Eigentlich galt Ex-Grünen-Parteichef Cem Özdemir als einer der Favoriten für den Fall, dass Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann für eine dritte Amtszeit nicht mehr zur Verfügung steht. Özdemirs Bewerbung für einen Chefsessel in der Bundestagsfraktion am Wochenende, wird deshalb in Stuttgart als Zeichen gewertet, dass Kretschmann weitermacht. Der seit 2011 regierende Grünen-Regierungschef wird in den nächsten Tagen seine Entscheidung bekannt geben.

  • Warum hat Özdemir seine Kandidatur jetzt angekündigt? Die Grünen-Bundestagsfraktion wählt am 24. September ihre Vorsitzenden neu. „Wenn er jetzt nicht seinen Hut wirft, wann dann?“, fragt ein führender Grüner. Wollte der Schwabe mit türkischen Wurzeln den Eindruck vermeiden, dass die Kampfkandidatur um den Fraktionsvorsitz nur seine zweite Wahl ist, musste er seine Bewerbung abgeben, bevor Kretschmann seine Entscheidung bekannt gibt. Insider gehen davon aus, dass die beiden Spitzenleute miteinander gesprochen haben. Aber bei den Grünen war die Überraschung gestern groß.
  • Wie sehen Kretschmanns Pläne aus? Allgemein wird damit gerechnet, dass Kretschmann seine mit Spannung erwartete Entscheidung über eine weitere Bewerbung bei der Landtagswahl 2021 noch in dieser Woche bekanntgibt. Auf keinen Fall wollen die Strategen, dass der Jubiläumsparteitag zum 40. Geburtstag des Grünen-Landesverbandes in zwei Wochen von dieser Frage überlagert wird. Inzwischen gilt in der Partei von oben bis unten als ausgemacht, dass der populäre Landesvater weitermacht. „Er liebt die Herausforderung, das Land in der Krise neu auszurichten“, sagt einer zur Motivation des 71-Jährigen Ministerpräsidenten.
  • Wie groß ist die Abhängigkeit der Grünen vom Regierungschef? Sowohl Kretschmann wie die Führung der Südwest-Grünen haben darauf verzichtet, einen Nachfolger für den beliebten Ministerpräsidenten aufzubauen. Alle haben es sich in der Erwartung bequem gemacht, dass Kretschmann wieder antritt, obwohl er bei der Wahl fast 73 Jahre alt ist. Der Ministerpräsident hat Strahlkraft weit in bürgerliche Wählerschichten hinein und ist deshalb für ein paar Extra-Prozente gut. Keiner der potenziellen Nachfolger hat eine vergleichbare Strahlkraft. „Özdemir wäre sicher in der Pole-Position, wenn die Sache jetzt geregelt werden müsste“, sagt ein Kenner der Partei.
  • Nimmt sich Özdemir dauerhaft aus dem Spiel? Özdemir gilt im Grünen-Spektrum als Superrealo wie Kretschmann. Die Kampfkandidatur gemeinsam mit der weithin unbekannten Abgeordneten Kirsten Kappert-Gonther vom linken Flügel, ist durchaus riskant. Verlieren die beiden gegen die Amtsinhaber Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter, sind weitergehende Karrierepläne für Özdemir erst einmal erledigt. Sollte Kretschmann aber zur Mitte der Legislaturperiode aufhören, wäre die Schlappe vom Herbst 2019 längst vergessen. Özdemir hat den Ruf eines Stehaufmännchens. Schon mehrfach hat er sich aus schmerzhaften Niederlagen wieder nach oben gearbeitet.
  • Welche Optionen hat Kretschmann? Entscheidet Kretschmann sich tatsächlich für das Weitermachen, muss er sich für fünf weitere Jahre zur Verfügung stellen. Denn der Ministerpräsident wird vom Landtag für eine volle Legislaturperiode gewählt. Würde er dann nach zwei, drei Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufhören, wäre das Wortbruch, aber nachvollziehbar. In der Zwischenzeit könnten die Grünen einen Nachfolger über ein Ministeramt aufbauen. Wer das sein könnte, wenn der Grüne Cem Özdemir in Berlin bleibt, ist allerdings völlig offen.
  • Was macht die CDU? CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann, die heutige Kultusministerin in Baden-Württemberg, hat schon einmal eine Amtszeitbegrenzung auf zehn Jahre für Ministerpräsidenten vorgeschlagen – eine alte Forderung der Grünen. Sie wird sich als junge und weibliche Alternative zu Kretschmann präsentieren. Das Alter des Ministerpräsidenten will sie nur indirekt ansprechen.
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