdessen wird in der Baugrube die Kontur des neuen Tiefbahnhofs sichtbar. Hier eine der Stelen, die später das Dach tragen sollen. | Bild: Reinhardt, Lukas

Nur die Ingenieure und Arbeiter in der Baugrube am Bahnhof offenbar nicht. Die schaffen derweil mit Baggern und Kränen andere Fakten.