Neuer Streit entzündet sich an der Gäubahn. Nachdem bekannt geworden ist, dass die Deutsche Bahn und der Bundesverkehrsminister bei der Installierung von Neigetechnikzügen auf der Strecke zwischen Singen und Stuttgart bremsen, geht nun die Landesregierung von Baden-Württemberg dagegen in Stellung. Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) fordert gemeinsam mit Justizminister Guido Wolf (CDU), dass dort nach der Modernisierung der Gäubahn auch Züge mit Neigetechnik fahren.

Drohung der beiden Landesminister

Sollte die Bahn nicht von ihrer Haltung abrücken, drohen die beiden Landesminister, selbst nach einem Anbieter zu suchen, der die kurvige und in weiten Teilen nur eingleisige Strecke mit Neigetechnikzügen befahren kann. Nach Ansicht der Landesregierung wäre mit diesen Zügen eine schnellere Fahrzeit möglich. Die Züge brauchen derzeit drei Stunden.

Verständnislosigkeit, ja Entsetzen hatten zuletzt die Informationen von Rainer Kaufmann vom Interessenverband Gäu-Neckar-Bodensee-Bahn (IV GNBB) zu neuen Problemen für die Zukunft der Gäubahnstrecke Singen-Rottweil-Stuttgart im Kreistagsausschuss ausgelöst. Demnach steht inzwischen massiv in Frage, ob auf der Strecke in Zukunft Neigetechnikzüge eingesetzt werden. Diese Züge können auf kurvenreichen Strecken wie der Gäubahn schneller fahren als normale Züge und somit Reisezeiten verkürzen.

  • Ursache des Ärgers: Noch kurz vor der Bundestagswahl 2016 hatte der damalige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) wissen lassen, dass der Einsatz von Neigetechnik Bestandteil des Ausbau-Konzeptes für die Gäubahn sei. Das Konzept will den Bahnverkehr schneller machen, wozu auch ein teilweiser Ausbau der bislang meist eingleisigen Strecke auf zwei Gleise gehört.

Doch Dobrindts Nachfolger Andreas Scheuer (auch CSU) nahm kürzlich auf Anfrage des Interessenverbandes diese Position in einem Brief weitgehend zurück. Demnach soll es ein Treffen aller Akteure geben mit der Zielsetzung, Neigetechnik auf der Gäubahn nicht weiter zu verfolgen. Für Kaufmann ist Scheuers Ablehnung „eine kalte Dusche“.

Das Land Baden-Württemberg hat zum Thema Neigetechnik auf der Gäubahn inzwischen ein Gutachten in Auftrag gegeben. Die Deutsche Bahn AG hat verlauten lassen, dass man künftig keine Neigetechnik-Züge mehr wolle, so Kaufmann. Die Schweizer Bundesbahn (SBB) betreibt derzeit 19 Neigetechnik-Züge, wolle sich aber für die Zukunft hier nicht festlegen.

Das könnte Sie auch interessieren
  • Gäubahn-Ausbau: Bereits 1996 wurde im Staatsvertrag von Lugano zwischen der Schweiz und Deutschland vereinbart, den Fernverkehr zwischen Zürich und Stuttgart deutlich zu beschleunigen. Der Ausbau der Schieneninfrastruktur ist mit vordringlichem Bedarf im aktuellen Bundesverkehrswegeplan 2030 aufgeführt. Bereits 2009 hat die DB mit den Planungsarbeiten für den zweigleisigen Ausbau des Streckenabschnitts Horb-Neckarhausen begonnen. Die Planungskosten wurden vom Interessenverband und dem Land vorfinanziert. Inzwischen liegt der Planfeststellungsbeschluss für diesen Streckenabschnitt vor. Die wesentlichen Bedingungen für den Baustart lägen also schon vor.

Laut Rainer Kaufmann sollen die Gäubahn-Anlieger jetzt mit allem Nachdruck auf den Erhalt der Zusagen bestehen, mit dem Bundesverkehrsministerium die Bereitstellung der Mittel klären, sobald es vorliegt, das Gutachten des Landes erörtern und Lobbyarbeit für die Achse Zürich-Stuttgart-Nürnberg machen. „Dicke Bretter“ sind hier zu bohren, befand der Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises, Sven Hinterseh. „Schnelle Verbindungen setzen Neigetechnik voraus“, stellte er fest.