Die Weihnachtshauptstadt ist in eine Kältestarre verfallen: „La capitale de Noel“, wie sich Straßburg in diesen Tagen stolz nennt, ist seltsam still an diesem kalten Morgen. Es ist der Tag nach dem Anschlag, bei dem ein 29-Jähriger zwei Menschen getötet, ein Opfer ist hirntot, mehrere Menschen sind verletzt, einige lebensgefährlich. Die Innenstadt Straßburgs wird von Sicherheitsleuten und Polizisten mit Sturmgewehren patrouilliert. 

Bild: Moll, Mirjam

Der vorbestrafte Straßburger Kriminelle sollte eigentlich festgenommen werden, am Morgen jenes Tages, der von jetzt an einen dunklen Schatten über den berühmten Weihnachtsmarkt werfen wird. Doch die Polizei traf ihn nicht an, am Abend schoss er um sich, wurde selbst getroffen, konnte jedoch fliehen. Es ist vielleicht dieses Bewusstsein, dass der Täter noch nicht gefasst ist, das sich am folgenden Tag wie ein Kältemantel um die Stadt legt.Um überhaupt in die Innenstadt zu kommen, müssen Passanten ihre Taschen von Polizisten kontrollieren lassen.

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Rings um die Stadt werden die Zufahrten und Grenzübergänge kontrolliert, die deutsche Bundespolizei unterstützt die französischen Kollegen, gemeinsam kontrollieren sie die passierenden Fahrzeuge.

Nach Anschlag in Straßburg
Bild: Christophe Ena (AP)

An der Europabrücke, die seit den Pariser Anschlägen im November 2015 ohnehin nur noch einspurig in Richtung Straßburg verläuft, ist kein Vorankommen mehr möglich. Bis zu anderthalb Stunden benötigen Autos, die dennoch über die Brücke über den Rhein fahren wollen. Zwischenzeitlich fährt auch die Straßenbahn nicht, die beide Seiten miteinander verbindet. Straßburg hat sich abgeschottet und ist, wie ganz Frankreich, in höchster Alarmbereitschaft. Der Weihnachtsmarkt an der Kathedrale liegt still und verlassen da. 

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Sicherheitsleute und Polizisten kontrollieren die Taschen und Rucksäcke an den Hauptzugängen zur Innenstadt und patrouillieren mit Sturmgewehren. Doch nur wenige sind auf dem Weg ins Herz der Stadt. Still und verlassen sind die Straßen in der Altstadt, in der es in der Adventszeit normalerweise von Touristen wimmelt. 

12.12.2018, Frankreich, Straßburg: Polizisten gehen nach einem Angriff in der Gegend des Straßburger Weihnachtsmarkts durch die Innenstadt in der Nähe des Münsters. Die Anti-Terror-Spezialisten der Pariser Staatsanwaltschaft haben die Ermittlungen übernommen. Foto: Jean Francois Badias/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Bild: Jean Francois Badias (AP)

Die Glocken des Münsters, umsäumt von verrammelten Ständen und Buden, klingen an diesem Tag fast wie ein Mahnläuten. Wo sonst vor lauter Menschen kaum ein Durchkommen ist, herrscht bedrückende Leere. Einige Touristen machen Selfies vor der trostlos wirkenden Szenerie. Der Weihnachtsmarkt bleibt an diesem Tag geschlossen, wie auch die meisten Geschäfte in der Innenstadt. Nur ein paar Cafés und Restaurants haben geöffnet, aber kaum jemand sitzt darin. Eine einsame weiße Rose liegt auf einer der Stufen der Kathedrale.

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Jan spaziert mit seiner Freundin über den verlassenen Weihnachtsmarkt. Der junge Mann musste am Abend zuvor um seine Mutter bangen. Sie arbeitet im Europäischen Parlament. Gemeinsam wollten sie essen gehen. Stattdessen rief seine Mutter an, sie habe Schüsse gehört, ganz in der Nähe vom Place de Gutenberg, wo mehrere Buden des Weihnachtsmarkts stehen. „Innerhalb von 15 Minuten war der ganze Platz geräumt“, berichtet Wilmer. „Es gab mehr Polizei als sonst was, das Militär kam.“ 

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Der junge Mann versuchte über das Internet zu verfolgen, was vor sich ging, während seine Mutter in einem Restaurant Schutz suchte. Niemand durfte mehr nach draußen, die Regierung rief die höchste Alarmstufe aus. Um 1 Uhr morgens sei seine Mutter von dem Restaurant vor die Tür gesetzt worden, in einem anderen Gasthaus wurde sie nicht hereingelassen. All das, obwohl der um sich schießende Mann noch nicht gefasst war.

