Die kleine Erinnerungsstätte am Rand der Rosensteinstraße in Stuttgart, direkt neben der Ausfahrt eines Parkhauses, ist von Herbstblättern bedeckt. Am Baum ein Porträt eines strahlenden jungen Paares, darunter Gedenkschleifen. Auf dem Grasflecken davor ein Kreuz mit einer Holztafel, „Jaqui und Riccardo„, zwei Geburtstage und ein Todestag: 6. März 2019. Auf dem herzförmigen Gedenkstein davor steht über den Namen: „Sinnlos aus dem Leben gerissen. Ihr fehlt.“ Unter dem Baum liegt ein Buch im nassen Gras, Jules Vernes „Land der Diamanten“. Darin eine Karte, auf die jemand zwei große Herzen gemalt hat. „Für Papa“ und „Für Mama“ steht in den Herzen. Und: „Es ist schwer, aber…das Leben geht weiter“.

Eine kleine Gedenkstätte am Ort des Horrorunfalls erinnert an die beiden Opfer. „Sinnlos aus dem Leben gerissen“ steht auf dem Gedenkstein für das junge Paar.
Eine kleine Gedenkstätte am Ort des Horrorunfalls erinnert an die beiden Opfer. „Sinnlos aus dem Leben gerissen“ steht auf dem Gedenkstein für das junge Paar. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Ein junger Mann, ein PS-starker Sportwagen, Imponiergehabe, Selbstüberschätzung. Eine fatale, eine tödliche Kombination. Sie führt in der Nacht des 6. März 2019 in der Stuttgarter Innenstadt zu einem verheerenden Unfall, bei dem zwei unbeteiligte junge Menschen ihr Leben verlieren und der mehrere andere Leben für immer tiefgreifend verändert. Die Anklage gegen den damals 20-jährigen Fahrer lautet auf Mord. Im sogenannten Raserprozess vor dem Stuttgarter Landgericht wird an diesem Freitag das Urteil erwartet.

Sind Raser potentielle Mörder, wenn sie mit getunten Fahrzeugen und PS-Boliden als tödlichen Waffen in absurdem Tempo durch die Städte oder über die Autobahnen röhren? Damit müssen sich deutsche Gerichte in immer mehr Fällen auseinandersetzen. Nimmt ein Raser den möglichen Tod Anderer durch sein Tun billigend in Kauf? Während der gesunde Menschenverstand dazu neigt, sofort lauthals „Ja“ zu rufen, hat diese Bewertung für Juristen – und Angeklagte – eine andere Dimension. Sie führt am Ende zu einer Verurteilung wegen Mordes und einer langjährigen Haftstrafe – oder zu einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung, mit der auch eine Bewährungsstrafe einhergehen kann. Über nichts anderes muss die Kammer im Fall des Stuttgarter Raserprozess befinden. Es ist die erste Mordanklage nach einem Raser-Unfall in Baden-Württemberg – der Richterspruch dürfte bundesweit Beachtung finden.

Der Täter schweigt

Der Täter von Stuttgart, Mert T., ist heute 21 Jahre. Er ist wohl, das legen Aussagen aus seinem Umfeld nahe, kein typischer Prahler und PS-Protzer. Als zurückhaltend, schüchtern und hilfsbereit wird er geschildert. Ein eigenes Bild können sich die stets zahlreichen Besucher der Prozesstage, soweit diese öffentlich sind, nicht machen. Mert T. schweigt. Seine Aussage zur Person findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, zur Tat selbst äußert er sich nicht. Stattdessen verliest Markus Bessler, einer seiner beiden Verteidiger, eine siebenseitige „Einlassung zu Sache“ in Namen seines Mandanten.

Auf der Suche nach Anerkennung

Der junge Deutsche mit türkischen Wurzeln hat eine gute Ausbildungsstelle, er lernt Mechatroniker bei Daimler. Keine schlechte Perspektive für den jungen Mann, der seiner Mutter, einer Putzfrau, gelegentlich beim Arbeiten hilft. Seine Clique junger Männer trifft sich im Stuttgarter Nordbahnhofviertel unweit des Unfallorts in einer Shisha-Bar. Sie hängen dort ab, chillen. Besondere Erlebnisse oder solche, die sie dafür halten, teilen sie sofort in Wort und Bild per Instagram mit sich und der Welt.

