Stuttgart – Der Stuttgarter Stadtrat Hannes Rockenbauch brauchte nur wenige Minuten, um sich am Dienstagabend nach der Verwaltungsratssitzung der Württembergischen Staatstheater in Stuttgart via Facebook zu Wort zu melden. Er sei „am Boden zerstört“, vermeldete Rockenbauch, der für die linke SÖS-Fraktion im Verwaltungsrat sitzt, nach der „aufwühlenden Sitzung“.

Intensive Diskussionen

Zeitgleich präsentierte Wissenschaftsministerin und Verwaltungsratsvorsitzende Theresia Bauer (Grüne) Seite an Seite mit dem Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn und der versammelten Intendantenriege der Staatstheater der Presse am späten Abend den Vorschlag zur Sanierung der Stuttgarter Oper samt Kostenkalkulation in Höhe von rund einer Milliarde Euro.

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Es habe eine „intensive Diskussion“ im Verwaltungsrat gegeben, räumte Bauer ein. Von der künstlerischen Leistung der Staatstheater wurde der Vorschlag unterdessen postitiv bewertet. „Ich habe ihn als Befreiung empfunden“, so der geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks.

Stadtrat kritisiert „Denkverbote“

Rockenbauch machte derweil aus seiner Ablehnung keinen Hehl: „Seit mehreren Jahren fordere ich städtebauliche Alternativen“, teilte er mit, „und heute gab es wieder keine. Diese Denkverbote, über Alternativen ernsthaft nachzudenken, das erinnert mich alles an den Beginn von Stuttgart 21!“

Wieland Backes : „An Bürgern vorbei“

Rockenbauchs Äußerung war damit die erste in einer Reihe von kritischen Stimmen, die sich am Mittwoch in der Landeshauptstadt ebenfalls zu Wort meldeten. Allen voran die Bürgerinitiative „Aufbruch Stuttgart“ um den prominenten früheren „Nachtcafé“-Moderator Wieland Backes. Die sei „eine Entscheidung an den Bürgern vorbei, und dies bei einem der wichtigsten und teuersten Großprojekte der letzten Jahre“, bezog der „Aufbruch“ Stellung. Die Initiative hat selbst Pläne für den Bau einer neuen Opernspielstätte und eine weniger umfangreiche Sanierung des denkmalgeschützten Littmann-Baus vorangetrieben. „Aufbruch“-Sprecher Backes fordert nun aufgrund der „unanständig hohen Kosten“ des Vorschlags eine Bürgerbefragung. Das fordert auch der Bund der Steuerzahler. „Das hat bei Stuttgart 21 auch zu einer Befriedung geführt“, sagte der Landesvorsitzende Zenon Bilaniuk.

Sanierungsfall: Marc-Oliver Hendriks, geschäftsführender Intendant der Staatstheater Stuttgart, im Opernhaus vor einer mit Stahlträgern abgestützten Betonwand.
Sanierungsfall: Marc-Oliver Hendriks, geschäftsführender Intendant der Staatstheater Stuttgart, im Opernhaus vor einer mit Stahlträgern abgestützten Betonwand. | Bild: Bernd Weissbrod

Nach den vorgelegten Plänen könnte die Sanierung und Erweiterung der Stuttgarter Oper insgesamt rund Milliarde Euro kosten. Dafür beinhalte die „grobe Kostenkalkulation“ mit einem Korridor von 740 bis 960 Millionen Euro Art Risikopuffer für Baupreissteigerungen, erläuterte Finanz-Staatssekretärin Gisela Splett. Dazu kommen Kosten für das Interimsgebäude, in das Oper und Ballett während der Bauzeit ausweichen sollen.

„Nicht mehr billig einschleichen“

Wissenschaftsministerin Bauer nannte die Opernsanierung ein „Jahrhundertprojekt“. „Wir sind jetzt soweit, Farbe bekennen zu müssen. Die Zeit ist reif“, sagte Bauer. Sie räumte ein, dass die Kostenkalkulation respekteinflößend sei. „Aber wir hören auf mit der Politik früherer Jahre, sich billig in ein Projekt einzuschleichen und dann Stück für Stück nachzulegen“, verteidigte sie die Pläne. „Dieser Weg ist ehrlicher“, sagte Bauer.

Der Verwaltungsrat der Staatstheater soll nun bei seiner nächsten Sitzung im März 2020 über den Vorschlag entscheiden. Danach müssen der Stuttgarter Gemeinderat und der Landtag grünes Licht geben – Stadt und Land tragen die Kosten je zur Hälfte. Der Stuttgarter Opernintendant Viktor Schoner wünscht sich für die zu erwartende Diskussion der kommenden Monate unterdessen vor allem eins: „Dass die Verantwortlichen nicht zermalmt werden“, sagte er.