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Unweit vom Place de Gutenberg, in der Rue des Orfevres, kam es zu dem Schusswechsel. Im Schaufenster einer Patisserie locken süße Schlemmereien. Ein abgerissenes rot-weißes Absperrband liegt am Boden, sonst weist nichts darauf hin, dass sich in dem malerischen Gässchen eine Gräueltat abspielte. Auf dem Boden vor dem Feinschmeckerladen Wolfberger gleich nebenan liegen mehrere weiße Rosen, dahinter hat jemand ein kleines Schild angebracht: „Tous unis contre la barbarie“ – „alle vereint gegen die Unmenschlichkeit“.

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Passanten gehen durch die Gasse, die besonders hübsch geschmückt ist mit überdimensionalen weißen Christbaumkugeln, mit Bäumchen und Schleifen. Ein deutsches Ehepaar rätselt, warum dort so viele Kamerateams und Reporter sind: „Ach, war das hier“, fragt sich die Frau und bekommt prompt die Antwort von einer Passantin, die nur stumm auf die weißen Rosen weist. Schaulustige machen Fotos von der Szenerie. Ein Mann stolpert fast über die Blumen am Boden, bei dem Versuch, sich einen Weg zwischen den Reportern zu bahnen.

Touristen erleben ein Land im Ausnahmezustand

Angst scheint niemand hier wirklich zu haben. So auch Bettina und ihre Freundin Ines. Die beiden Freundinnen sind seit ein paar Tagen in Baden-Baden und hatten sich schon vor dem Attentat vorgenommen, Straßburg zu besuchen: Denn Freundin Ines war noch nie in Frankreich. Nun erlebt sie das Land im Ausnahmezustand. Beide kommen aus der Nähe von Berlin. 

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Die Szenen, die sie heute sehen, erinnern sie an den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz, in den der Attentäter Anis Amri mit einem Lastwagen gerast war und mehrere Menschen getötet und schwer verletzt hatte. „An so etwas gewöhnt man sich nicht“, betont Grau zwar, aber „man stellt sich emotional darauf ein, dass das passieren kann.“ Weidner ist traurig, dass die Stadt an diesem Tag so leer ist – sie hatte sich auf die besondere Stimmung auf dem berühmten Weihnachtsmarkt gefreut. „Ich finde es traurig, dass die Leute sich abschrecken lassen“, meint sie. Mit ihrer Freundin hat sie entschieden, erst recht zu kommen, nachdem sie gestern Abend von der Schießerei gehört hatten: „Wir finden das wichtig, das ist auch ein Signal der Hoffnung“, erklären sie. 

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Auch für Straßburg ist es nicht das erste Mal, dass es Ziel eines Anschlags wird. Schon einmal, im Jahr 2000, wurde ein Attentat auf den über die Landesgrenzen hinaus berühmten Weihnachtsmarkt vereitelt. Diesmal war die Polizei nicht schnell genug.

Wollte der Täter noch mehr Waffen einsetzen?

Dabei galt der Tatverdächtige als gefährlich und den Antiterroreinheiten des Landes bekannt. Der Zugriff kam zu spät. In seiner Wohnung war eine Granate sowie Schusswaffen gefunden worden. Hatte der Mann auch diese Waffen in der Menschenmenge einsetzen wollen? Einmal mehr steht Frankreich vor der schwierigen Aufgabe der Aufklärung eines Attentats, das die Nation erschüttert. Die friedliche Stimmung der Vorweihnachtszeit ist nicht nur in Straßburg einer bedrückten Stille gewichen. Die Weihnachtsbeleuchtung wird abends aber wieder strahlen. Wie zum Trotz.

 

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