Franziska W. hatte ihn als Engel beschrieben. Muhamad M. soll ihr aus dem Gebüsch geholfen haben, in dem sie in jener Nacht Mitte Oktober von mindestens elf Männern vergewaltigt wurde, wie es in der Anklage gegen die Tatverdächtigen heißt. Der junge Muhamad hatte Franziska auf einen nahegelegenen Parkplatz begleitet, war mit ihr später zurück in die Stadt gegangen und hatte ihr Unterschlupf für die restliche Nacht in seinem Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft gewährt, während er selbst auf dem Boden schlief.

Doch Muhamad M. hat schon einiges auf dem Kerbholz – wie mehrere seiner Mitangeklagten. Der Prozess um die Freiburger Gruppenvergewaltigung, die sich damals nur wenige Meter vom Eingangstor des Technoclubs Hans-Bunte-Areal im Freiburger Industriegebiet abgespielt hat, wird nach der Sommerpause fortgesetzt. Es ist Tag elf im Mammutprozess, in dem mehr als 50 Zeugen gehört werden sollen, und der bis ins neue Jahr andauern wird. Richter Stefan Bürgelin verliest die Vorstrafen von mehreren der elf Angeklagten. Die Liste ist lang.

Eine Frau massiv bedroht

Der junge Syrer, der fast noch minderjährig wirkt, schaut, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun, hat auf offener Straße eine Frau massiv beleidigt und bedroht: „Du schwarze Hure, ich fick‘ dich“, hat er ihr zugerufen. Einfach so. Im Flüchtlingsheim, wo er Franziska W. sein Bett überließ, hatte Muhamad M. einen Mann so brutal zu Boden gestoßen, dass dieser eine Platzwunde erlitt. Einen anderen mit der Faust geschlagen. Sich gegen Polizeibeamte so massiv gewehrt, dass er von drei Einsatzkräften am Boden fixiert werden musste. Ein Engel, wie ihn Franziska in jener Nacht beschrieben hatte?

Eine Justizbeamtin nickt auf ihrem Stuhl ein – sie ist eine von vielen, die den Mammutprozess am Landgericht begleiten, die die Männer aus der U-Haft aus Gefängnissen in ganz Baden-Württemberg in den frühen Morgenstunden nach Freiburg bringen und bewachen. Die monotone Stimme des Richters klingt durch den Lautsprecher. Da ist die Rede von Diebstahl, Raub, Drogen, Hehlerei bis hin zu Körperverletzung.

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So wie bei Ahmed A.: Da sind es sieben Einträge im polizeilichen Führungszeugnis. Das geringste seiner Vergehen war das Fahren ohne Fahrerlaubnis mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das schlimmste: Körperverletzung. Der Syrer hatte gemeinsam mit zwei anderen einen Mann verprügelt. Er stahl teure Sportklamotten und billige Lebensmittel, beging Sachbeschädigung und gemeinschaftlichen Diebstahl. Er bekam eine Haftstrafe von acht Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Timo B., Deutscher, hat sogar zehn Einträge. Der 26-Jährige lächelt ein wenig verwegen, als seine Vorstrafen verlesen werden. Fast so, als wäre er ein bisschen stolz auf das, was er getan hat. Es ist jener junge Mann, der als Zwölfjähriger ins Heim kam, weil seine Mutter drogenabhängig war. Der die klassische Karriere eines Kleinkriminellen begann, sich die Zukunft verbaute – mit System. Er hat Sachbeschädigung begangen, Drogen gekauft, andere abgezogen.

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Er saß eine Haftstrafe ab – 14 Monate, wegen Körperverletzung und Raub. Er hat unter anderem Smartphones gestohlen, aber auch Füller, Kugelschreiber – sinnlosen Kleinkram. Er hat Menschen bedroht – „du weißt, ich habe Möglichkeiten, Waffen zu besorgen“, hat er gesagt. Timo B. mit dem verschmitzten, schüchtern Lächeln ist nicht so unbedarft, wie er tut.

Bittere Wahrheiten über die Angeklagten

Die zweite Phase des Mammutprozesses beginnt mit bitteren Wahrheiten über die Angeklagten. Männer, die immer noch behaupten, diese Frau habe gewollt, was mit ihr geschehen ist – oder die Aussage ganz verweigern. Am nächsten Verhandlungstag ist unter anderem die Aussage von Timo B.‚s Verlobter geplant: Die Frau, die ihn in den Club begleitet hatte und dort zurückblieb, während er Franziska W. zum Oralverkehr gezwungen haben soll, draußen im Gebüsch.

Der Deutsche behauptet im Prozess, sie habe sich ihm aufgedrängt. Er hat ein schlechtes Gewissen, sagte er dem Richter zum Prozessauftakt. Aber nicht wegen der damals 18-Jährigen, die da im Gebüsch zurückblieb. Sondern weil er seine Freundin betrogen hatte.