Robert Mürb ist kein Kampfbadener. Dabei hätte der 86-jährige Karlsruher in diesen Tagen allen Grund dazu, noch einmal die Revolution auszurufen. Gerade erst ist das hochnotpeinliche Flaggentheater um den verbotenen Aufzug der badischen Flagge auf dem Karlsruher Schloss ausgestanden und die gelb-rot-gelben Farben flattern wieder auf der Residenz, da wittern die Badener im Streit um die Co-Finanzierung der Sanierung des Mannheimer Nationaltheaters erneut eine Zweite-Klasse-Behandlung ihrer Kultureinrichtungen durch die in Stuttgart angesiedelte Landesregierung.

46,4 Prozent der Einwohner leben in Baden

Mürb kann im Detail vortragen, wieviel Landesgelder seit dem Jahr 2000 in württembergische Kulturbauten geflossen sind – 223 Millionen Euro – und wieviel in badische – nämlich 73 Millionen Euro, zumindest nach Mürbs Rechnung. Dieses Missverhältnis setze sich in vielen Bereichen fort, ob Krankenhausbauten oder Städtebauförderung. Und das, obwohl allein 46,4 Prozent der Bevölkerung von Baden-Württemberg in Baden auf rund 46 Prozent der Landesfläche lebten. "Aber es ist gelungen, ins allgemeine Gedächtnis der Menschen einzupflanzen, dass Württemberg doppelt so groß und damit doppelt so wichtig ist", sagt Mürb.

Immer wieder Stuttgarter Zentralismus

Der überzeugte Badener, CDU-Kommunalpolitiker, langjähriger Leiter des Karlsruher Gartenbauamtes, emeritierter Professor für Landschaftspflege und Träger der Großen Staufermedaille das Landes, ist Vorsitzender der Landesvereinigung Baden in Europa. "Baden-Württemberg ist ein Bundesland, das bestreiten wir nicht", sagt Mürb. "Und ich wäre nie Vorsitzender einer Vereinigung zur Wiederherstellung von Baden geworden. Aber wir arbeiten gegenüber Stuttgart die Interessen Badens heraus, und da liegt vieles im Argen." Das Wort vom Stuttgarter Zentralismus, unter dem die Badener seit der Landesgründung leiden, fällt immer wieder. Immerhin, räumt Mürb ein, habe sich mit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) schrittweise etwas verschoben – die Badener finden mittlerweile offenere Ohren für ihre Anliegen bei den jährlichen Besuchen des Regierungschefs und der Landtags-Fraktionsvorsitzenden in Karlsruhe. Und dennoch braucht es – siehe Flaggenstreit – nicht viel, damit das badische Blut in Wallung gerät. "Das ist in der Bevölkerung einfach drin", sagt Mürb.

"Der Badener ist frei, liberal und tolerant"

Dass es dabei "die Badener" im eng umgrenzten regionalen Sinn nicht gibt und sich von Heidelberg über Mannheim und Karlsruhe bis nach Freiburg und an den Bodensee hinunter ganz unterschiedliche Typen unter den gelb-rot-gelben Farben tummeln, zeugt für den 86-Jährigen gerade von der Offenheit der Badener. "Der Badener ist, frei, liberal und tolerant. Wer herzieht, ist bei uns ein Zugereister. Und im Württembergischen eben ein 'Reigschmeckter'- da hört man schon, dass der nicht willkommen ist." Was Badener verbinde, so Mürb, sei das Heimatgefühl. "Alle singen mit Insbrunst das Badnerlied, ob bei Festen oder im Station von Hoffenheim bis Freiburg. Die Württemberger kennen so etwas gar nicht. Dafür haben sie die Kehrwoche."

"Älles, älles Schtuagert-Syndrom"

Wer sich mit einem anderen Experten der Landesgeschichte, dem ebenfalls in Karlsruhe lebenden Mannheimer Historiker Klaus-Jürgen Matz, über die Wurzeln des badischen Furors gegenüber Württemberg unterhält, dem schwirrt schnell der Kopf. Matz, Verfasser etlicher landeskundlicher Schriften, tänzelt so leichtfüßig durch die Geschichte des Südwestens und seiner badischen, kurpfälzischen, württembergischen, hohenzollerischen, vorderösterreichischen und sogar bayerischen, zudem lutherischen, calvinistischen und katholischen Herrscherhäuser, dass ein Verfolgungsversuch Schwindel erregt. Die heutige badische Klammer nennt Matz das "älles, älles Schtuagert-Syndrom" – ob Altbadener, Südbadener oder Kurpfälzer – "die haben alle etwas gegen Stuttgart, aber aus unterschiedlichen Motiven." Ein geschlossenes badisches Bewusstsein, glaubt Matz, gibt es nicht.

"Lieber leben und leben lassen"

Generell rät der Historiker in der "badischen Frage" zu mehr Gelassenheit. Auch dem Ministerpräsidenten, der im Flaggenstreit darauf verwies, dass es keine badischen und württembegischen Landesgrenzen mehr gebe, sondern nur noch baden-württembergische. In Nordrhein-Westfalen etwa würde das kein Ministerpräsident sagen, glaubt Matz. "Die Landschaftsverbände ertragen sich da einfach. Und leben und leben lassen wäre vielleicht besser, als ständig zu betonen, dass das Bundesland eins ist."