Am Ulmer Münster wird gerade der Weihnachtsmarkt aufgebaut. Ein halbes Krippenspiel steht schon da, es wirkt ein wenig verloren an diesem kalten Novembertag. Vor wenigen Wochen hat eine 14-Jährige hier mutmaßlich ihre späteren Peiniger getroffen. Fünf Asylbewerber, einen davon, einen ebenfalls 14-Jährigen, kannte das Mädchen. Sie stand unter dem Einfluss von Alkohol. Freiwillig ging sie mit den jungen Männern im Alter von 14 bis 26 Jahren - laut Medienberichten stammen sie aus Afghanistan, Irak und Iran -  mit. Eigentlich sollte sie mit Freundinnen auf einer Halloweenparty feiern – davon gingen zumindest die Eltern aus.

Oberbürgermeister vergreift sich im Ton 

„Früher hat man den Mädchen beigebracht, dass sie nicht mit Fremden mitgehen sollen“, sagt Simone Thoma ein wenig nachdenklich. Sie hat selbst zwei erwachsene Töchter. Was passiert ist, findet sie „einfach katastrophal“. Aber sie macht deutlich: „Ich gebe dem Kind keinerlei Schuld.“

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Gerade hat sich Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch in die Nesseln gesetzt, weil er den Eltern unterstellt hatte, diese hätten ihre Fürsorgepflicht verletzt: Zwar sei er „schockiert“, sagte er. „Ich frage mich allerdings, was ein 14-jähriges Mädchen nachts in Ulm will. Eltern haben die Pflicht, dafür zu sorgen, dass ein minderjähriges Mädchen nicht allein in der Stadt rumläuft. Ich sage das so deutlich, weil wir alle in die Pflicht nehmen müssen, wenn wir solche Fälle verhindern wollen.“ Für seine Bemerkung erntete er heftige Kritik in den sozialen Netzwerken. Inzwischen versuchte das Stadtoberhaupt zurückzurudern. „Selbstverständlich trägt das Mädchen keinerlei Schuld. Die Schuld an dieser Tat liegt ausschließlich und eindeutig bei den mutmaßlichen Tätern“, stellte er nachträglich klar.

Polizei will Stigmatisierung vermeiden

Ulm steht unter Schock. Die Stadt an der baden-württembergischen Grenze wirkt eher beschaulich, umgeben von kleinen Dörfern und alten Bauernhöfen. Ausgerechnet auf einem ehemaligen Gehöft, das in eine Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wurde, soll sich die Tat abgespielt haben. Die Polizei spricht offiziell nur von einer Gemeinde im südlichen Alb-Donau-Kreis. Sie will Stigmatisierungen vermeiden und alle Beteiligten schützen. „Noch sind es keine Täter, sondern Tatverdächtige“, betont Polizeisprecher Wolfgang Jürgens.

Wolfgang Jürgens, Sprecher des Polizeipräsidiums Ulm
Wolfgang Jürgens, Sprecher des Polizeipräsidiums Ulm | Bild: Moll, Mirjam

„Unvorstellbar, was passiert ist“, sagt ein Architekt auf dem Münsterplatz dagegen: „Das sind keine Menschen“, findet er. „Solche Leute haben keine zweite Chance verdient.“ Ein russlanddeutsches Ehepaar aus Biberach sieht das ähnlich: „Wer sich hier nicht an die Gesetze hält, sollte zurückgeschickt werden“, fordern sie.

„Reaktionen zum Fall schlagen schon auf“, sagt Polizeisprecher Jürgens im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Viele Bürger wollen wissen, warum zwei der Tatverdächtigen auf freiem Fuß sind. Gegen sie liegen keine Haftgründe vor – bei dem 14-Jährigen bestehe keine Fluchtgefahr, bei dem 26-Jährigen gebe es ebenfalls keine Grundlage für die Anordnung einer Untersuchungshaft, erklärte Oberstaatsanwalt Michael Bischofberger. Dennoch, sagt Jürgens, stelle er „keine Hysterie“ fest.

"Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht"

In und um Ulm verhalte sich die „überwiegende Mehrzahl“ der Flüchtlinge „ordentlich“. Aber es seien eben viele junge Männer gekommen. „Gewalt ist jung und männlich – auch bei Deutschen“, erklärt Jürgens. Das belegen auch die Kriminalitätstatistiken. „Wo Menschen sind, passieren schreckliche Dinge“, sagt der Polizeibeamte schlicht. Er klingt nicht resigniert – nur realistisch. „Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht und kann es nicht geben.“ Jürgens ergänzt aber, dass schwere Straftaten wie diese mit hoher Wahrscheinlichkeit auch aufgeklärt werden können.

Vor einem Jahr habe es in der Region eine ähnliche Tat gegeben, sagt Jürgens. Ebenfalls ein junges Mädchen, das von mehreren Männern missbraucht worden sein soll. Inzwischen liegt der Fall in der Hand der Staatsanwaltschaft – die Ermittlungen seitens der Polizei sind abgeschlossen. Dennoch passiere so etwas selten, betont Jürgens.

Im aktuellen Fall geht die Polizei von fünf Tatverdächtigen aus. Aber Jürgens will nicht ausschließen, dass es noch weitere Beteiligte geben könnte. Noch ist vieles offen in diesem Fall.