Es wird vor allem für die CDU eine heiße Personalentscheidung: Im Herbst 2020, knapp ein halbes Jahr vor den nächsten Landtagswahlen in Baden-Württemberg, ist in Stuttgart das Amt des Oberbürgermeisters neu zu vergeben. Mit dem Sieg eines CDU-Kandidaten im grünen Bürgerklientel der Landeshauptstadt könnte die CDU geschlossen und mit breiter Brust in den Landtagswahlkampf ziehen. Ein Sieg wäre auch für die Stuttgarterin und Landtagswahl-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann, das Signal, dass die die CDU auch in den Großstädten noch punkten kann. Denn in den den zehn größten Städten des Landes haben lediglich noch die Oberbürgermeister von Ulm und Pforzheim ein CDU-Parteibuch. Die Rückeroberung des urbanen Raums von den Grünen ist auch ein erklärtes Ziel der Landes-CDU.

Der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) im Paternoster des Stuttgarter Rathauses. Er will im Januar erklären, ob er erneut antritt.
Der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) im Paternoster des Stuttgarter Rathauses. Er will im Januar erklären, ob er erneut antritt. | Bild: DPA

Deshalb soll diese Personalie unbedingt sitzen, ein Debakel wie 2012 soll vermieden werden. Damals sorgte die umstrittene Nominierung des Werbekaufmanns und Politik-Quereinsteigers Sebastian Turner für tiefe Verwerfungen in der ohnehin als zerstritten geltenden Stuttgarter CDU, die noch immer nachwirken. Turner unterlag im zweiten Wahlgang dem Grünen-Kandidaten Fritz Kuhn. Während bei den Grünen alles andere als eine erneute Kandidatur von Kuhn – der sich am 7. Januar erklären will – überraschend wäre, droht der CDU aber erneut eine schwierige Kandidatenkür.

Im Herbst 2020 sind in Stuttgart OB-Wahlen – ein halbes Jahr vor der Landtagswahl. Das Ergebnis wird als Stimmungsbild gelten.
Im Herbst 2020 sind in Stuttgart OB-Wahlen – ein halbes Jahr vor der Landtagswahl. Das Ergebnis wird als Stimmungsbild gelten. | Bild: Marijan Murat

Eine Findungskommission unter der Leitung des stellvertretenden Kreisvorsitzenden Roland Schmid, in der neben Mitgliedern des Kreisverbands erstmals auch Südwest-CDU- Generalsekretär Manuel Hagel und Bezirkschef Steffen Bilger beratend sitzen, will sich im Dezember zum dritten Mal treffen. Bislang gab es keinen konkreten Ergebnisse, noch nicht einmal ein Kritierienkatalog ist erstellt. „Wir sondieren, führen mit vielen möglichen Kandidaten Gespräche“, sagt Schmid. Ziel sei, spätestens Anfang 2020 Klarheit zu haben, aber man wolle sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen, so Schmid. Ein Parteitag des Kreisverbands soll dann spätestens im März, April 2020 über einen Kandidaten entscheiden. Einen Kriterienkatalog für einen Bewerber gibt es in der Findungskommission aber nicht. „Schließlich geht es um die Persönlichkeit“, erklärt Schmid das „offene Prozedere“.

Der frühere Donaueschinger Oberbürgermeister und heutige Unions-Fraktionsvize im Bundestag, Thorsten Frei, hat bereits abgesagt.
Der frühere Donaueschinger Oberbürgermeister und heutige Unions-Fraktionsvize im Bundestag, Thorsten Frei, hat bereits abgesagt. | Bild: Fröhlich, Jens

Von den Persönlichkeiten, die immer wieder genannt werden, haben aber schon einige abgesagt. Etwa Thorsten Frei, Unions-Fraktionsvize im Bundestag und früherer Oberbürgermeister von Donaueschingen. Oder Fabian Mayer, Stuttgarts Erster Bürgermeister, für viele ein Idealkandidat: Mayer ist Stuttgarter, erst 38 Jahre alt, kultur- und wirtschaftsaffin und ebenso verwaltungserfahren wie smart. Für ihn steht aber die Familie an erster Stelle – mit dem Oberbürgermeisteramt ist das für Mayer nicht vereinbar. „Inzwischen verlässt er den Raum, wenn ihn einer darauf anspricht“, sagt ein Mitglied des Kreisvorstands. Zudem werden die Namen der Rathauschefs Frank Nopper (Backnang), Stephan Neher (Rottenburg) oder Richard Arnold (Schwäbisch Gmünd) genannt – aber alle drei sind aber unlängst erst wiedergewählt worden, was eine Kandidatur eher unwahrscheinlich macht.

Lokales Kandidaten-Trio

Übrig bleiben Namen, die naheliegen. CDU-Gemeinderats-Fraktionschef Alexander Kotz etwa, der sagt: „Selbstverständlich ist es eine tolle Vorstellung, in meiner Heimatstadt Oberbürgermeister zu sein.“ Ihm wird vorgehalten, vor einem Jahr das Amt des Ersten Bürgermeisters mit Verweis auf Unabkömmlichkeit im eigenen Betrieb abgelehnt zu haben – da könne er jetzt schlecht als OB kandidieren, heißt es. Auch die Stuttgarter Bundestagsabgeordneten Stefan Kaufmann – auch Kreisvorsitzender – und Karin Maag gehören zu diesem Kreis. Kaufmann würde wohl gerne, ist aber im eigenen Kreisverband nicht unumstritten. Karin Maag, die auch gerne eine jüngere Frau mit konservativem Profil als Kandidatin sehen würde, sagt zu eigenen Ambitionen: „Mich hat weder offiziell noch inoffiziell jemand gefragt, und ich habe nicht vor, mich selbst ins Spiel zu bringen.“

Immer noch das Maß aller Dinge in Sachen Beliebtheit für einen Stuttgarter Oberbürgermeister: Der 2013 verstorbene, langjährige Rathauschef Manfred Rommel (Aufnahme von 2007).
Immer noch das Maß aller Dinge in Sachen Beliebtheit für einen Stuttgarter Oberbürgermeister: Der 2013 verstorbene, langjährige Rathauschef Manfred Rommel (Aufnahme von 2007). | Bild: Bernd Weissbrod

Dabei gilt Fritz Kuhn der CDU durchaus als schlagbar. Der Rathauschef ist bei den Bürgern der Stadt nicht sonderlich beliebt, 2018 waren laut einer Forsa-Umfrage 56 Prozent unzufrieden mit seiner Arbeit. Zudem wird er bei der Wahl 65 Jahre alt sein; dass er überhaupt noch einmal für eine ganze Amtszeit antreten könnte, verdankt er Regierungschef Winfried Kretschmann, der 2015 die Heraufsetzung der Altersgrenze für Bürgermeister durch die Landesregierung betrieben hat. Eine „Lex Kuhn“, schimpfte damals schon die CDU.

Keiner gönnt es dem anderen

Der Optimismus bei der CDU jedenfalls hält sich in Grenzen. „Uns fehlen einfach die Persönlichkeiten. Stattdessen haben wir lauter Beleidigte, die nicht gefragt werden und es den anderen nicht gönnen würden“, sagt ein Mitglied der Findungskommission.