Seit Monaten wird Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann immer wieder gefragt, ob er zur Landtagswahl 2021 noch einmal antreten will. Und immer wieder hat er Journalisten und Parteifreunde vertröstet. Jetzt aber naht die Entscheidung.

Ende August urlaubte der Regierungschef in Griechenland, um die Vor- und Nachteile einer erneuten Kandidatur abzuwägen. Danach will Kretschmann Gespräche führen. Vor dem Landesparteitag der Grünen am 21. September soll Klarheit herrschen.

Dass ihm die Entscheidung schwerfällt, hat er selbst immer wieder anklingen lassen.

Kretschmann ist seit 2011 im Amt. Auf der einen Seite gibt es die großen Erwartungen von Parteifreunden, für die Grünen wieder als Zugpferd in den Ring zu steigen – dieses Mal gegen CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann.

Kretschmanns Fußstapfen sind groß, so leicht könnte kein anderer Grüner ein ähnlich gutes Ergebnis für die Partei im Südwesten einfahren. Bei der Landtagswahl 2016 war die Ökopartei mit 30,3 Prozent stärkste Kraft. Und möglicherweise hat Kretschmann den Drang, wichtige Themen weiter mitzugestalten – etwa den Wandel in der wichtigen Automobilindustrie.

Auf der anderen Seite steht die sehr menschliche Frage, ob er wirklich noch viele weitere Jahre in der anstrengenden Politik verbringen will.

Kretschmann ist zum Zeitpunkt der Landtagswahl 72 Jahre alt. Er hat rund 40 Jahre in der Politik verbracht. Es locken die Enkelkinder, der Garten, ein entspannteres Leben zu Hause in Sigmaringen-
Laiz mit Ehefrau Gerlinde.

Zwar gehen viele davon aus, dass Kretschmann trotzdem die Spitzenkandidatur anstreben wird. Folgende Szenarien sind denkbar:

  • Kretschmann übergibt: Der damalige rheinland-pfälzische Regierungschef hat es vorgemacht: Kurt Beck (SPD) übergab das Ministerpräsidentenamt im Jahr 2013 mitten in der Legislaturperiode an Malu Dreyer, damit diese sich bis zur Wahl 2016 im Amt profilieren konnte. In Baden-Württemberg ist so ein Szenario allerdings kaum realistisch. Die CDU dürfte einen fliegenden Wechsel auf wen auch immer nicht mitmachen und vielmehr Kretschmanns Abgang dafür nutzen wollen, die grün-schwarze Koalition massiv infrage zu stellen.
  • Kretschmann hört auf: Dieses Szenario ist denkbar, auch wenn die Zeit zum Aufbau eines neuen grünen Spitzenkandidaten äußerst knapp ist. Wer an Kretschmanns Stelle in den Landtagswahlkampf ziehen könnte, ist nicht ausgemacht. Immer wieder wird der frühere Grünen-Bundeschef Cem Özdemir genannt, der aus Bad Urach stammt. Mögliche Alternativ-Kandidaten im Land haben alle ihre Vor- und Nachteile – egal, ob es um Finanzministerin Edith Sitzmann, Wissenschaftsministerin Theresia Bauer oder den intelligenten, aber intern umstrittenen Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer geht.
  • Kretschmann tritt wieder an: Das ist der Wunsch vieler Grünen-Politiker. Wäre Kretschmann erneut Spitzenkandidat und gelänge ihm nach der Landtagswahl erneut eine Regierungsbildung, könnten die Grünen frische Köpfe ins Kabinett holen und so auch einen möglichen Nachfolger aufbauen. Denkbar wäre dann immer noch ein Stabwechsel in der Mitte der Legislaturperiode. (dpa) 
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