Das Corona-Virus hat Baden-Württemberg erreicht, die Menschen sind verunsichert. Die Drogeriemärkte beobachten steigende Verkaufszahlen bei Desinfektionsmitteln in Form von Sprays, Tüchern oder Gels, wie eine Nachfrage des SÜDKURIER bei den Drogeriemärkten dm, Rossmann und Müller bestätigt.

Ein Mundschutz von dm sei derzeit nicht mehr verfügbar, sagt Kerstin Erbe, dm-Geschäftsführerin verantwortlich für das Ressort Produktmanagement. Michael Cramer, der für den Drogeriemarkt Müller Hygieneartikel zuliefert, will nicht ausschließen, „dass es in den nächsten Tagen zu Engpässen kommen kann“. Viele Menschen wollen sich mit Hygieneartikeln eindecken.

Doch wie wirksam sind diese Mittel überhaupt, um sich vor dem Corona-Virus zu schützen? Wir haben mit einem Experten gesprochen. Ernst Tabori ist ärztlicher Direktor beim Deutschen Beratungszentrum für Hygiene mit Sitz in Freiburg.

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Herr Tabori, wie sinnvoll ist es, mit Desinfektionsmittel die Hände zu reinigen?

Im normalen häuslichen Alltag eines Nichtinfizierten oder Angeschlagenen brauchen wir Desinfektionsmittel nicht. Wir brauchen Wasser und Seife, was wir ohnehin haben. Das ist notwendig, unabhängig von Corona – weil es auch Grippeviren gibt und ganzjährig andere Keime in unserer Umgebung sind, die uns krank machen können. Händewaschen ist deshalb das stets Entscheidende. Desinfektionsmittel brauchen wir im häuslichen Alltag normalerweise nicht, es sei denn, man ist unterwegs – zum Beispiel an Orten ohne gute hygienische Bedingungen und kann sich nicht die Hände waschen oder jemand geht auf Reisen in Ländern mit schlechter Hygiene.

Machen Desinfektionsmittel die Hände überhaupt sauber?

Nein. Schmutzige Hände werden durch Desinfektionsmittel nicht sauber. Wenn die Hände wirklich dreckig sind, sorgen sie tatsächlich nur für desinfizierten Dreck. Bei Schmierölresten an den Händen, wenn man die Fahrradkette angefasst hat oder aus der Werkstatt kommt, würde man ja auch nicht darauf kommen, die Hände mit Desinfektionsmittel einzureiben, sondern sie einfach waschen.

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Wenn Menschen doch ein Desinfektionsmittel benutzen wollen, welches empfiehlt sich dann?

Handdesinfektionsmittel auf Alkoholbasis sind Mittel der Wahl. Desinfektionsmittel für die Toiletten oder andere Oberflächen brauchen wir im Haushalt generell nicht.

Wie ist das im Krankenhaus?

Da ist es natürlich etwas anderes. Das Robert Koch-Institut empfiehlt für Kliniken im Falle SARS-CoV-2 ein sogenanntes begrenzt viruzides Desinfektionsmittel zu verwenden.

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Was heißt das, begrenzt viruzid?

Es gibt Viren, die hartnäckiger sind als andere. Anders, als man vermuten würde, sind Viren ohne Hülle meist schwieriger zu inaktivieren als solche mit Hülle. Das Corona-Virus hat eine Hülle, während das bekannte Norovirus keine Hülle hat. Die Hülle besteht aus Bausteinen, die Desinfektionsmitteln Möglichkeiten bieten, anzugreifen. Wenn nur das genetische Material des Virus vorhanden ist, gibt es entsprechend weniger Angriffsfläche.

Bekommt man solche begrenzt viruziden Desinfektionsmittel im normalen Drogeriemarkt überhaupt?

Was man dort bekommt, sind meist Handdesinfektionsmittel, die in der Regel begrenzt viruzid sind.

Wie sollte man sie einsetzen?

Wenn man wie beschrieben keine Möglichkeit hat, sich die Hände zu waschen. Was nicht notwendig ist, ist, das Desinfektionsmittel nach dem Händewaschen noch zusätzlich einzusetzen. Ebenso wenig ist es in meinen Augen eine Alternative, wenn ich von der Toilette komme, auf das Händewaschen zu verzichten, dann aber statt dessen das Mittel zu verwenden. Denn mit Seife und Wasser sind die Viren abgewaschen – dazu braucht die Seife kein Desinfektionsmittel enthalten.

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Verstehen Sie die Angst der Menschen und die Hamsterkäufe von Desinfektionsmitteln?

Angst und Panik sind schlechte Ratgeber. Dass Menschen beunruhigt sind, ist nachvollziehbar. Aber trotz der Tatsache, dass das Corona-Virus näher gekommen ist und die Wahrscheinlichkeit eine Stufe höher geklettert ist, sich anzustecken, ist es nicht so, dass wir alle gleichermaßen stark gefährdet sind. Außerdem bedeutet selbst eine Infektion mit dem Virus ja nicht gleich, dass man schwer krank werden muss oder gar ein Todesurteil. Wir müssen bei SARS-CoV-2 die Kirche im Dorf lassen. Bei den allermeisten, heißt über 80 Prozent der Infizierten, verläuft sie symptomarm bis symptomlos. Das heißt, diese spüren nicht mehr als bei gewöhnlichen Winterzeitinfektionen.

Wie gefährlich ist der Virus wirklich?

Soviel wir wissen, entwickeln vor allem Menschen mit eingeschränkter Abwehrlage, also mit Vorerkrankungen oder höherem Alter stärker oder schwere Symptome. Das ist auch bei anderen Erregern so, dass sie bei angeschlagenen Menschen mehr Schaden anrichten als bei jungen gesunden. Nur etwa zwei Prozent der Menschen sterben an der Infektion. Und diese Zahl basiert auf den bekannt gewordene Fällen der Infizierten. Während die Todesfälle relativ gut erfasst sind, kennen wir die wirkliche Zahl der Infizierten noch nicht genau. Sehr wahrscheinlich wurden viel mehr Menschen infiziert. Die tatsächliche Zahl werden wir wohl erst viel später erfahren. Ich erwarte, dass die aktuelle vermutete Sterberate dann deutlich kleiner ausfallen wird.

Ist die Panik gerechtfertigt?

Nein. Panik ist nicht angesagt. Wir haben ein Infektionsgeschehen und einen Erreger, die in Teilen dem der Grippe ähnelt. Da hat heute auch niemand Panik, sonst würden sich nicht so wenige gegen die Grippe impfen lassen, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass man sich mit dem Influenza-Virus infiziert, um ein wesentliches höher liegt als beim Corona-Virus. Die Unsicherheit bei dem neuen Coronavirus, kommt vor allem daher, dass er neu ist und man ihn bislang noch nicht richtig einschätzen kann.