Herr Stein, vor ungefähr drei Jahren befassten Sie sich erstmals intensiver mit dem Fall, fingen an einen Spielfilm dazu vorzubereiten. Was reizte Sie daran?

Ich begann damit im März 2016, habe aber das Drehbuch nicht geschrieben. Als Sohn eines Staatsanwalts mit Schwerpunkt Wirtschaftskriminalität bin ich mit dem Thema quasi groß geworden. Auch habe ich selbst Volkswirtschaft studiert. Mein Vater würde sich womöglich im Grabe herum drehen, wenn er wüsste, dass ich jetzt an einen Film arbeitete, der den erfolgreichsten „weiße Kragen-Gauner“ der deutschen Nachkriegsgeschichte als Protagonisten hat. (Stein lacht). Mein Vater hatte einst mehrere Großverfahren von diesem Typus geführt.

Niki Steinwurde arbeitet als Regisseur und Drehbuchautor. Bekannt wurde der 58-Jährige vor allem durch seine Arbeit für den Tatort, bei dem er seit 1972 mitwirkt. Weitere bekannte Filme sind das Drama Bis nichts mehr bleibt und Morgen musst Du sterben.
Niki Steinwurde arbeitet als Regisseur und Drehbuchautor. Bekannt wurde der 58-Jährige vor allem durch seine Arbeit für den Tatort, bei dem er seit 1972 mitwirkt. Weitere bekannte Filme sind das Drama Bis nichts mehr bleibt und Morgen musst Du sterben. | Bild: Stefan Jehle

Seit wann kennen Sie persönlich die Vorgänge um Flowtex?

Damals habe ich das natürlich verfolgt, und lebte, damals wie heute, in Frankfurt. Ich war da relativ fassungslos: nach Fernsehberichten und Artikeln im Spiegel war ich bass erstaunt, wie da jemand über Zeiträume von mehr als zehn Jahren derart krasse Geschäfte vorspiegeln kann. Da wurde ja nicht nur eine Diskrepanz von 50 Maschinen vorgelogen, am Ende standen über 2000 solche Geräte in den Büchern. Real existierten, glaube ich, 280. Das war alles unvorstellbar. Auch, wie leicht man es ihm dabei offenbar gemacht hat.

Wie lief das Gespräch mit dem 2002 zunächst zu zwölf Jahren Haft verurteilten Milliardenbetrüger, von denen er dann später siebeneinhalb Jahre absaß, auf Mallorca dann ab?

Schmider hatte ganz offen über die Ereignisse geredet, also auch über die Tricksereien. Und auch wie er das anstellte. Er hatte mir beim Besuch auch einiges erzählt über das Geldwäschesystem. Vieles war mir da zuvor nach der Recherche noch nicht so ganz klar. Zudem stimmt wohl vieles nicht, was bis heute über ihn erzählt wird. Mit seiner sozialen Herkunft als ehemaliger Schrotthändler wird der ehemalige Flowtex-Chef da schnell mal in einen Topf geschmissen. Man hat dann schon schnell mal so ein Bild. Es geht aber nicht darum ein Porträt von Herrn Schmider zu erzählen.

Der ehemalige Geschäftsführer der Betrugsfirma Flowtex, Manfred Schmider, wurde wegen Millionenbetrugs verurteilt. Bild: dpa
Der ehemalige Geschäftsführer der Betrugsfirma Flowtex, Manfred Schmider, wurde wegen Millionenbetrugs verurteilt. Bild: dpa | Bild: Walter Bieri

Welche Aspekte am Ablauf der Ereignisse vor der Festnahme 2000 stehen für Sie im Fokus?

Es wäre noch ein weites Feld für die Recherche: welcher Aufklärungsdruck war damals tatsächlich da, gerade beim Staat? Da wird manches gerne weggetuscht. Da war die Landesbank, die mit Krediten in der Firma Flowtex engagiert war. Da waren andere Banken. Da sind ja letztlich auch viele Steuergelder dabei gewesen. Da bleibt die Vermutung, dass man da nicht zu genau hin schauen wollte. Es bleibt auch verwunderlich, dass die Betriebsprüfer des Finanzamtes das mehr als fünf Jahre lang nicht gemerkt haben wollen.

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Da wird auch bis heute so eine Art Deal beim Staat vermutet: solange Steuerzahlungen reinkommen, gucken wir weg, zudem hätte es ohne Schmider – zum damaligen Zeitpunkt, 1996, zumindest – keinen Regionalflughafen Karlsruhe/Baden-Baden, gegeben...

Da bleibt im Rückblick schon einiges sehr eigenartig. Es ist sicher richtig, wenn man sagt, lokale Politiker hätten weggeguckt, weil sie den Flughafen in Söllingen wollten, den Schmider finanzierte. Und am Firmensitz von Flowtex in Ettlingen hatte man womöglich nicht so genau geschaut, weil man um die Gewerbesteuer fürchtete. Auch die Verstrickungen des früheren FDP-Landesvorsitzenden Jürgen Morlok hinterlassen viele Fragezeichen. Der war ja sogar mit Teilhaber. Das ist ja überhaupt nicht zu verstehen, und bleibt ein Skandal.

Was ist im Film real, was fiktional?

Den Teil der Geschichte, der sich um Manfred Schmider dreht, erzählen wir als Bestandteil der Zeitgeschichte. Andere Figuren, wie auch sein einstiger Kompagnon, Klaus Kleiser, wurden stark verändert. Der Schmider heißt im Film Brenner. Der Vertreter der örtlichen Bank beispielsweise nennt sich Stüberle. Auch von den Namen her ist vieles stark verändert. Manche Figuren, die als klassisches Beiwerk gelten, haben dabei auch ein juristisches Recht auf Vergessen. Wir haben uns auf das fokussiert, was juristisch beweisbar ist.

Schauspieler Hans-Jochen Wagner übernimmt im Film die Hauptrolle des Manfred "Big Manni" Schmider. Bild: Stefan Jehle
Schauspieler Hans-Jochen Wagner übernimmt im Film die Hauptrolle des Manfred "Big Manni" Schmider. Bild: Stefan Jehle | Bild: Stefan Jehle

Hat sich Schmider zu den Landes- und Regionalpolitikern geäußert?

Nicht in dem Sinne, die Typen hätten sich alle nur in seinem Licht gesonnt. Was er allgemein äußerte, war, er hätte noch nie so viele Freunde verloren wie in den drei Tagen (Anm.d.R.: bei Verhaftung im Februar 2000), wo er sozusagen von ganz oben nach ganz unten gefallen ist. Leute also, die jahrelang Schampus bei ihm getrunken und Austern geschlürft haben, die wollten nun alle plötzlich nichts mehr von ihm wissen. Damit wird er die Politiker meinen.

Der Film läuft am Mittwoch, 1. Mai, ab 20.15 Uhr in der ARD.