In der Politik gibt es harte und weiche Themen. Bei den harten geht es um Straßenbau und Lehrerstellen, also um Fakten, Geld und Einfluss. Die weichen Themen fassen ans Herz. Sie berühren, auch wenn der Betroffene am Monatsende keinen Euro weniger im Geldbeutel hat. Winfried Kretschmann hat ein solches Feld aufgetan. Er will den Dialekt in Zukunft stärker fördern. Dem bekennenden Sigmaringer bedeuten die vielen Mundarten mit ihren haarfeinen Unterschieden auch kulturelle Vielfalt.

Wohl wahr: Es gibt eine einzige deutsche Hochsprache, auf den Weg gebracht durch Martin Luthers schöpferische und maßstäbliche Übersetzung der Bibel. Sie setzte erste sprachliche Standards. Heute ist es das Tagesschau-Deutsch, ein Klassiker.

Von Dorf zu Dorf anders

Den Dialekt dagegen gibt es nur im Plural. In Baden-Württemberg breiten sich unter dem Dach des Alemannischen zahlreiche schwäbische und badische örtliche Mundarten aus. Oft unterscheiden sie sich von Dorf zu Dorf. Dazu kommt das Hohenlohische im Norden und – als Delikatesse – Kurpfälzisch. Der Südwesten ist eine wortreiche Landschaft. Die schweiznahen Lörracher reden anders daher als die Älbler. Dialekte bieten einen Artenreichtum, der schon als Selbstzweck schützenswert ist. Nicht nur bestimmte Insekten sind vom Aussterben bedroht – auch die Grob- und Feinheiten der Dialekte werden zunehmend gehobelt, um deren Benutzer durch die Hochsprache zu beglücken. Dabei geht es mit Dialekten wie mit fleißigen Bienenvölkern: Wehe, wenn sie nicht mehr um den Bienenstock summen. Dann beklagt man ihren Verlust.

Reden oder Schwätzen?

Auch die Vorgänger von Winfried Kretschmann waren schnell als Landeskinder erkennbar. Aus Hans Filbinger sprach Sasbach in der Ortenau. Günter Oettingers Brachial-Schwäbisch beschäftigt sogar die Kabarettisten, da dieser CDU-Mann nicht den gehobenen Kanzlei-Ton beherrschte wie ein Kurt Georg Kiesinger. Kretschmann ist der erste Landesvater, der den Dialekt in die politische Mitte holt. Sein Ruf soll gepflegt werden. Er ist ebenbürtig. Es gibt Sachen, die ein Dialekt besser auf den Punkt bringt, zum Beispiel Gefühle, Schimpfen, Essen und Trinken. Anderes leistet die Hochsprache besser. Die Funktionsweise eines Atomkraftwerks kann auf Hochdeutsch besser erklärt werden.

Wie sieht es langfristig aus?

Die Frage ist allerdings, ob die Mundart langfristig eine Chance hat. Das Hochdeutsch hat mit der Einführung des Fernsehens seinen Siegeszug fortgesetzt. Selbst auf dem Dorf spricht die Erzieherin mit ihren Zöglingen, sie schwätzt also nicht mehr. Mit deren Eltern kommunziert sie. Die elektronischen Medien erledigen den Rest. Natürlich gibt es noch SWR-gepflegte Nischen wie "Hannes und der Bürgermeister" – aber schon fast als nostalgisches Sonderprogramm zur Erheiterung der Landbevölkerung. Schon den sogenannten regionalen Tatorten geht die Puste aus. Der ehemalige Bodensee-Tatort war ein akustisches Trauerspiel mit einer landesfremden und lustlosen Kommissarin.

Lodenjacke reicht nicht

Verheerend wirkte sich die Emanzipations-Pädagogik der 70er Jahre aus. Sie redete den Schülern ein, dass sie unbedingt auf Hochdeutsch umsatteln müssen, wenn sie ernst genommen werden wollen. Der massive Druck wirkte langfristig. Das sogenannte gehobene Deutsch unterpflügt den Wortschatz der Dörfer. Dazu fallen englische Worte wie Heuschrecken über die deutsche Sprache her. Neuerdings wirbt der Bundesverkehrsminister auf Englisch für das Tragen von Fahrradhelmen ("Looks like shit. But saves my life"). Dass Andreas Scheuer aus Bayern kommt, macht die Sache nicht besser, im Gegenteil. Dort bemüht er sich in Lodenjacke um sein Oberbayrisch und gibt den netten Seppel.

Der Mann aus Laiz müht sich ab

Kretschmann wirkt glaubwürdiger. Der Mann ist ein wandelndes Sprach-Monument. Er nuschelt nicht, sondern zelebriert die Bildung der Worte zwischen Zunge und Mundhöhle. Man leidet mit und ahnt: Das ist harte Arbeit. Doch steht er mit seiner Offensive auf verlorenem Posten. Die Dialekte verflüchten sich zunehmend in geschützte TV-Nischen oder Feste wie die Fasnacht. Wer nach oben will, wird sich eine neutrale Aussprache zulegen und sein Business-Englisch polieren. Work-and-Travel führen eine 20-Jährige nach Neuseeland – nicht in den Schwarzwald. Potatoes statt Grombirra.

Mundart bleibt mündlich

So kommt der Dialekt unter die Räder. Er besitzt Charme und Direktheit, doch fehlt ihm eines: Man kann ihn nur mit Mühe schreiben und noch schwerer lesen. Mundart bleibt mündlich. Für den großen Radius reicht es nicht. Im besten Fall behauptet sich der Dialekt in kleinen Orten. Für das globale Gespräch ist er leider ungeeignet.