Haigerloch – Fasnacht kommt von Fastenzeit kommt von Ostern. Auf diese Formel lässt sich der Vortrag bringen, den Erzbischof Stephan Burger vor den Chefs und Chefinnen von 68 Narrenünften hielt. Der katholische Geistliche war einigeladen, um über den Zusammenhang von Fasnacht und Kirche zu sprechen. Beide sind eng verbunden, erklärte Burger in seinem sorgfältigen und begeistert aufgenommenen Vortrag – der war so rund, dass auch Fasnachts-Experte Werner Mezger nur Anmerkungen anfügen konnte.

Einmal jährlich treffen sich die 68 Zunftmeister der Vereinigung Schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte (VSAN) nebst Elferräten zur Herbsttagung. Dabei wird jeweils inhaltlich gearbeitet, wie Verbandspräsident Roland Wehrle erläuterte. Die Vereinigung versteht sich als Werte-orientiert. Es gehe nicht nur darum, mit der Maske durchs Dorf zu laufen, sondern eine Tradition fortzuführen. Das ist Wehrles erklärter Standpunkt, den er mit vielen Hästrägern teilt. "Wir sind die schwäbisch-alemannische Glaubenskongregation", sagte der Narrenpräsident launig unter Anspielung auf eine wichtige Vatikan-Behörde.

Dass war schon die Überleitung für den Erzbischof von Freiburg. Ihm gelang es schnell, den Lärm auf Kneipenpegel der etwa 600 Narrenräte zu dimmen. Burger stammt aus Löffingen, das selbst Mitglied der Narrenvereinigung ist. Er bettete die Fasnacht in den christlichen Kalender ein: 40 Tage vor Ostern liegt der Aschermittwoch. Mit ihm beginnt die Fastenzeit, die fünf Tage davor ist die Fasnacht. Bereits die Ähnlichkeit der Begriffe verweist darauf, dass beides zusammenhängt und sich bedingt.

Der Erzbischof bedauert, dass dieser innere Zusammenhang nicht mehr bewusst ist; dass Fasnacht von manchen Narren und Mitfeiernden als eine Variante der ganzjährigen Party interpretiert wird und der größere Zusammenhang verloren gehe. "Die Fasnachtsbräuche sind christlichen Ursprungs", unterstrich er.

Ein Berührungspunkt sind die Narrenmessen in den katholischen Kirchen. Sie finden am Fasnachtssonntag statt oder auch bei Narrentreffen. Stephan Burger befürwortet diese Messen und ihre andersartige Optik. Sie seien Ausdruck von Lebensfreude. Auch die gereimten Predigten findet er in Ordnung. Nur dürfe die Veranstaltung nicht aus den Fugen gehen, wenn bestimmte Grenzen überschritten würden. Humor in der Kirche sei nicht zu verwechseln mit Spott über die Kirche. Er erhalte immer wieder Beschwerden von Gottesdienstbesuchern, die befremdet wären über die Gestaltung mancher verunglückten Messe für Narren.

VSAN-Präsident Roland Wehrle war hochzufrieden mit der Herbsttagung. Er sieht die organisierte Fasnacht in der Pflicht: Sie kümmere sich um die Tradition und bewahre sie, auch wenn es nicht einfach ist. Ein Instrument dafür sei der Narrenschopf in Bad Dürrheim, der gerade neu aufgestellt und organisiert werde. In Zukunft soll man dort auch einen Kindergeburtstag feiern können: Im Narrenschopf statt bei McDonald, Fasnetsküchle statt Muffins.

Vom Hochrhein
bis ins Allgäu

  • VSAN: Die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) wurde 1924 gegründet und ist bildet den ältesten Dachverband in Baden-Württemberg. Ihm gehören Narrenvereine in Baden, Württemberg, Schweiz (Willisau) sowie im bayerischen Allgäu an. Sie zählt 68 Mitglieder, deren Brauchtum meist sehr alt ist und bis ins Mittelalter zurückreicht.
  • Aufgaben: Die Vereinigung funktioniert wie eine Gewerkschaft – als Interessenvertretung. Größte Herausforderung sind die vielen Auflagen, mit denen Zünfte zu kämpfen haben, Tendenz steigend. Die Anforderungen an Sicherheit und begleitete Umzüge werden immer höher. Damit wird es für Narrenvereine auch kostspielig, zum Beispiel ein großes Narrentreffen auszurichten. Manche Zunft winkt bereits im Vorfeld ab.
  • Vorsitz: Präsident der VSAN ist Roland Wehrle aus Furtwangen. Der Ort für die Herbsttagung wechselt jährlich. 2018 war Haigerloch der Schauplatz für das Treffen – Teil des alten Fürstentums Hohenzollern.
  • Kulturerbe: Die schwäbisch-alemannische Fasnacht ist auf der Grundlage der UNESCO-Konvention in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes eingetragen. Das bedeutet: Das Brauchtum ist besonders zu schützen. Der Fingerzeig richtet sich vor allem an jene Behörden, die den Zünften immer schärfere und dazu teure Auflange machen.

Dialekt: Schreibt man nun Fasnacht oder Fastnacht? Oder heißt es richtig Fasnet? Wehrle und der Beirat der VSAN wünschen sich die Schreibung mit "t" – also Fastnacht. Nur in dieser Schreibung komme zum Ausdruck, dass die lustigen Tage auf die Fastenzeit hinführen. Dagegen sprechen die Feinheiten des Dialekts: Je nach Ort sagt man Fasnacht oder Fasnacht – so wie sich auch die Verkleidung unterscheidet oder die Masken.

Uli Fricker