Zeitpunkt, Überbringer der Nachricht und Wirkung waren gezielt ausgewählt. „Südwest-CDU spricht sich für Merz aus“ hieß es landesweit nach dem politischen Aschermittwoch der Landes-CDU in Fellbach bei Stuttgart. Das Bild zum Text: CDU-Landeschef Thomas Strobl, Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann und Generalsekretär Manuel Hagel, die in demonstrativem Nebeneinander Friedrich Merz als gemeinsamen Favoriten für den CDU-Parteivorsitz ausriefen.

Kein einhelliger Jubel

In der Partei jenseits der erklärten Merz-Unterstützer um den Hohenloher Christian Freiherr von Stetten, der Landtagsfraktion und der Jungen Union löste die Botschaft freilich keinen einhelligen Jubel, sondern vor allem Überraschung aus.

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer (Mitte) bedankt sich nach ihrer Rede in Fellbach bei den Zuhörern. Landeschef Thomas Strobl (links) und CDU-Spitzendkandidatin Susanne Eisenmann (rechts) hatten sich zuvor für Friedrich Merz als ihren Nachfolger ausgesprochen.
Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer (Mitte) bedankt sich nach ihrer Rede in Fellbach bei den Zuhörern. Landeschef Thomas Strobl (links) und CDU-Spitzendkandidatin Susanne Eisenmann (rechts) hatten sich zuvor für Friedrich Merz als ihren Nachfolger ausgesprochen. | Bild: Marijan Murat

Dies sei eine „Privatmeinung“ von drei prominenten Parteimitgliedern und keineswegs Parteilinie, und es „sei halt auch geklatscht worden, weil Aschermittwoch war“, so ein Mitglied des Landesvorstands. Im Landesvorstand war der Vorstoß von Fellbach jedenfalls vorab nicht thematisiert worden. Öffentliche Zweifel an der Teamfähigkeit von Friedrich Merz für dieses Amt meldete tags drauf gar Christian Bäumler, Vorsitzender der CDU-Sozialausschüsse (CDA) an.

CDU Südbaden legt sich nicht fest

„Ja, die Festlegung hat mich überrascht, aber ich möchte mich derzeit noch nicht dazu äußern“, sagt auch der Konstanzer Bundestags-Abgeordnete Andreas Jung, Landesgruppenchef der Südwest-CDU in Berlin und CDU/CSU-Fraktionsvize im Bundestag. Jung verweist einstweilen auf das Statement des Südbaden-Bezirkschefs und Europaabgeordneten Andreas Schwab, der den Fellbacher Merz-Vorstoß der Landesspitze auf Facebook postwendend kommentierte: „Die CDU Südbaden ist dankbar für die Auswahl zwischen drei exzellenten Kandidaten für den Bundesvorsitz. Wir haben uns noch nicht entschieden.“

Hagel schwenkt um

Daegen rechtfertigt CDU-Generalsekretär Hagel seinen Schwenk von Spahn zu Merz. „Die CDU steht vor einer der schwierigsten Herausforderung ihrer Geschichte. Wir haben nicht mehr viele Versuche, wir haben noch einen“, sagt Hagel. Und Spahn habe eben nach Rückzug und Unterstützung für Armin Laschet nicht mehr zur Verfügung gestanden.

CDU-Generalsekretär Manuel Hagel unterstützte Jens Spahn – und plädiert jetzt für Friedrich Merz.
CDU-Generalsekretär Manuel Hagel unterstützte Jens Spahn – und plädiert jetzt für Friedrich Merz. | Bild: Patrick Seeger

„Ich wünsche mir eine CDU, die nach vorne blickt und nicht zurück zu etwas möchte. Unsere CDU soll eine modern-konservative, christlich-soziale und eine liberale Partei sein“, sagt Hagel. „Was die CDU auch braucht, ist Führung. Einen Vorsitzenden, der Verantwortung übernimmt.“ Dafür sei nun Merz der richtige Mann.

Frauen-Union fragt nach Positionen

Ein Profil, das in Teilen wohl auch die Frauen-Union unterstützen würde. Die Bundes- und Landesvorsitzenden der Frauen-Union, Annette Widmann-Mauz und Susanne Wetterich, hatten stets betont, dass sie einen Kandidaten für den Parteivorsitz an den Kriterien der CDU-Frauen messen würden – an frauen-, familien- und gesellschaftspolitischen Themen, an der Frage, wie ernst es ihnen mit der Stärkung von Frauen in der CDU durch Amt und Mandat und Toleranz gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen sei.

Merz als konservativer Hardliner

Aber Frauenrechte, gesellschaftlicher Wandel und Friedrich Merz – das war zumindest früher eine schwierige Kombination. So stimmte Merz in seinen Bundestags-Zeiten einst dagegen, die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe zu stellen. Er votierte gegen die Reform des Paragrafen 218 und die Liberalisierung des Abtreibungsrechts und stimmte schließlich 2006 als einer von nur 17 Unionsabgeordneten gegen das von einem breiten politischen Bündnis getragene Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetz.

Altherren-Witze kommen schlecht an

Aus seinem Ideal eines klassischen Familienbilds machte er nie einen Hehl. Aber die Zeiten, als männliche Spitzenpolitiker noch folgenlos Witze machen konnten über Sturmtiefs, die Frauennamen tragen – wie Merz Mitte Februar – sind in Deutschland schon so lange Geschichte wie der letzte männliche Bundeskanzler. Kann so ein Mann die Zukunftshoffnung der CDU-Frauen sein?

„Wir werden ihn nicht nach seinen Positionen von vor 30 Jahren fragen“, sagt FU-Landesvorsitzende Susanne Wetterich, „er hat sich sicher inhaltlich weiterentwickelt. Entscheidend ist, was er heute sagt.“

Susanne Wetterich, Vorsitzende der Frauen Union Baden-Württemberg. Bild: dpa
Susanne Wetterich, Vorsitzende der Frauen Union Baden-Württemberg. Bild: dpa | Bild: Tom Weller

Das mit den Sturmtiefs habe ihr aber nicht gefallen. „Man muss nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, aber diese Äußerung ließ die notwendige Sensibilität den Frauen gegenüber vermissen“, sagt sie. In der Südwest-CDU freilich sind die Frauen solche Töne noch gewohnt. „Wir haben hier sicher mehr als in anderen Landesverbänden immer wieder mit strammen Diskussionen zu tun, die eigentlich noch in die Achtziger Jahre gehören“, sagt Wetterich. „Dass die CDU eine traditionelle Männerpartei war, ist nichts Schlechtes. Aber man muss sich im Klaren darüber sein, dass eine moderne Volkspartei anders sein muss.“

So ganz aber haben sie die Zeiten noch nicht gewandelt: Unter den 153 baden-württembergischen Delegierten, die im April über den CDU-Vorsitz mitentscheiden, sind voraussichtlich nur etwa 60 Frauen.

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