Professor Hefendehl, vor dem Landgericht Freiburg läuft gerade ein Prozess, in dem es um eine mutmaßliche Gruppenvergewaltigung geht. Können Sie verstehen, dass sich die Menschen nach solchen Ereignissen unsicherer fühlen?

Auf den ersten Blick klingt diese These nachvollziehbar. Vielfach wird sie aber erst provoziert. Wenn ich nach einem solchen Vorfall auf der Straße eine Umfrage mache und undifferenziert danach frage, ob man sich unsicher fühlt, wird eine bestimmte Antwort herauskommen.

Das heißt, die Medien sind schuld?

Die Medien werden tatsächlich in der Kriminologie als ein Faktor angesehen, der das Sicherheitsgefühl beeinflussen kann. Wobei man ihre Bedeutung ebenso wie die Kriminalitätslage selbst nicht zu hoch einschätzen sollte. In Freiburg bewegen sich die Straftaten gegen das Leben, also die gravierendsten Fälle, seit Jahren im einstelligen Bereich, nur 2016 und 2017 lagen die Zahlen ein wenig höher.

Roland Hefendehl
Professor Roland Hefendehl, 55, ist seit 2004 Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht an der Universität Freiburg. | Bild: Steve Przybilla

Und die Sexualdelikte?

Wenn wir die Gesetzesverschärfung Ende 2016 herausrechnen, sind die Zahlen seit langer Zeit konstant.

Inwiefern spiegelt die Furcht vor Kriminalität die Realität wider?

Woher die Furcht rührt, wird seit Jahrzehnten intensiv untersucht. Mit der objektiven Kriminalitätslage hat sie jedenfalls kaum etwas zu tun. Nach der sogenannten Generalisierungsthese kommt die Furcht vor Kriminalität durch eine allgemeine Verunsicherung zustande, zum Beispiel durch Umweltprobleme, Wirtschaftskrisen oder globale Politik – sogar durch Trump. Über bestimmte Auslöser, also aufsehenerregende Kriminalitätsfälle, wird diese Unsicherheit der Kriminalität zugeschrieben. Tatsächlich liegen die Ursachen viel tiefer.

Also kann es sein, dass sich Menschen in sicheren Städten unsicher fühlen – und umgekehrt?

Das ist tatsächlich möglich. Ähnlich der Generalisierungsthese argumentiert die Prekarisierungsthese. Sie geht davon aus, dass Kriminalitätsfurcht ein Ausdruck sozialer Abstiegsängste ist. In der Vergangenheit wurde sie auch schon belegt: In Städten, in denen intensiv in soziale Sicherungssysteme investiert worden ist, war die Kriminalitätsfurcht geringer.

Die Politik diskutiert andere Ideen: Videoüberwachung, Ordnungsdienste, mehr Polizei. Welche wirken am besten?

Hier müssen wir differenzieren. Gerade die Videoüberwachung tritt mit vielen Zielen an: Erstens, die Senkung der Kriminalität. Zweitens, die Reduzierung des Unsicherheitsgefühls. Drittens, die Verbesserung der Aufklärung. Diese Thesen sind nicht neu, denn die Videoüberwachung gibt es schon seit Jahrzehnten. Dementsprechend viel wurde dazu geforscht. Die Antwort ist eindeutig: Es funktioniert alles nicht.

Eine Videokamera verhindert keine Verbrechen?

Sie schreckt bei gravierenden Gewaltdelikten in keiner Weise ab. Niemand wird hier vorher Kosten und Nutzen abwägen.

Warum nicht?

Es gibt in diesem Bereich der Kriminalität nicht den Kosten-Nutzen-Analysten, insbesondere bei Verbrechen, die mit Emotionen behaftet sind. Umgekehrt gibt es Untersuchungen, wonach sich Menschen bei starker Polizeipräsenz zeitweilig sogar unsicherer fühlen. Sie fragen sich: Was ist hier los, dass so viel Polizei unterwegs ist?

Und der kommunale Ordnungsdienst?

