Es ist paradox: Tausende von Menschen fliehen aus den Krisenstaaten dieser Welt nach Deutschland. Bund, Land und Kommunen versuchen, sich gut um die Geflüchteten zu kümmern. Sicherheitsdienste sollen ausschließen, dass Flüchtlingen und Asylbewerbern etwas zustößt. Und nun stellt sich heraus, dass Mitglieder von Sicherheitsdiensten selbst ein massives Sicherheitsproblem zu sein scheinen.

Ein Ermittler zeigt eine Handgranate, wie sie in Villingen verwendet wurde. Das weiße Stäbchen ist ein Zünder.

In Villingen-Schwenningen tobt vor den Flüchtlingsunterkünften ein Kleinkrieg der Security-Firmen. Polizei und Staatsanwaltschaft sprechen von „Konflikten, die zwischen den im Schwarzwald-Baar-Kreis tätigen Sicherheitsunternehmen bestehen“.

Am 29. Januar wurde mitten in der Nacht eine Handgranate auf einen Bürocontainer eines Tuttlinger Sicherheitsdienstes an Villingens Dattenbergstraße geworfen. Die Kriegswaffe explodierte nicht. Die Polizei nahm zwölf Tage später vier Tatverdächtige im Alter zwischen 22 und 37 Jahren fest. Alle sind nach Angaben von Staatsanwalt Andreas Mathy in der Sicherheitsbranche beschäftigt.

Im Klartext: Mitarbeiter eines Security-Unternehmens greifen Mitarbeiter einer anderen, konkurrierenden Firma an. Ob die Handgranate scharf war und über einen Zünder verfügte, ist weiterhin offen. Die Untersuchungen der später von der Polizei gesprengten Granate seien immer noch nicht abgeschlossen, erklärte Staatsanwalt Andreas Mathy.

Mittlerweile sitzen nur noch drei der vier Festgenommenen im Gefängnis. Das Villinger Amtsgericht hatte dazu die Haftbefehle ausgestellt. „Der vierte Festgenommene ist wieder auf freiem Fuß“, so die Staatsanwaltschaft.

Unzählige Gerüchte über die Tatverdächtigen

Derweil schießen Gerüchte ins Kraut: Sind die Inhaftierten Auftragskiller? Seit zwei Tagen verdichten sich Hinweise, dass die vier Tatverdächtigen aus dem Balkanraum zur Handgranatenattacke nach Villingen eingereist sein könnten. „Da sollte einigen Herren der Garaus gemacht werden – oder zumindest ganz viel Angst“, sagt ein Kenner der Vorgänge. Ein Polizeisprecher kommentierte am Donnerstag dazu: „Wären solche Leute tatsächlich mit diesem Auftrag eingereist, hätten wir sie kaum zwölf Tage später in Deutschland festnehmen können.“ Staatsanwalt Mathy schloss solche Dimensionen allerdings aus. „Die Festgenommenen leben schon seit Jahren in Deutschland. Das passt nicht zu diesem Gerücht“, so der Strafverfolger.

Das Freiburger Regierungspräsidium bemüht sich seit Bekanntwerden der Festnahmen, die massiven Zweifel zu glätten, die am Sicherheitsangebot an den Flüchtlingsunterkünften aufgekommen sind. Das Land arbeite eine neue Sicherheitsprüfung für Security-Mitarbeiter aus, es sei täglich Präsidiumspersonal vor Ort, sagte ein Sprecher der Behörde.

Fakt ist: Die Sicherheitskonzepte rund um die Flüchtlingshäuser wirken plötzlich sehr fadenscheinig. Das Regierungspräsidium betont deshalb, es werde alles Erdenkliche getan, um echte Sicherheit an den Flüchtlingsunterkünften zu bieten. Zu den Maßnahmen sagte Behördensprecher Markus Adler für das Freiburger Präsidium: „Wir verlangen vom Dienstleister eine Erlaubnis nach der Gewerbeordnung.

Genehmigungsbehörde sind Kreis oder Stadt. Diese Urkunde ist bei Vertragsunterzeichnung vorzulegen. Wird diese Erlaubnis entzogen, wird der Vertrag gekündigt.“ Adler räumte ein, dass es bereits zu solchen Schritten gekommen sei.

Der Sicherheits-Dienstleister verpflichtet sich laut Adler dem Regierungspräsidium gegenüber vor Vertragsschluss, „aktuelle polizeiliche Führungszeugnisse, die nicht älter als sechs Monate sind, vorzulegen“. Was Adler nicht sagt: Polizeiliche Führungszeugnisse berücksichtigen keine laufenden Verfahren.

Seriöse Security-Dienstleister verlangen von ihren Beschäftigten deshalb ein behördliches Führungszeugnis, das auch offene Verfahren berücksichtigt. Außerdem wird bei etablierten Sicherheitsdiensten speziell geschultes Personal eingesetzt. Die Handelskammer zertifiziert solche Weiterbildungen bei erfolgreicher Teilnahme. Diese Bescheinigungen nennt das Regierungspräsidium nicht als Auftragsvoraussetzung.

Polizei ermittelt im Bereicht der Security-Subunternehmer

Nach Informationen des SÜDKURIER ermittelt die Sonderkommission der Polizei jetzt tief im Dickicht der Security-Subunternehmer. „Es geht dabei um die Frage, ob der direkte Auftragnehmer des Präsidiums von seinen Stundensätzen nur Teile an zwischengeschaltete Firmen abgibt, welche die Arbeit vor Ort tatsächlich verrichten“, sagt ein Kenner der Vorgänge. Die Polizei und die übergeordneten Ministerien scheinen mittlerweile entschlossen, dem ungeordneten Treiben ein Ende bereiten zu wollen. Am Mittwochnachmittag begann eine Polizeirazzia in zahlreichen Security-Firmen der Landkreise Schwarzwald-Baar und Tuttlingen.

Dabei wurden umfangreiche Unterlagen gesichert, die nun ausgewertet werden. Es geht dabei informierten Kreisen zufolge auch um die Frage, inwieweit sich Hinweise über Gebietsabsprachen zum Nachteil der Auftraggeber in den Papieren finden lassen.

Eine Verflechtung des Handgranaten-Angriffs mit der zum Teil kriminellen Szene der Rocker und rockerähnlichen Vereinigungen ist mittlerweile zu den Akten gelegt. Allerdings: Mitglieder einer solchen Gruppierung sind ganz konkret in Südbaden im Geschäft der Sicherheitsdienstleister aktiv.