Herbert Anderer will die Sitzung betont locker einleiten. Schon in der ersten Sitzung machte er klar, dass er angesichts des jugendlichen Alters des Angeklagten eher wie ein Jugendschöffengericht agieren will denn wie ein Staatsschutzsenat. „Wo ist er denn? Er ist hier“, reckt der Vorsitzende Richter des 5. Strafsenats den Hals. Von seinem Platz aus sieht er den 20-Jährigen auf die Schnelle nicht. Samiddin, den viele in amerikanischer Manier Samy nennen, ist von kleinem Wuchs und kaum hinter seinem hünenhaften Verteidiger auszumachen. An seinem Gesicht ist nicht abzulesen, ob er auch froh darüber ist: Er verzieht kaum eine Miene. Das „Staatsschutzverfahren gegen ein mutmaßliches Mitglied des ‚Islamischen Staates‘“ gilt einem Jungen in weiß-türkisem Poloshirt und Longshorts mit Hawaii-Print – als habe er gerade seinen Poolurlaub unterbrochen. Tatsächlich bekam Sami W. aus Waldshut für den dritten Prozesstag unterrichtsfrei – er geht nach Wochen im Zentrum für Psychiatrie in Konstanz-Reichenau wieder in die Schule, sucht Normalität nach einer „Irrsinnsodyssee“ (Richter Anderer).

Im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts indes wird Vergangenheit aufgearbeitet, vor allem die letzten beiden Lebensjahre: Sami W. fliegt im März 2015 nach Bulgarien, erreicht schließlich auf dem Landweg die Türkei und gelangt von dort nach Syrien. Er sei „verdächtig, sich als Mitglied der ausländischen terroristischen Vereinigung ‚Islamischer Staat Irak und Großsyrien‘ (ISIG) angeschlossen zu haben“, wirft ihm die Generalstaatsanwaltschaft vor. „Getragen von einer radikal-islamistischen Einstellung“ habe Sami W. am Bürgerkrieg in Syrien teilnehmen wollen. Die Realität war ernüchternd: Sami merkte sehr schnell, wie der aus Konstanz stammende LKA-Beamte Dominik Regenscheit im Zeugenstand aus ersten Gesprächen nach seiner Rückkehr berichtet, dass der körperliche Drill der IS-Kämpfer nichts für ihn ist. „Mutter, es ging mir nie schlechter, Inschallah, 50 Kilometer vor dem Land der Muslime“, schreibt Sami W. im Chat. „Ich wollte doch nur der psychischen Hölle entkommen!“ Er sei gegangen, um sein „Leben zu retten“ – gemobbt, unverstanden, ausgeschlossen? 20 Tage lang macht er eine „Schusswaffen- und Kampfausbildung“.

Die IS-Ausbilder sehen bald, dass Sami nicht als heroischer Kämpfer taugt. So schildert es Staatsanwalt Steffen Haidinger am ersten Verhandlungstag. Sami wechselt die Gruppe, das Heimweh drückt immer stärker. Der Vater, ein islamischer Konvertit, setzt alles daran, den Sohn wieder an den Hochrhein zu bekommen. Doch der erste Fluchtversuch scheitert. Sami bangt, dass der IS ihm die Hand abhackt. Er flieht in ein von der kurdischen YPG (Yekineyen Parasina Gel – Kurdische Volksverteidigungseinheiten in Nordsyrien) kontrolliertes Gebiet, wird von den Peschmerga festgenommen, Ende Juli 2015 inhaftieren ihn die türkischen Behörden und liefern ihn aus. Nun will Deutschland wissen: Ist dieser Sami ein IS-Terrorist? Ist er eine Gefahr?

Im Prozess werden in zermürbender Sorgfalt Chatverläufe, private Videofilme des Vaters und SMS-Verkehr rezitiert oder eingespielt. Die Familie verzweifelt nach Samis Ausreise zunehmend, die Schwester soll ständig die aufgelöste Mutter beruhigen, der Vater wendet sich in „konspirativer Gesprächsführung“ schließlich an Schleuser. 20 000 Euro gibt er aus, will Sami notfalls gegen seinen Willen holen, bevor der IS Gehirnwäsche über Drogen betreibt. „Er will um jeden Preis seine Mama sehen“, schreibt ein Mittelsmann dem Vater am 4. April 2015. „Seine Mama ist das Wichtigste.“ Mehrere Geldüberweisungen scheitern, die Transfers über Western Union müssen gestückelt sein. „Papa, wann holen die mich?“, fragt Sami ein ums andere Mal. Die Bildzeitung textete erbarmungslos „Vom IS-Kämpfer zum Jammerlappen“.

Ein Häufchen Elend

Wer im Saal 4 auf die Anklagebank blickt, spürt bald, dass für Häme in diesem Verfahren kein Platz ist: Da sitzt ein Häufchen Elend. Am Freitag will Samis Mutter aussagen. Zeuge Regenscheit deutet an, dass Sami durch die streng gläubige Muslimin und Anhängerin des Salafisten-Predigers Pierre Vogel („hat sehr schön geredet“) früh radikalisiert worden sein könnte. Sie soll den Sohn mit IS-Propagandamaterial versorgt haben, Debatten über den IS waren in der Familie gang und gäbe. Der Senat hat Termine bis 23. Dezember festgelegt. Strafverteidiger Walter Venedey findet, so viele Termine würden wohl nicht nötig sein. Das Gericht habe ziemlich tiefe Einblicke in den aktuellen und damaligen psychischen Zustand des Angeklagten nehmen können. Der Vorsitzende Richter nährte die Hoffnung, dass Sami aus Waldshut Gefängnis erspart bleiben könnte.

In Gottes Namen: Vom Südwesten in den Nahen Osten

  • Samy W. ist nur einer von rund 50 Menschen, die – soweit den Staatsschützern bekannt – bisher aus Baden-Württemberg in die Kriegsgebiete der Terrormiliz IS nach Syrien oder Irak ausgereist sind. Rund zwei Drittel sind deutsche Staatsbürger.
  • Für großes Aufsehen hatte der Fall der minderjährigen Sarah O. aus Konstanz gesorgt. Im Oktober 2013 hatte sie sich nach Syrien abgesetzt – mit gerade einmal 16 Jahren. Der Vater ist Algerier, die Mutter Deutsche. Sarah war Schülerin des Konstanzer Humboldt-Gymnasiums. Die Eltern melden ihre Tochter vermisst. Inzwischen hält die Konstanzer Polizei den Vermisstenstatus nicht mehr aufrecht. Die junge Frau sei inzwischen volljährig und halte sich immer noch in Syrien auf, bestätigt die Polizei dieser Zeitung.
  • Ein weiterer IS-Reisender aus der Region ist Silvio K. In vielen Medien wurde er als „Essener Salafist“ bezeichnet, doch seine Kindheit und Jugend verbrachte Silvio am Bodensee im Raum Friedrichshafen. Er ging auf die Jörg-Zürn-Gewerbeschule in Überlingen, ehe es ihn ins Ruhrgebiet zog. Silvio K. wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Als er zu Anschlägen auf den amerikanischen Fliegerhorst in Büchel aufruft, gerät er ins Visier der Amerikaner.
  • Er war Thaibox-Champion und starb in Syrien: Der Singener Valdet Gashi bezahlte für seine Begeisterung für den IS mit dem Leben. Die Umstände seines Todes sind ungewiss. Die einen sagen, er starb bei einem Luftangriff der Amerikaner. Andere gehen davon aus, dass der IS selbst ihn tötete. Er hinterließ in Singen eine Frau und zwei Kinder. (huf/gar)

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