Typisch Fritz Kuhn, mal wieder. Als der Stuttgarter Oberbürgermeister an diesem Dienstagvormittag, exakt sieben Jahre nach seiner Amtseinführung als erster grüner Rathauschef einer Landeshauptstadt, vor die Presse tritt, rechnet kaum einer mit einer Überraschung. Es gilt eigentlich als ausgemacht, dass Kuhn, dann 65 Jahre alt, im November in Stuttgart für eine zweite Amtszeit antreten wird.

Bild: Christoph Schmidt

Dass der grüne Politik-Stratege bei den Bürgern als nicht übermäßig nahbar und beliebt gilt und auch Parteigenossen mutigere grüne Politik einforderten – geschenkt. Von Gegenwind hat sich Kuhn in seiner Selbsteinschätzung ohnehin noch nie beirren lassen.

Nüchterne persönliche Entscheidung

Und dann überrascht er sie doch alle. „Aus persönlichen Gründen“, verkündet Kuhn ohne sichtbare Emotion, habe er sich entschieden, nicht noch einmal anzutreten. Das Amt habe ihn sehr erfüllt, er habe keinen Tag bereut und die Entscheidung, die er gemeinsam mit seiner Frau über den Jahreswechsel gefällt habe, sei ihm nicht leicht gefallen. „Nach einer zweiten Amtszeit wäre ich 73 Jahre alt, und da stellt sich schon die Frage, ob man nicht noch etwas anderes machen will“, sagt Kuhn.

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„Ich bin nicht zu 100 Prozent sicher gewesen, ob ich der Stadt glaubwürdig versprechen kann, das Amt noch acht Jahre so auszuführen, dass es meinen eigenen Ansprüchen genügt“, sagt er. Ein typischer Kuhn-Satz. Für ihn sind seine eigenen Ansprüche der Maßstab. Nicht die der anderen.

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Nicht in Frage gekommen sei aber, noch einmal anzutreten, um zur Halbzeit auszusteigen. „Davon halte ich gar nichts, das ist für mich ein Glaubwürdigkeitsversprechen“, sagt er. Andere Faktoren außer persönlichen Gründen gebe es nicht, auch nicht taktische Überlegungen, ob es vielleicht nicht gereicht hätte für eine Wiederwahl. „Furchtlos und frei“, sagt Kuhn, so sei die Entscheidung gefallen. „Das wird aber nicht das Ende des grünen Homo Politicus Fritz Kuhn sein“, sagt er.

Stuttgarts OB Fritz Kuhn volksnah beim Faßanstich auf dem Cannstatter Volksfest (oben) und beim Jubiläums-Festumzug in einer Kutsche.
Stuttgarts OB Fritz Kuhn volksnah beim Faßanstich auf dem Cannstatter Volksfest (oben) und beim Jubiläums-Festumzug in einer Kutsche. | Bild: Sebastian Gollnow

Als Auslaufmodell will er das kommende Jahr jedenfalls nicht gelten. „Eine ‚lame duck‘ werde ich nicht sein, die Ente wird nicht lahm“. Kuhn kündigt an, was er noch anschieben will: die Umsetzung des gerade beschlossenen Klimaschutzpakets, die Opernsanierung, ein neues Pflegeplatzkonzept für die Stadt.

Kretschmann ist deutlich älter – und tritt erneut an

Und dennoch: Er, noch keine 65 Jahre, zieht sich zurück, der sieben Jahre ältere grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann tritt bei der Landtagswahl 2021 noch einmal an? „Das ist seine Entscheidung, und ich fälle meine. Beides steht in keinem Zusammenhang, c‘est la vie“, sagt Kuhn. Kretschmann meldet sich selbst später zu Wort. „Die Entscheidung von Fritz Kuhn, nicht mehr anzutreten, hat alle überrascht, mich auch. Selbstverständlich respektiere ich seinen Beschluss“, lobt Kretschmann Kuhns Bilanz, fügt aber an: „Ich persönlich finde, 64 ist noch kein Alter. Wir sind eben zu unterschiedlichen Entscheidungen gekommen.“

„Paukenschlag“ für die Grünen

Die Bedeutung der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart ein halbes Jahr vor der nächsten Landtagswahl in Baden-Württemberg ist indes nicht zu unterschätzen: Sie gilt als wichtiger Seismograph für die politische Stimmung im Land und die Frage, ob die Klimadebatte die Grünen und Kretschmann weiter in der Erfolgsspur hält.

Einen „Paukenschlag“ nennt denn auch der grüne Kreisvorsitzende Mark Breitenbücher die Entscheidung. „Wir hätten uns gefreut, wenn er weitergemacht hätte. Aber wir freuen uns auch über Amtsträger, die man nicht aus dem Amt tragen muss“, sagt Breitenbücher.

Landtagspräsidentin Muhterem Aras gilt als aussichtsreiche Option – die Stuttgarter Grüne ist beliebt und erfahren in Kommunalpolitik.
Landtagspräsidentin Muhterem Aras gilt als aussichtsreiche Option – die Stuttgarter Grüne ist beliebt und erfahren in Kommunalpolitik.

In der Stadt richten sich nun alle Augen auf Landtagspräsidentin Muhterem Aras. Die frühere Gemeinderats-Fraktionschefin der Grünen kann Kommunales, kommt aus dem Herzen der Stadt. Als Stimmenkönigin holte sie ein Direktmandat für den Landtag. Dort ist sie als Landtagspräsidentin jedoch unablässig Angriffen aus Reihen der AfD ausgesetzt.

Gut möglich, dass sie dem Werben nachkommen würde, als erste Frau den OB-Sessel anzustreben. „Mich hat Kuhns Entscheidung überrascht“, sagt Aras gestern. Dass auch sie selbst in den Blick gerate in der Frage einer OB-Kandidatur für Stuttgart, sei ihr bewusst, teilt sie mit – und lässt Weiteres offen.

Könnte Boris Palmer passen?

Auch dem streitbaren Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer wird vielfach das fachliche Format für Kuhns Nachfolge zugetraut. Aber dass es menschlich passen würde zwischen dem Flüchtlingspolitik-Hardliner und der traditionell weltoffenen Landeshauptstadt, wird stark bezweifelt. „Ich weiß davon auch erst seit heute und habe mir noch keine Gedanken gemacht“, sagt Palmer am Dienstag auf Anfrage.

Sollte er bis Monatsende nichts aus Stuttgart hören, kann sich Palmer getrost weiter dem Klimaschutzprogramm für Tübingen widmen, an dem er aktuell arbeitet. Bis dahin wollen die Stuttgarter Grünen einen prominenten Namen für die OB-Wahl präsentiert haben. Bang ist ihnen nicht davor – schon eher dem politischen Gegner. Noch ringen CDU und SPD jeweils um einen namhaften Kandidaten mit entsprechendem Profil und Siegchancen.

Marian Schreier setzt auf Generationswechsel

Marian Schreier, Bürgermeister von Tengen, dessen erklärte Absicht, für die SPD in Stuttgart anzutreten, dort nicht auf Gegenliebe stößt, sagt zum SÜDKURIER: „Fritz Kuhns Entscheidung und sein langjähriges Engagement für unser Gemeinwesen verdienen Respekt. Zugleich bin ich davon überzeugt: Die Zeit ist reif für einen echten Generationswechsel an der Spitze der Landeshauptstadt.“ Zur Frage seiner eigenen Kandidatur werde er sich in Kürze äußern, so Schreier weiter.