In Freiburg halten ihn viele Kommunalpolitiker für die wichtigste politische Entscheidung der letzten Jahre. Dem liegt auch die längst widerlegte „Broken Windows“-Theorie zugrunde: Sie geht davon aus, dass eine zerbrochene Fensterscheibe oder ein Graffito zu einem Dominoeffekt führen – also, dass solche Anzeichen des Verfalls eine Abwärtsspirale in Gang setzen, die zu schwerer Kriminalität führen kann. Der kommunale Vollzugsdienst soll deshalb gegen Wildpinkler oder auf den Straßen Nächtigende vorgehen.

Das Hauptargument war: Das Innenministerium versetzt nur dann mehr Polizisten nach Freiburg, wenn die Stadt im Gegenzug einen Ordnungsdienst einführt – um die Beamten zu entlasten.

Ja, so argumentiert die Freiburger Sicherheitspartnerschaft. Die sehe ich sehr kritisch. Ich frage mich, ob man das sogenannte Unwichtige, wovon die Polizei entlastet werden soll, nicht einfach mal ertragen kann. Für eine offene Stadt ist es wichtig, das Elend nicht zu verdrängen. Aber genau diese Politik verfolgt man. Auf dem schönen neuen Platz der Alten Synagoge sollen sich keine Punker mehr aufhalten, obwohl sie schon seit Jahrzehnten dort sind. Der Stühlinger Kirchplatz soll von Drogendelikten befreit werden, weil gleich nebenan, am Hauptbahnhof, die Touristen einströmen.

Die Hausbesitzer, vor deren Türen die Wildpinkler ihr Geschäft verrichten, würden sicher widersprechen.

Klar, das ist eine Unannehmlichkeit, die niemand sonderlich schätzt. Aber in meinen Augen ist das keine Situation, in der man die Obrigkeit, wie man sie nennt, einschalten muss. Vielleicht kann man dieses Problem auch durch andere Maßnahmen lösen, zum Beispiel, indem man mehr öffentliche Toiletten aufstellt. Sie fehlen häufig in Freiburg und man muss dafür bezahlen. Das ist in meinen Augen menschenunwürdig.

Sie kritisieren, dass es der Stadt um die Verdrängung von Minderheiten gehe. Wie kommen Sie darauf?

Wenn man, wie in Freiburg, Kriminalitätsschwerpunkte ausruft, an denen die Polizei anlasslos kontrolliert, wird sie sich immer auf die üblichen Verdächtigen stürzen. Sie müssen nur mal abends in Freiburg über die Blaue Brücke gehen. Wenn dort eine Kontrolle stattfindet, dann wird man nicht Sie oder mich kontrollieren, sondern junge Menschen mit Migrationshintergrund. Und je mehr man kontrolliert, desto mehr findet man auch.

Eine andere These von Ihnen lautet: Wenn Frauen sicher vor sexuellen Übergriffen sein wollen, sollten sie am besten auf die Straße gehen. Können Sie das erklären?

Das ist eine provokante These, die darauf abzielt, dass Sexualdelikte fast immer in den eigenen vier Wänden passieren. Wenn man das Risiko vergleicht, ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer schweren sexuellen Straftat zu werden, in der Öffentlichkeit wesentlich geringer als zu Hause. Das Dunkelfeld bei häuslicher Gewalt, etwa einer Vergewaltigung in der Ehe, ist zudem enorm. Dagegen kann leider keine Sicherheitspartnerschaft etwas ausrichten.

Wenn all das nichts nützt, was würden Sie als Kriminologe dann vorschlagen?

Gelassener sein. Gute Sozialpolitik, wie die oben erwähnte Prekarisierungsthese lehrt. Diese ist übrigens auch ein kleiner Baustein der Sicherheitspartnerschaft. Dort heißt es, dass die aufsuchende Straßensozialarbeit gestärkt werden soll. Hier würde ich mir eine andere Formulierung wünschen: Warum muss sie „aufsuchend“ sein? Sollten wir nicht erst einmal mit Respekt innehalten und fragen, ob Hilfe gewünscht wird?

Was genau schlagen Sie vor?

Die Videoüberwachung kostet Millionen. Es wäre wesentlich sinnvoller, diese Millionen umzuschichten: in Wohnungslosen-Unterkünfte, öffentliche Toiletten oder eben die Straßensozialarbeit im gerade beschriebenen Sinne.

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