Nach den Gewaltverbrechen in Freiburg und im Breisgau sind die Menschen weiterhin aufgewühlt. Während Frauen sich nicht mehr allein auf die beliebte Jogging-Strecke entlang der Dreisam trauen, an der Maria L. missbraucht und ermordet wurde, versammeln sich 300 Menschen afhghanischer Abstammung in der Innenstadt mit Kerzen, Plakaten und Bildern. Sie gedenken der 19-jährigen Studentin, drücken ihr Mitgefühl gegenüber den Angehörigen aus. Dass ein Landsmann der mutmaßliche Täter ist, hat sie erschüttert und macht ihnen Sorgen, dass Vorbehalte zunehmen könnten.

Die Polizei, die wochenlang unter Druck stand, hat mit der Festnahme des 17-jährigen Flüchtlings ihr Image deutlich aufpoliert. Nach dem Desaster um verunreinigte Wattestäbchen haben die Ermittler gezeigt, was moderne Kriminalistik zu leisten vermag. Ohne den Blick auf das Erbgut hätte die Sonderkommission Dreisam bis heute niemand festgenommen. Zweieinhalb Autostunden entfernt, in Bad Cannstatt bei Stuttgart befindet sich in dem funktionalen Glas-Beton-Bau des Landeskriminalamts das Kriminaltechnische Institut (KTI). Dessen Leiter ist Andreas Stenger, 53, ein Kriminalbeamter aus Passion. Wochenlang suchten hier Spezialisten seines Teams nach Mikrospuren an der Kleidung des Opfers und am Schal des Täters, nahmen säckeweise Blätter und Gestrüpp vom Tatort unter die Lupe – und wurden fündig.

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„Ich bin jetzt seit sechs Jahren hier und muss manchmal noch überlegen, in welchem Trakt ich bin, damit ich mich nicht verlaufe,“ sagt Stenger erleichtert nach dem Erfolg und schreitet bei einer Pressevorführung durch den endlos verwinkelten Flur im 1. Stock. Über vier Ebenen sind die Fachbereiche des KTI verteilt – Tatort-Gruppe, Entschärfungsdienst, DNA-Analytik. Vor Raum 0136A bleibt er stehen. Hinter der verglasten Holztür verbirgt sich ein steriler in weiß gehaltener Raum mit einem ausladenden Tisch in der Mitte. Hier wurde Kriminalgeschichte geschrieben, als die Spezialisten Ende November gleichsam die Nadel im Heuhaufen fanden: Ein 18,5 Zentimeter langes teils blondiertes dunkles Haar brachte die Polizei auf die Spur des mutmaßlichen Täters. Zuvor war hier schon ein am Tatort gefundenes Fahrrad bedampft worden, um Spuren sichtbar zu machen. Am Lenker fanden die Experten tatsächlich DNA, die sie dem Täter zuordnen.

Gerhard Bäßler leitet beim LKA den Fachbereich Molekulargenetik. Über seinen Tisch gehen alle kniffligen Fälle, die die Menschen bewegen: der Polizistenmord in Heilbronn, der Mord an der Bankiersgattin Maria Bögerl aus Heidenheim und auch jetzt wieder die beiden Morde in Freiburg und Endingen. „Aus meiner Sicht waren wir im Fall der Soko Dreisam schnell“, sagt Bäßler, der über viel Erfahrung verfügt. Seit 1980 arbeitet der promovierte Naturwissenschaftler beim KTI. Als er sich damals bewarb, hatte das LKA eine Stelle ausgeschrieben. Das sei mal was anderes gewesen für ihn als Biologen. Anfangs ging es noch um Dinge wie Blutgruppenbestimmungen. „Blutgruppe B war etwas Seltenes“, erinnert sich Bäßler.

Der Molekulargenetiker Gerhard Bäßler sitzt beim Landeskriminalamt im Sequenzer-Raum vor dem Computer. Hier wurde das Haar aus Freiburg ...
Der Molekulargenetiker Gerhard Bäßler sitzt beim Landeskriminalamt im Sequenzer-Raum vor dem Computer. Hier wurde das Haar aus Freiburg analysiert. | Bild: Nils Köhler

Mit solchen Methoden wäre das LKA heute hoffnungslos abgehängt, denn auch Verbrecher erfinden sich immer wieder neu. Die Spezialisten beim KTI – darunter auch Chemiker, Physiker und Ingenieure – beliefern mit ihren Ergebnissen seit 1998 die zentrale DNA-Analyse-Datei beim Bundeskriminalamt. Dem digitalen Gedächtnis ist seither die Aufklärung allein von 1360 Tötungsdelikten und 230 Sexualstraftaten zu verdanken.

Im Falle der beiden Morde an Frauen rund um Freiburg wurden die Kleidung sowie Säcke voller Laub und Gestrüpp beim LKA angeliefert. Oft auch im Polizeihubschrauber von und nach Freiburg. Das Material kommt verpackt bei der Poststelle an, wird digitalisiert und geht direkt in die DNA-Analytik. Tag und Nacht wurde hier zuletzt gearbeitet. „Am anderen Ende der Leitung warteten oft schon die Kollegen aus Freiburg auf das Ergebnis,“ so Andreas Stenger.

