Ja, Sarah O. steht wegen des Vorwurfs der Mitgliedschaft einer Terrororganisation vor Gericht. Aber angeklagt ist sie, die heute 21-Jährige, nicht ihre Familie. Als Jugendliche hat sie sich radikalisiert – möglicherweise in Algerien, dem Herkunftsland ihres Vaters, sicher aber in Deutschland und der Schweiz, wo sie Veranstaltungen in einer einschlägigen, inzwischen geschlossenen Moschee in einem Industriegebiet in Winterthur besuchte.

Berechtigte Fragen

Dennoch ist die Frage berechtigt, ob Sarahs Eltern wirklich nichts mitbekommen haben können von der Veränderung ihrer Tochter und ob ihr Vater nicht doch eine Rolle spielte. Es stimmt, dass dem Verfassungsschutz Informationen vorliegen, dass der Vater Teil jenes Mosaiks sein könnte, die am Ende dazu führten, dass Sarah für die Propaganda des IS empfänglich wurde. Dass er es anfänglich zumindest gut hieß, dass seine Tochter sich streng gläubig zeigte. Dass er radikales Gedankengut an seine Kinder vermittelt hat, wäre aber eine nicht haltbare Schlussfolgerung – von Kopftüchern und langen dunklen Gewändern, wie sie streng gläubige Muslima tragen, auf fundamentalistische Überzeugungen rückzuschließen, schlicht falsch.

Keine Verallgemeinerungen

Ja, Sarahs Mutter trägt die Kleidung einer Muslima – Kopftuch, langes Gewand. Aber ist sie deshalb verdächtig? Macht die Tatsache, dass sie sich früher anders kleidete, ihre Konvertierung unglaubwürdig? Lässt dies Rückschlüsse zu, dass ihr Mann, ein gebürtiger Algerier, der seit vielen Jahren in der Region lebt und arbeitet, sie in irgendeiner Form unterdrückt hat? Die Antwort muss Nein lauten.

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In Sarahs Fall haben wohl verschiedene Faktoren eine Rolle gespielt: eine schwierige Familiengeschichte mit einer psychisch kranken Mutter, ein vermeintlich strenger Vater unter anderem. So gut es ins Bild passen mag, dass Sarah als 13-Jährige, ein pubertierendes Mädchen, nicht selbst entschieden haben kann, den islamistischen Botschaften der Salafistenszene zuzuhören: Sarah hat selbst entschieden, nach Syrien zu gehen. Dennoch haben ihre Eltern eine gewisse Verantwortung für die Entwicklung ihrer Tochter.

Die Eltern von Sarahs Mann Ismail S., den sie in Syrien nach islamischem Recht heiratete, stehen dagegen vor Gericht – wegen Unterstützung einer Terrororganisation. Gegen sie lagen genügend Beweise vor, um sie anzuklagen. Ihre Situation ist eine völlig andere.

Viele Puzzlestücke

Sarahs Geschichte dagegen ist eine schwierige, eine, in der noch viele Puzzleteile fehlen. Die Tatsache, dass ihr Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, lässt viel Raum für Spekulationen. Die Ungewissheit darüber, was denn nun wirklich geschehen ist damals, in jenen Jahren vor Sarahs Ausreise, befeuert das Rätselraten. Doch einfache Schlussfolgerungen sind nicht immer richtig.