Ein Jaguar F-Type für 195 Euro

Am Mittag des 6. März 2019 leiht sich Mert T. von der kleinen Autovermietung „Royal Motors“ bei Stuttgart für die Tagesgebühr von 195 Euro einen weißen Jaguar F-Type mit 550 PS, Höchstgeschwindigkeit 300 km/h. Anders als bei anderen Verleihern, die für diese Autoklasse ein Mindestalter von 25 Jahren verlangen, gibt es bei „Royal Motors“ keine besondere Altersgrenze nach unten. Der Vermieter bietet noch zwei andere Autos an, einen BMW M4 und einen Mercedes CLS. Beide hat Mert T. sich schon ausgeliehen. Jetzt ist der Jaguar dran. Es wird die letzte Vermietung von „Royal Motors“ sein, nach dem Unfall wird der Verleiher bedroht, er schließt den Betrieb.

Der Todesfahrer wollte angeben

Der 20-Jährige übernimmt das Auto am Nachmittag, postet sofort ein Foto auf Instagram. Den Nachmittag und Abend verbringt er mit rasanten Spritzfahrten, er fährt immer wieder durch sein Viertel am Stuttgarter Nordbahnhof, rast über die Ein- und Ausfallstraßen auf die Autobahn, nimmt Freunde aus seiner Clique mit, die Videos davon drehen und sie auf Instagram veröffentlichen. Mert T. gibt Gas, probiert das Auto aus, lässt den Klappenauspuff knallen, will seinen Kumpels imponieren. „Ich wollte damit angeben“, liest der Verteidiger aus der Einlassung vor, und: „Ich ging an diesem Tag davon aus, dass ich das Auto jederzeit unter Kontrolle habe.“

Mit bis zu 165 km/h durch die Innenstadt

Als Mert T. das Auto abstellen will, bittet ihn ein Kumpel noch spät, eine Runde zu drehen. Mit dem Freund auf dem Beifahrersitz rast der 20-Jährige einmal mehr durch die Stadt, er fährt auf einer zweispurigen Straße durch ein Wohn- und Geschäftsviertel und ist dort der Einschätzung des Gutachters zufolge bis zu 165 Stundenkilometer schnell, als er nach einer langen Kurve vor sich auf der Gegenspur ein über seine Spur abbiegendes Fahrzeug wahrnimmt.

Der Unfallort zeigt ein Bild der Verwüstung. Zwei Menschen starben in dem Kleinwagen im Bildvordergrund. Der Raser und sein Beifahrer bleiben unverletzt.
Der Unfallort zeigt ein Bild der Verwüstung. Zwei Menschen starben in dem Kleinwagen im Bildvordergrund. Der Raser und sein Beifahrer bleiben unverletzt. | Bild: Marijan Murat

Mert T. will ausweichen, bremst, verliert die Kontrolle. Der Jaguar knallt frontal in die Beifahrerseite eines Kleinwagens, der auf der linken Straßenseite an der Ausfahrt einer Tiefgarage steht. Das Auto wird durch den Aufprall durch die Luft geschleudert und völlig zerstört. Der Gutachter, der den Datenrekorder des Sportwagens auswertet, berichtet im Prozess von einer Aufprallgeschwindigkeit von 114 km/h. Die Insassen des kleinen Citroen C1, der 25-jährige Riccardo K. und seine Freundin, die 22-jährige Jaqueline B., sind sofort tot. Der Jaguar prallt noch auf einen Betonpfosten. Mert T. und sein Beifahrer bleiben unverletzt. In der Stellungnahme des Angeklagten heißt es: „Ich hätte zu keinem Zeitpunkt einen Unfall riskieren wollen.“

Den Tod anderer billigend in Kauf genommen?

Während Staatsanwaltschaft und Nebenkläger auf Mord plädieren, hält die Verteidigung eine Jugendstrafe von höchstens zwei Jahren wegen fahrlässiger Tötung und Straßenverkehrsgefährdung für angemessen. Sie hält es für nicht nachgewiesen, dass Mert T. „den Tod der beiden Unfallopfer billigend in Kauf genommen habe“. Aufgrund „entwicklungsbedingter Reifeverzögerungen“ des Angeklagten zum Tatzeitpunkt plädiert sie auf Anwendung des Jugendstrafrechts, und weil Mert T. bereits acht Monate in Untersuchungshaft sitzt und eine „überaus positive Prognose“ vorliege, solle die weitere Vollstreckung auf Bewährung ausgesetzt werden. Der 21-Jährige könnte damit den Gerichtssaal als freier Mann verlassen.