Reinheit von Tatortspuren ist wichtig

Oberstes Gebot ist der Erhalt der Reinheit von Tatortspuren – eine Folge des Wattestäbchen-Skandals vor zehn Jahren, bei dem die Ermittler wegen verunreinigter Stäbchen monatelang in die Irre geführt wurden. Spuren von Opfer und Täter werden strikt getrennt, Mitarbeiter betreten nur in Schutzkleidung die Räume. Hinter einer Glastür bestücken Mitarbeiterinnen eine Robotterstraße, in der DNA herausgelöst wird. „Besonders eilbedürftige Proben können wir neben dem Routinebetrieb abarbeiten“, sagt Biologe Bäßler. Das sei wichtig, damit Fälle wie jener von Freiburg nicht den ganzen Betrieb lahmlegen. Weil etwa Kleidung nicht großflächig nach Hautschuppen, Speichel- oder Spermaresten abgesucht werden kann, brauchen die Spezialisten Hinweise, wo genau sie suchen müssen. Bei einer Messerattacke etwa kann das zunächst das direkte Umfeld des Einstichs sein, bevor auch andere Bereiche untersucht werden.

Jährlich investiert das Land 1,5 Millionen Euro in moderne Technik. Die wird für das komplizierte Verfahren der Reinigung, Vervielfältigung und Analyse der genetischen Schnipsel benötigt, die aus Blut, Schweiß, Haut, Haaren oder Sperma gewonnen werden.

Aus dem Erbgut darf freilich nur ein Bruchteil dessen herausgelesen werden, was heute möglich wäre, insbesondere das Geschlecht. Paragraf 81 g der Strafprozessordnung besagt, dass psychische sowie charakter- oder krankheitsbezogene Persönlichkeitsmerkmale, Erbanlagen und die ethnische Herkunft des Spurenträgers nicht untersucht und festgestellt werden dürfen. Beim LKA ist man sich der Grenzen bewusst. „Wir halten uns an die geltende Rechtslage“, sagt Gerhard Bäßler. Zudem sei das Personal nicht darauf geschult, die Geräte seien auch nicht für weitergehende Analysen ausgelegt.

Raum 0136A: Hier wurden die Spuren aus Freiburg untersucht.
Raum 0136A: Hier wurden die Spuren aus Freiburg untersucht. | Bild: Köhler

Der Fall Maria L. macht deutlich, welche Möglichkeiten eine erweiterte DNA-Analyse eröffnen könnte. So argumentiert der Freiburger Polizeichef Bernd Rotzinger, im Falle der erweiterten DNA-Analyse hätte man bei Maria L. das Alter des Täters mit einer Spanne von drei bis fünf Jahren Differenz zum tatsächlichen Alter gehabt, die regional-ethnische Herkunft, die Augenfarbe. So hätte man viele andere Personen frühzeitig ausschließen können. Alle Männer über 30 zum Beispiel, die große Mehrheit der überprüften Studenten oder fast alle in der Straßenbahn fotografierten Männer, die ohne den Fahndungserfolg alle noch gecheckt worden wären. Die Zusatzinformationen hätte die Polizei bereits zehn Tage nach der Tat am 16. Oktober und somit lange vor dem Entdecken des Haars gehabt. Damit hätten die Ermittlungsschritte viel früher viel gezielter ausgerichtet werden können.

Bei der Polizei sieht man hier aber letztlich die Politik gefragt. Der Bundestagsabgeordnete Armin Schuster (CDU) aus Lörrach hatte bereits vor einer Woche im SÜDKURIER-Interview angekündigt, dass er eine Gesetzesinitiative zur erweiterten DNA-Analyse vorbereitet. Jetzt stimmte die CDU auf ihrem Bundesparteitag in Essen einem entsprechenden Antrag der Frauenunion Südbaden zu.

Anwalt warnt vor Änderungen

Ganz anders sehen das freilich Anwälte wie der bekannte Freiburger Strafverteidiger Ferdinand Gillmeister. Er pocht auf die Feststellung, dass der Gesetzgeber ganz bewusst dem Schutz des Persönlichkeitsrechts Vorrang gegeben habe. Dahinter stehe die Annahme, dass äußere Merkmale wie Haar- oder Augenfarbe „leicht veränderbar“ seien. Sorge habe damals auch bei der Abfassung des Gesetzes bestanden, dass eines Tages ein sogenanntes Täter-Screening vorgenommen werden könnte. Es besagt, dass DNA-Identifizierungsmuster verwendet werden, um auch bei anderen unaufgeklärten Straftaten zu ermitteln. Befürworter der Beschränkungen sagen zudem, die Bestimmung der ethnischen Herkunft berge die Gefahr der Diskriminierung von Minderheiten – gerade auch in Fällen, in denen DNA-Entschlüsselungen falsche Ergebnisse hervorbringen. Das sei schon vorgekommen.

