Herr Dr. Rösler, was fällt Ihnen zu diesem Foto eines Wolfs ein?

Er schaut relativ unbeteiligt und ein bisschen neugierig. Er wirkt klug und zeigt keine Emotionen im Gesicht.

Bei vielen Menschen lösen Wölfe große Emotionen aus. Dieses Tier bewegt uns, während andere Zuwanderer im Tierreich kaum beachtet werden. Woran liegt das?

Ich widerspreche Ihnen. Es ist eine kleine Gruppe von Wolfsgegnern und eine kleine Gruppe von Wolfsfreunden oder „Wolfskuschlern“, die insbesondere in den Sozialen Medien, aber teils leider auch in den klassischen Printmedien die Debatte zu bestimmen droht. Die meisten Menschen sind schon am Thema interessiert. Rotkäppchen und Angstmacherei wirken schon – sehen den Wolf aber pragmatisch.

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Was heißt pragmatisch? Man freundet sich mit dem Gedanken an, dass der Wolf zurückkehrt?

Landesjägermeister Friedmann sagt: „Wenn der Wolf nach Baden-Württemberg zurückkehrt, gehört er zur biologischen Vielfalt des Landes“. Das ist pragmatisch. Ansonsten ist der Wolf längst zurück. Wir zählen in Deutschland 73 Rudel, das sind 600 bis 700 Tiere. Im Norden und Osten Deutschlands hat er sich vielerorts fest etabliert.

Wer Tiere im Freien hält, fürchtet den Wolf. Was sagen Sie den Besitzern von Weidetieren?

Ich verstehe jeden Schäfer, der sagt: „Der Wolf kann mir gestohlen bleiben.“ Deren Stundenlohn ist zwar unter Grün-Rot und Grün-Schwarz von 4,50 Euro auf 8 Euro gestiegen – das erste Mal seit Jahrzehnten, dass Schäfer eine kräftige Aufstockung erfahren – dank uns Grünen. Das ist aber noch immer zu wenig und zeigt mir: Wenn die Tierhalter zusätzliche Kosten wegen des Wolfes haben, muss das umfassend und unbürokratisch ausgeglichen werden. Wir Grüne verstehen uns als Brückenbauer zwischen Weidetierhaltern und Naturschützern. Das gilt auch ausdrücklich für mich selbst. Ich hatte privat und beruflich schon immer viel mit Landwirten und Schäfern zu tun.

Wie werden mögliche Schäden für den Schäfer dann ausgeglichen?

Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland, das einen Wolfsrissfonds aufgebaut hat, in dem Jagd- und Naturschutzverbände kooperieren – das ist vorbildlich. Aus diesem Topf werden die geschädigten Tierhalter unbürokratisch, angemessen und schnell entschädigt. Größere Kosten fallen aber bei Elektrozäunen und Herdenschutzhunden an. Wir haben gemeinsam mit anderen bei der EU erreicht, dass diese im Gegensatz zu früher ab 2019 zu 100 Prozent bezahlt werden dürfen. Das ist ein großer Schritt. Bei den Personalkosten haben wir noch keinen Fortschritt bei der EU: Mehr Schutz bedeutet auch mehr Arbeit – da sind wir dran.

Werden die Gelder aus dem Fonds denn genutzt?

Ja, sogar ziemlich schnell. Die Auszahlung erfolgt in der Regel eine Woche nach dem Antrag.

Die Grünen sind die erste Partei im Land, die ihre Gedanken zum Wolf in ein Positionspapier packt. Darin heißt es: Bestimmte Tiere soll man schießen dürfen.

Diese Position ist nicht neu. Den ersten Wolf in Deutschland, der amtlich abgeschossen wurde, hat ein grüner Landesminister in Niedersachsen freigegeben. Im Augenblick steht ein Wolf in Schleswig-Holstein zum Abschuss – genehmigt von einem grünen Umweltminister. Wir sind pragmatisch unterwegs, entgegen anderer Behauptungen. Das geht alles auf Basis des Bundesnaturschutzgesetzes und in begründeten Einzelfällen. Das Jagdrecht benötigen wir dazu allerdings nicht. Im Gegenteil, entgegen diverser populistischer Behauptungen vorbei an der Realität würde dies die Vorgänge bürokratisieren – und daran kann wirklich kein Mensch Interesse haben.

