Cem Özdemir hat gute Laune und einen frischen Haarschnitt, als er aus der S-Bahn in Echterdingen bei Stuttgart steigt. Vorbei sind die Zeiten der markanten langen Koteletten Özdemirs, die grauen Schläfen sind kurzgeschoren. Özdemir kommt gerade von Edwin, seinem Frisör im Stuttgarter Westen, mitten in seinem Bundestagswahlkreis. Edwin bindet ihm stets den Umhang mit dem Logo des VfB Stuttgart um, geredet wird nur über Fußball. Der VfB sucht zurzeit einen neuen Präsidenten, und unter dem Hashtag #CemForPresident brachten Fans auch den glühenden VfB-Fan Özdemir ins Gespräch. Doch der hat eine andere Kandidatur vor der Brust.

Cem Özdemir will zurück in die erste Reihe der Bundespolitik. Am kommenden Dienstag wählt die grüne Bundestagsfraktion ihr neues Vorsitzenden-Duo. Niemand rechnete mit Konkurrenz zu dem erneut antretenden Führungs-Pärchen Anton Hofreiter und Katrin Göring-Eckardt – bis Özdemir vor zwei Wochen seine Kandidatur erklärte, im Team mit einer weitgehend unbekannten Bremer Bundestagsabgeordneten. Der Aufruhr in Fraktion und Partei war groß.

Die Grünen-Politiker Katrin Göring-Eckardt (links), Cem Özdemir und Kirsten Kappert-Gonther. Özdemir bewirbt sich mit Kappert-Gonther um den Fraktionsvorsitz.
Die Grünen-Politiker Katrin Göring-Eckardt (links), Cem Özdemir und Kirsten Kappert-Gonther. Özdemir bewirbt sich mit Kappert-Gonther um den Fraktionsvorsitz. | Bild: Kay Nietfeld

Denn Özdemir gilt in der Südwest-Partei zwar als beliebt, im Bund aber scheiden sich bei den Grünen die Geister an ihm. Seine politische Karriere weist unschöne Dellen auf. Einst Überflieger der Grünen, schon 1994 in den Bundestag gewählt, stolperte er 2002 über eine Bonusmeilen-Affäre und tauchte ins EU-Parlament ab. Ohne Bundestagsmandat schaffte er es in einem Comeback 2008 zum Bundesvorsitzenden und blieb bislang in der Partei unerreichte zehn Jahre in diesem Amt. Obwohl anerkanntes Wahlkampf-Zugpferd der Grünen, machte er sich als Parteichef nicht nur Freunde. Zu wenig teamfähig, zu sehr an Karriere und Amt interessiert, so die Kritik.

Anerkennung durch Sacharbeit erworben

Dennoch: In den Jamaika-Verhandlungen nach der Bundestagswahl 2017 war Özdemir führend bei den Grünen und schien auf dem Weg ins Außenamt als Höhepunkt seiner Karriere – doch nach deren Scheitern fand sich 2018 kein Spitzenamt mehr für ihn. Seitdem macht er im Bundestag Sachpolitik als Vorsitzender des Verkehrsausschusses. „Das hätten ihm wenige so konsequent zugetraut, er hat sich nicht mehr eingemischt, sondern ist bei seinen Themen geblieben“, sagt anerkennend einer aus der 13-köpfigen grünen Südwest-Landesgruppe.

Den lange geplanten Bürger-Gesprächsabend in Echterdingen mit Matthias Gastel, dem örtlichen grünen Bundestagsabgeordneten, wollte Özdemir trotz der anstehenden Fraktionsentscheidung in Berlin nicht absagen. Gastel und Özdemir kennen sich seit Studientagen, jetzt arbeiten sie sich im Verkehrsausschuss vor allem an CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer ab.

Cem Özdemir (links) und Matthias Gastel beim Bürgergespräch in Echterdingen bei Stuttgart.
Cem Özdemir (links) und Matthias Gastel beim Bürgergespräch in Echterdingen bei Stuttgart. | Bild: Büro Cem Özdemir

Gastel hat in all den Jahren an Özdemir eine Entwicklung bemerkt. „Er hört mehr zu, ist reflektierter, bezieht auch andere Meinungen mit ein“, sagt Gastel. Er hat festgestellt, dass viele Vorbehalte gegen Özdemir aus früheren Zeiten stammen, während neue Fraktionsmitglieder sich positiv über ihn äußerten. „Wer mit ihm arbeitet, tut es gerne“, sagt Gastel. Das war nicht immer so.

Doch an diesem Abend in Echterdingen spielt Özdemirs Zukunft in Berlin keine Rolle. Auch nicht die Frage, ob er sich einen Wechsel aus der Bundes- in die Landespolitik vorstellen könnte, um eines Tages Winfried Kretschmann nachzufolgen. Die beiden sind eng miteinander vertraut.

Zwei, die sich nahestehen: Cem Özdemir und Winfried Kretschmann.
Zwei, die sich nahestehen: Cem Özdemir und Winfried Kretschmann. | Bild: Sebastian Gollnow

Die Menschen sind gekommen, um Özdemir einmal live zu erleben statt auf dem TV-Schirm wie neulich bei Anne Will, als er sich mit Andreas Scheuer zoffte. Und er bleibt nichts schuldig. Er spricht breites Schwäbisch, geißelt die GroKo und die Verkehrspolitik, ist bissig, wortgewandt und ironisch. Wie so oft kokettiert er mit seiner Identität als gebürtiger Schwabe mit anatolischen Wurzeln. „Ich heiße halt nicht Hans oder Dieter, sondern habe so einen Ützelbrützel-Vornamen“ sagt er und erntet Lacher.

Auf rechtsextremer Feindesliste geführt

Ernst und leidenschaftlich wird er, wenn es um Meinungs- und Pressefreiheit und Menschenrechte geht, um seinen Kampf gegen die AfD, die Rechten und das Erdogan-Regime in der Türkei. Das hat ihm Personenschutz bei öffentlichen Auftritten eingebacht. Das Bundeskriminalamt teilte ihm erst vor Kurzem mit, dass er auf einer sogenannten Feindesliste rechtsextremer Kreise geführt werde.

Tief bewegt von Unterstützung

Özdemir spricht von Dankbarkeit und seiner Bereitschaft, für das Land zu kämpfen, das ihm seinen bisherigen Lebensweg ermöglicht hat. Für seine Bundestagsrede im Februar 2018, die mit der AfD abrechnete, wurde er mehrfach ausgezeichnet. Es scheint, als habe er mit 53 Jahren sein großes politisches Thema gefunden. „Die nächsten Jahre werden bockelhart“ sagte er jüngst in einem Interview. Er will den Kampf aufnehmen. Dass ausgerechnet ihm, dem Sohn türkischer Einwanderer, nach seiner Bundestagsrede gegen die AfD hartgesottene VfB-Fans im Stuttgarter Stadion Glückwünsche und Unterstützung zuriefen, erzählt er in Echterdingen, habe ihn zutiefst berührt. „Daran werde ich noch auf meinem Sterbebett denken“, sagt Özdemir.