Am Vorabend hat Irmgard Hunn noch einmal eine Sonderschicht eingelegt. Bis 22 Uhr strickte sie Masche um Masche. Die 28. Decke, die sie in diesem Jahr angefangen hatte, sie sollte unbedingt noch rechtzeitig fertig werden. Und das gelingt. Als Dirk Hartig und Marina Luchian von der Hilfsorganisation Pro Humanitate das Zimmer von Irmgard Hunn im Seniorenheim in Hegne betreten, ist auch das 28. Exemplar fertig. Sechs große Säcke voll Decken können die beiden mitnehmen, um sie im osteuropäischen Staat Moldau an Arme zu verteilen.

Als käme nichts anderes in Frage

Was ohnehin schon beeindruckend klingt, wird noch erstaunlicher, wenn man weiß, wie alt Irmgard Hunn ist: 106 Jahre. Längst könnte sie es sich im Schaukelstuhl bequem machen, Bücher lesen und Fernsehen schauen. Aber das ist nichts für sie. Lieber strickt sie. „Das ist doch schön, ich habe eine Freude daran und tue noch etwas Gutes“, sagt sie mit einer Selbstverständlichkeit, als käme für eine Frau in ihrem Alter gar nichts anderes infrage, als säckeweise Decken zu fabrizieren.

„Isch‘s ned zu viel?“

Sie will da auch gar keine große Aufregung darum machen. Die nötige Zeit zum Stricken habe sie ja eh. Irmgard Hunn hat bei der Deckenabholung deswegen vor allem eine Sorge: „Isch‘s ned zu viel? Könnter‘s au brauche?“, fragt sie Richtung Hartig und Luchian.

Das Werk von Irmgard Hunn: sechs Säcke voll selbstgestrickter Decken. Bilder: dose
Das Werk von Irmgard Hunn: sechs Säcke voll selbstgestrickter Decken. Bilder: dose | Bild: Dose, Dominik

Doch die können die 1913 in Adelhausen bei Lörrach geborene Hunn beruhigen: Ja,natürlich können sie das. Sie helfen in Moldau, dem auch als Moldawien bekannten Staat, der einer ärmsten in Europa ist. Es profitieren die Menschen, die im dort sehr kalten Winter nicht einmal mehr das Geld für wärmende Klamotten haben.

Kein Geheimnis

Wie man mit 106 Jahren noch so fit sein kann, um Decke um Decke zu stricken? Irmgard Hunn will das gar nicht zu hoch hängen. „Man muss halt etwas machen, was einem Spaß macht“, sagt sie, das sei alles, es gebe sonst kein Geheimnis. Mit dieser Einstellung durchlebte Hunn zwei Weltkriege, schwere Krankheiten, frühe Verluste.

Ein recht neues Hobby

Aber wer denkt, dass Irmgard Hunn bestimmt schon ein Leben lang durchgestrickt hat, der irrt. Als Jugendliche mal ja, und in den 1980er-Jahren kurz, aber dann erst wieder ab 2015, das weiß sie genau. „Als die Flüchtlinge kamen, habe ich gedacht, denen stricke ich Schals“, erinnert sie sich. Aber das sei dann irgendwann auch langweilig geworden, immer nur diese kleinen Schals, und so kam sie dann auf Pro Humanitate und die Decken. Dafür ist sie in Hegne längst bekannt. Wolle kaufen muss sie nie, andere Bewohner geben regelmäßig Wollreste bei ihr ab, damit sie weiterstricken kann.

Man kann nur staunen

Als Irmgard Hunn mit Hartig und Luchian zusammensitzt, fällt ihr eines ein: Was wurde eigentlich aus diesem Moldauer Mann, der eine ihrer Decken erhalten hat und von dem Hartig ihr vor zwei Jahren erzählt hat? Der ist kurz erstaunt, dass sich die 106-Jährige daran noch so gut erinnert und erzählt ihr dann von der Entwicklung des Mannes.

Mit 105 ein Tablet gehabt

Überhaupt, Staunen: Das muss man häufiger, wenn man mit der geistig erstaunlich fitten und informierten 106-Jährigen zusammentrifft. Ins Seniorenheim ist sie erst mit 103 gezogen. Und mit 105 hatte sie auch mal angefangen, einen kleinen Computer, ein Tablet zu nutzen, um im Internet Nachrichten zu lesen und die Tagesschau anzuschauen. Davon hat sie sich aber wieder verabschiedet: Frisst zu viel Zeit, das Gerät. So viel Einsicht möchte man manch deutlich jüngerem Menschen auch mal wünschen.

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Vor Weihnachten nach Moldau

Ihre Decken werden vor Weihnachten nach Moldau transportiert. Die Hilfsorganisation Pro Humantitate, deren Vorsitzender Dirk Hartig ist und die in Engen sitzt, baut dort Brunnen und Sozialzentren. Immer wieder transportiert die Organisation gespendete Einrichtungsgegenstände von Schulen, Krankenhäuser und anderen Einrichtungen in die Region nach Moldau.

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Zum Dank für ihren Einsatz gibt es von Luchian und Hartig eine große Schachtel Pralinen – „Oh, das gibt ein paar Betthupferl“, freut sich Irmgard Hunn. Sie macht sich dann gleich an die nächsten Decken. Es sollen ja wieder ein paar Säcke zusammenkommen. „Bis zum nächsten Mal, behüte Sie Gott und bleiben Sie gesund“, wünscht die 106-Jährige zum Abschied.