Inzwischen werden weitere Rückkehrer beobachtet. Zum Beispiel der Schakal.

Der Goldschakal kommt über den Balken und Ungarn zu uns. Er ist kleiner als der Wolf. Deshalb fällt er viel seltener Nutztiere an. Ein Rind kann er nicht angreifen, anders als der Wolf, der wiederum gefährlich für den Goldschakal selbst ist.

Sie zählen zu den Fachleuten in dieser Materie. Seit wann befassen Sie sich damit?

1990 hatte ich einen Kollegen im Biosphärenreservat Spreewald. Er wies mit alten Unterlagen nach, dass die Wölfe an jene Orte zurückkommen, die sie vor 150 oder 300 Jahren zuletzt besiedelten. Ich konnte diesen interessanten Aspekt auch für für Baden-Württemberg nachweisen.

Dann kehrt der Täter an den Tatort zurück…

... Nein, der Wolf ist kein Täter, sondern ein Säugetier. 1992 gab es im Parc national du Mercantour das erste Wolfsrudel Frankreichs. Es stammt von den Wölfen ab, die im italienischen Apennin überlebt haben. Ich war damals fasziniert, wie französische Kinder an ganzen Computer-Klassensätzen mit dem Wolf und seinem Lebensraum vertraut gemacht wurden. Da waren sie Deutschland um Jahre voraus.

Wann sahen Sie den ersten Wolf?

Viele Jahre lang bereiste ich Wolfsgebiete in Europa – von Portugal über die Pyrenäen bis in die Hohe Tatra in Polen und die rumänischen Karpaten. Übrigens eine Erfahrung aus all diesen Ländern Europas, in denen der Wolf immer da war: Überall dort war und gibt es zugleich Weidetierhaltung – in völlig unterschiedlichen Situationen. Wolf und Weidetierhaltung, das zeigt uns die Praxis aus ganz Europa: Es schließt sich nicht aus. Seit Kindesbeinen bin ich Vogelkundler und weiß, wie man sich vorsichtig in der Natur bewegt. Und doch habe ich noch nie einen wilden Wolf gesehen. Aber irgendwann wird das der Fall sein. Vielleicht in den neuen Bundesländern.

Sie schwärmen. Doch einem Schäfer wird diese Begeisterung fremd bleiben.

Das ist doch logisch. Vielleicht können sich die beiden Seiten doch ergänzen. Es gibt im Land eine Kooperation zwischen Nabu und Landesschafzuchtverband. Dabei wird nach verbessertem Schutz für die Weidetiere gesucht. Neue, leichtere Zäune, Herdenschutzhunde speziell für unsere auch touristisch genutzte Gebiete, erfolgreiche Herdenschutz-Erfahrungen aus der Schweiz. So sollte es in Zukunft laufen: Kooperation zwischen unterschiedlichen Partnern. Andere Länder sind da durchaus neidisch auf die Kooperationen bei uns.

Die Herdenschutzhunde sind schön und gut – und teuer.

Sie kosten in der Anschaffung zwischen 500 und 4000 Euro. Andere Länder unterstützen die Anschaffung der Hunde. Baden-Württemberg macht das als einziges Bundesland anders: Das Umweltministerium bezahlt den Unterhalt mit 1950 Euro pro Jahr und Hund und damit die strukturellen, jährlichen Kosten. Freilich, mit diesen Hunden muss man auch umgehen können. Das kann und will nicht jeder Schäfer. In vielen Bundesländern und Staaten sind die Erfahrungen mit diesen Hunden sehr gut. Von dort werden meist keine Übergriffe des Wolfes mehr gemeldet.

Fragen: Uli Fricker

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