Gillmeister meint, die Zulässigkeit weitergehender Feststellungen über das Geschlecht hinaus wäre „ein gewaltiger Eingriff in die informationelle Selbstbestimmung eines Menschen“. Persönlichkeitsmerkmale würden preisgegeben, die zu den „verfassungsrechtlich geschützten höchstpersönlichen Lebensbereichen gehören“. Mit einem normalen Fingerabdruck nehme jeder am sozialen Leben teil, ohne besondere Persönlichkeitsmerkmale zu offenbaren. Der „genetische Fingerabdruck“ habe aber eine ganz andere Ermittlungstiefe, die aus verfassungsrechtlich guten Gründen beschränkt sei. Der Gesetzgeber, so Gillmeister, habe „eine Werteentscheidung zwischen der Aufklärungs- und Verfolgungspflicht des Staates einerseits und der Wahrung der Persönlichkeitsrechte des Bürgers andererseits getroffen.“

Mit den Ergebnissen der DNA-Analyse allein konnte die Polizei aber auch in Freiburg den Täter nicht finden. Dazu muss das kriminalistische Räderwerk reibungslos ineinandergreifen. Und hier kommen auch Profiler wie Andreas Tröster ins Spiel. Der hochgewachsene Mann mit dem Schal um den Hals leitet beim LKA die Operative Fallanalyse. Er war einer der ersten am Tatort an der Dreisam und in den Weinbergen bei Endingen. „Ich muss die Luft am Tatort schnuppern. Wie kam der Täter hierher, wie kam er wieder weg, wie sind die baulichen Verhältnisse?“, fragen sich Tröster und seine sechs Kollegen, die meist ausgebildete Kripobeamte sind. Zu den aktuellen Fällen will der Kriminalhauptkommissar nichts sagen, zumal sie noch lange nicht abgeschlossen sind. Nur eines: „Im Unterschied zu Fernsehkrimis ist unsere Arbeit sehr viel nüchterner“.


 

Geheimnis der Spirale

Im Zellkern jeder Körperzelle findet sich eine zu Chromosomen verdichtete DNA-Strickleiter, auch bekannt als sogenannte Doppelhelix (hier dargestelt in Form eines Modells). Die Wiederholung immer wieder gleicher Einheiten von drei oder vier Sprossentypen im nicht codierenden Bereich der DNA-Strickleiter wird als STR (Short Tandem Repeat) bezeichnet. Aus der bei verschiedenen Menschen unterschiedlichen Anzahl dieser Wiederholungseinheiten lesen die DNA-Spezialisten das DNA-Muster als Zahlencode heraus. Jede Zahl gibt an, wie oft eine bestimmte Wiederholungseinheit an 16 Stellen des Genoms (Erbguts) vorhanden ist. Bestimmt wird dieser Zahlen-Code in den als Sequenzer bezeichneten Geräten. Davon besitzt das Kriminaltechnische Institut Stuttgart drei Maschinen.

 

 

So wird DNA analysiert

Die DNA-Analyse ermöglicht heute nahezu alle menschlichen Körperzellen – beispielsweise im Speichel, in der Hautschuppe oder der Haarwurzel – molekulargenetisch auszuwerten. Menschliches Erbgut ist immer einer bestimmten Person zuzurechnen.

Was ist die menschliche DNA?

DNA ist die Abkürzung für Desoxyribonucleinsäure. Es ist eine Substanz, die die Baupläne aller Lebewesen aufzeichnet. Die chemischen Basen Adenin (A), Guanin (G), Cytosin (C) und Thymin (T) liefern dabei die vier Buchstaben, die alle Informationen und Eigenschaften zu einer Person festlegen. Sie sind auf langen Ketten aufgereiht und bilden gleichsam Worte und Sätze. Etwa fünf Prozent enthalten einen Code für genetische Informationen. In den übrigen Bereichen, die als nicht codierend bezeichnet werden, finden sich Buchstabenfolgen, die charakteristisch für einzelne Personen sind. Diese Bereiche sind nach Darstellung des Bundeskriminalamts auf dessen Homepage interessant für die Kriminaltechnik.

Welche Besonderheiten gibt’s bei polizeilicher Analyse?

Für die polizeiliche DNA-Analyse in Deutschland werden – anders als beispielsweise in den Niederlanden – ausschließlich Abschnitte aus den nicht codierenden Bereichen herangezogen. Diese Beschränkung stellt sicher, dass keine Informationen über die Eigenschaften, die Persönlichkeit oder das Aussehen des Spurenverursachers erhoben werden.

Wann sind DNA-Massentests erlaubt?

Bei Tötungsdelikten können Reihenuntersuchungen zur DNA-Erhebung vorgenommen werden. Die Abgabe der DNA-Probe ist freiwillig. Ein Abgleich erfolgt nach Paragraf 81 h Strafprozessordnung nur mit der Tatortspur des Täters, nicht aber mit der Datei beim Bundeskriminalamt, die es seit 1998 gibt. Jede andere Speicherung auch auf freiwilliger Basis ist nicht erlaubt.